16.7.2021

Krone des Baumes

Bäume gehören zur väterlichen und mütterlichen Welt. Beide bieten uns Schutz und Geborgenheit, wobei wir die Tiefe mit ihrem Geflecht von Wurzeln eher der Mutter zuschreiben und die Höhe mit ihrer Baumkrone und dem Geflecht von Zweigen und Blättern dem Vater. Die Zweige breiten sich aus wie Arme, die sich zum Himmel strecken, während die Wurzeln im Erdreich Fuß fassen. Dem Auge ist sichtbar, was im Licht atmet, und verborgen, was sich von den Säften der Erde nährt. Doch ist es die Kraft ein und desselben Wesens, das hier an Höhe und dort an Tiefe gewinnt. Bäume werfen Schatten, je größer der Baum, desto größer der Schatten. So ist es auch bei uns Menschen: Große Menschen haben einen großen Schatten.

Wir sollten aber nicht vergessen, wie lindernd an einem heißen Sonnentag ein schattiger Baum sein kann. Der Baum hat seine Schattenseite, um uns unter anderem vor Sonnenbrand zu schützen.

 

Bäume wachsen zwar nie in den Himmel, aber sie wachsen gen Himmel. Je höher sie zum Himmel streben, desto tiefer reichen ihre Schatten hinab. Ähnlich verhält es sich beim Menschen. Er fühlt die menschlichen Leiden und Leidenschaften in ihrer letzten Tiefe und bleibt doch bei allem Höhenflug seines Geistes erdgebunden.

Buchmaler haben die Geburt Jesu nicht selten in einer Höhle oder einer Grotte dargestellt. In einer Buchmalerei hat der Künstler das Jesuskind wohlgeborgen in ein schützendes Gartengehege gelegt. Ein Holzzaun verweist auf den Garten Eden, den Adam verdorben und verloren hat. Das Jesuskind soll das Verlorene wiederherstellen. Das geht nicht ohne den Weg des Leidens über den Kreuzesbaum; daher hat man es wohl auch in ein zur giftgrünen Dornenkrone gewordenes Pflanzengehege gemalt.