15.2.2021

Karneval vor 87 Jahren

Beschreibung der Karnevalstage 1934 in Kleve von Karl und Willi Leisner

2014_03_02_Kleve

Karl Leisner (1915-1945) in seinem Tagebuch Nr. 9

Kleve, Sonntag, 11. Februar 1934, Karneval
Kommunionsonntag. ([Gebetsanliegen:] Generalpräses [Ludwig] Wolker – Drei Reiche – Abi­tur – Kame­radschaft – Sühne – Reinheit). Morgens bis 12.30 Uhr im [Jungmänner-]Heim „Kriegsrat und verbaute Bütt“! Abends 18.45 Uhr an der Nassauer Mauer „Kostümmuste­rung“. 19.00 bis 20.30 Uhr tolles Schmug­gelspiel der Sturmschar. Fünf Briketts sind in Verkleidung durch die Sperre von Löwenapotheke[1] bis Kapitelstraße hindurchzuschmug­geln. Ich gehöre zu den Zöllnern unter Hein W. [Wennekers]. – Mächtiger Fez! Auf­läufe! Aufse­hen! Zwei Br. [Briketts] haben wir. Das dritte fehlt zum Sieg. Mit 3:2 en­digt das Spiel. Hein K. [Kempkes] ist im Heim. Er hat – sorore adiutrice [mit schwesterli­cher Hilfe von Anna Kempkes] – die drei Sie­ger­briketts durchge­bracht. Was nun? Zum Präses [Heinrich Brey] – Ständ­chen! Er ist nicht zu Hause, oh! Dann „Propagandanarrenzug“ durch die Stadt! Wir treiben’s toll! Kreis spielen zuletzt! Dolle Stimmung! Zurück zum Heim! Dort ergibt sich von selbst [ein] toller Abend („Bütten“ – Ge­sänge – Spiele) – „Heia askari!“[2] – endigen wir Ne­ger. Das war [eine] tolle Fastnacht ohne Alko­hol! Freude, Frohsein, Frohsinn, Fröhlichkeit![3]

[1] Die Löwenapotheke befand sich früher in Kleve, Ecke Poststraße/Hagsche Straße, heute befindet sie sich im Ortsteil Kellen.
[2] Karl Leisner dachte an das Lied „Wie oft sind wir geschritten“.
[3] Seeger, Hans-Karl / Latzel, Gabriele (Hgg.): Karl Leisner. Tagebücher und Briefe – Eine Lebens-Chronik, Kevelaer: Butzon & Bercker 2014: 593f.

Willi Leisner (1916-2010) in seinem Tagebuch Nr. 5

„Fastelowend“ [Fastnacht]. „Fez“ mit der Sturmschar! Um 19.00 Uhr tra­fen sich die „Sturmscharzöllner“ an der Kapitelstraße im Kostüm. Wir sollten die „Bri­kett­schmuggler“ auf der Hagschenstraße abfangen. Lange bummelten wir „qualmend“ stadtauf stadtab, bis wir die ersten „Schmugg­ler“ er­kannten. Es kam zu einer wüsten „Schlägerei“ und „Lamentiererei“ in der Stadt. Zwei Briketts ergatterten wir. – Aber der Ober­häuptling Hein Kempkes blieb aus. So wurde es 21.00 Uhr. Schluß! So­fort gings zum Heim, wo Hein Kempkes schon wartete. Als Kavalier verklei­det war er mit seiner Schwester [Anna] ungehindert mit drei Briketts durchge­kom­men. Nachdem wir uns gegenseitig vorgestellt hatten, zogen wir singend durch die Stadt. Hier spielten wir unter allge­meinem Geläch­ter „Ringela­rose …“. Um 22.00 Uhr langten wir wieder im Heim an. Hier liefen noch verschiedene „Büt­ten“, Sologesänge und son­stige Sensa­tiönchen unter dem Motto: „Trotz Not und Verbot gute Laune“ vom Sta­pel. (Seit einigen Tagen ist nämlich für die konfessionelle Jugend im Re­gierungs­bezirk Düsseldorf Uniform- und Umzugverbot.) Um 23.00 Uhr mach­ten wir Schluß, um am anderen Mor­gen bei der 7.00-Uhr-Gemein­schafts­messe auch seinen Mann zu ste­hen. Dies waren wirk­lich schöne Faste­lowend, ohne Alkohol viel Freude![1]

[1] Leisner, W. Nr. 5: 12f.; Lebens-Chronik: 594

Karl Leisner in seinem Tagebuch Nr. 9

Kleve, Montag, 12. Februar 1934, Rosenmontag
Um 7.00 Uhr Gemeinschaftsmesse! 20 da. (Zweidrittel Sturmschar, neun­zehntel JMV) Schade! Ich bete wie Sonntag! Beson­ders auch denke ich an die Flut der Vertiertheit und Un­zucht, die in diesen Ta­gen die Men­schen besu­delt.[1]

[1] Lebens-Chronik: 594

Kleve, Dienstag 13. Februar 1934
Abends 18.00 Uhr Prunksitzung des [Jungmänner-]Vereins im Heim! Sau­ber! – Die Sturmscharbütt laff, nächstes Jahr besser! – Nachher bis 23.00 Uhr „Lokal­bummel“. Pfui Teufel, Schnaps und Dirne, ist Trumpf. Plan für näch­stes Jahr: „Sturmschar-Jungmannschaft für Reinheit an die Front! Nach vorheriger Schulung und Kommunion: Sprengung solcher Lasterlö­cher! Sitt­lichkeitspoli­zei!“ – Und über der schmutzigen, unzüchtigen Menschheit läßt Gott leuchten die samtgoldene Pracht eines reinen, keu­schen Sternen­him­mels![1]

[1] Lebens-Chronik: 596

Willi Leisner in seinem Tagebuch Nr. 5

Um 18.11 Uhr hatte der [Jungmänner-]Verein seinen Fastelowend. Es wurden wirklich lustige Sachen gezeigt. Nur fielen die Bütten[reden] aus der Rolle. Bis 23.00 Uhr machten wir mit der Sturmschar noch einen Bum­mel durch die Stadt.[1]

[1] Leisner, W. Nr. 5: 13f.; Lebens-Chronik: 596

Karl Leisner in seinem Tagebuch Nr. 9

Kleve, Mittwoch, 14. Februar 1934, Aschermittwoch
„Memento homo, quia pulvis es et in pulverem reverteris“ [Bedenke, Mensch: Staub bist du und kehrst zurück zum Staub. vgl. Gen 3,19[1]]. – Sühne­kommunion, Stärkung in Reinheit! Von 12.00 Uhr bis 12.45 Uhr er­schütternder Vortrag Dr. [Heinrich] Schönzelers über das Dritte Reich! Das Gewaltige geht mir auf![2]

[1] Einzig mit dieser Formel wurde das Aschenkreuz ausgeteilt; heute lautet eine alterna­tive Formel: „Bekehrt euch und glaubt an das Evangelium.“
[2] Lebens-Chronik: 596f.