12.6.2020

Kranz und Krone

Welche Vorstellung verbinden Sie mit einer Krone? Vielleicht denken Sie dabei zuerst an Macht und Herrschaft. Anderes erfahren wir bei einem Kind. Setzt man ihm eine Krone auf den Kopf und läßt es zum Beispiel im Kreis gehen, empfindet es intuitiv die Wirkung seines Kopfschmuckes. Es richtet sich auf, seine Haltung wird würdevoll und seine Bewegungen werden harmonisch und rund. Alles gleicht einem runden und ausgewogenen Kronreif.

Auch wenn die Krone nicht aus Gold oder Silber ist, vermag sie im Kind eine gewisse Ahnung zu wecken, daß es selbst eine Krone der Schöpfung ist.

Viele Märchen erzählen, wie man Königin oder König wird und damit die Königskrone gewinnt. Dabei geht es nicht um äußere Macht und Stärke; denn gerade der äußerlich Schwächste erlangt oft die Krone. Nur wer innen rund und reif geworden ist, also die Krone auch in sich trägt, ist der äußeren Krone würdig. Der Weg dahin ist schwer und leidvoll, aber am Ende steht die Hochzeit.

Wer reif ist, König zu werden, ist auch reif für die Vermählung mit der Königin. Bei ostkirchlichen Hochzeiten wird über das Brautpaar eine Krone gehalten.

Bevor es die Krone aus Gold und Silber gab, wurden Kränze aus Blättern gebunden. Bei den alten Germanen ist ein solcher Kranz das Zeichen der Freien, und zwar als Symbol für äußere und innere Freiheit. Der innerlich freie Mensch ist der königliche Mensch.

An einigen deutschen Königs- beziehungsweise Kaiserkronen sind noch an den Zacken deutlich die ausgeprägten Blattformen zu erkennen.

 

Wir kennen aus den alten Kulturen den Kranz aus Lorbeerblättern, er wurde den Siegern über den Kopf gehalten oder aufgesetzt. Auch hier gilt nicht nur derjenige, der äußerlich eine sehr gute Leistung erbracht hat, als Sieger. Wirklicher Sieger und damit König ist der Sieger über sich selbst.

Heute wird der Kranz vielfach durch einen Strauß ersetzt, so zum Beispiel beim Richtfest eines Hauses. Hier und da tritt er aber noch in Erscheinung, unter anderem beim Maibaum oder bei der Ehrung eines Rennfahrers.

Beim Einbringen der Ernte zum Erntedank fehlt er ebensowenig wie bei der Bestattung und Ehrung der Toten.

In Indien legt man dem Gast als Willkommensgruß einen Kranz in Form einer Blütengirlande um den Hals. Die Christen erwarten im Zeichen des Adventskranzes das Weihnachtsfest.

 

Das Symbol des Kreises steht hinter dem Kranz und hinter der Krone. Unser Streben nach Vollendung findet im Kranz ein Zeichen für das Abgeschlossene. Es gibt keinen Anfang und kein Ende, darin spiegelt sich auch das Symbolträchtige des Ringes. So leben wir voller Erwartung auf die Krone des Lebens, die uns bei der Wiederkunft Christi am Ende der Zeiten überreicht wird.

Ich wünsche Ihnen den Glauben an die Verheißung, wie sie die Offenbarung des Johannes prophezeit: „Sei treu bis in den Tod; dann werde ich dir die Krone des Lebens geben.“ (Offb 2,10)