10.6.2020

Das Labyrinth

Das Wort Labyrinth läßt sich etymologisch unterschiedlich ableiten. Die einen meinen, es sei vorgriechischen Ursprungs und bedeute labrys (λάβρυς = Beil, Axt) „Haus der Doppelaxt“; die anderen stellen dies in Frage und führen es auf das griechische Wort labiros (λαβιροσ = Höhle, Fallgrube) zurück.

Laut Sig Lonegren (* 1941) haben die Griechen einen minoischen Mythos ihren Zwecken angepaßt und wählten, um ihre Position zu beschreiben, den Ausdruck Labyrinth statt Irrgarten.

Im Gegensatz zum Labyrinth, in dem ein einziger Weg vom Eingang bis in die Mitte führt, stellt der Irrgarten eine künstliche Anlage mit einem Netz von Verzweigungen, Sackgassen und Kreuzungen dar, die den Menschen im wahrsten Sinne des Wortes ohne „einen roten Faden“ tatsächlich „in die Irre führen“. Im alltäglichen Sprachgebrauch spricht man, auch wenn es sich um einen Irrgarten handelt, häufig von Labyrinth.

Das bekannteste Labyrinth befindet sich auf Kreta. Dädalus baute es im Auftrag von König Minos als Gefängnis für das aus einer Verbindung von dessen Gemahlin Pasiphae mit einem Stier, den Minos nicht, wie versprochen, geopfert hatte, stammende Ungeheuer Minotaurus, ein Wesen in Gestalt eines Menschen mit einem Stierkopf. Alljährlich wurden diesem sieben Jungfrauen und sieben Jünglinge aus Athen als Opfer vorgeworfen. Schließlich meldete sich der griechische Königssohn Theseus freiwillig, um das Untier zu töten. Ariadne, die Tochter von König Minos, verliebte sich in ihn. Deshalb gab sie ihm ein rotes Wollknäuel und ein Licht als Wegweiser und Leuchte mit. Dadurch gelang es ihm, nachdem er den Minotaurus besiegt hatte, den Weg durch das Labyrinth zurückzufinden.

Labyrinth vom kretischen Typ mit sieben Gängen

 

 

 

 

 

Wer sich in der Kathedrale von Chartres nicht nur von den großartigen Glasfenstern beeindrucken läßt, sondern auch im Mittelschiff auf den Fußboden schaut, entdeckt dort ein großes Labyrinth mit einem Durchmesser von zwölf Metern.

Mancher sieht darin vielleicht nur eine interessante Dekoration, übersieht dabei aber, daß solche Bilder den Menschen früher mehr als nur Schmuck bedeuteten.

Das Labyrinth stellt uns sehr eindrucksvoll vor Augen, wie schwer es ist, die Mitte zu erreichen. Es kann ein Bild für unseren Lebensweg sein.

 

 

Bis ins Mittelalter betrachtete man Jesus Christus als den neuen Theseus, der am Karfreitag in die Todesspirale hinabgestiegen war, um Tod und Teufel zu besiegen und zu Ostern die dort eingeschlossenen Menschen heraus ans Licht und zum Leben zu führen.

Das Labyrinth als Irrgarten ist ein Bild für die Ausweglosigkeit unseres Lebens. Das Begehen eines Irrgartens läßt uns erspüren, daß Irrwege, Holzwege und Sackgassen Teile unseres Lebens sind. Aber wir werden auch erfüllt von der Ahnung, daß eine Mitte zu unserem Leben gehört und unser Lebensweg ein Ziel hat. Wir brauchen einen „Ariadnefaden“, um den Weg durch die Irrgänge menschlicher Vernunft zum Licht zu finden.

Das Labyrinth ist zugleich ein Bild des Unterirdischen, des Dunklen und der Sünde. Eine Meditation dieses Bildes kann mich zur Erkenntnis meiner Gebrochenheit führen und mich erschrecken lassen, welches Ungeheuer vielleicht in meinem Innern wohnt. All das ist im allgemeinen durch das normende und eingrenzende Bewußtsein geschützt. Aber erst wenn ich den Abgrund in mir erkenne, kann ich bitten: „Herr, sei mir Sünder gnädig!“

Wenn wir den Faden abschneiden, uns nur auf uns selbst stellen und unser eigenes Denken verabsolutieren, könnte man das als Sünde bezeichnen. Buße bestünde dann darin, den Faden neu zu knüpfen, beziehungsweise ihn neu knüpfen zu lassen.

Wie oft haben wir das Gefühl, uns im Kreis zu drehen, und stellen fest, daß wir keinen Schritt weitergekommen sind, sondern wieder am Anfang stehen. Im Labyrinth von Chartres läßt sich dies gut nachvollziehen.

Wenn man den Windungen nachgeht, kommt man nach einiger Zeit wieder genau am Eingang an. Aber dann führt ein direkter Weg zur Mitte. Ich persönlich sehe darin eine Ermutigung, weiter vorzudringen. Wie leicht passiert es, daß wir kurz vor dem Ziel aufgeben, weil wir nicht wissen, daß es so nah ist. Dieses Bild zeigt uns auch die Ungewißheit des Todes. Oft kommt er wie ein Dieb in der Nacht, dann stehen wir plötzlich vor dem Ziel unseres Lebens und gelangen durch den Tod hindurch in das neue Leben.

Wer kann uns heute auf unserem Lebensweg Wegweiser und Wegleuchte sein?

Link zum Labyrinthpark in Hersonissos bei Heraklion auf Kreta