gerade geboren

gerade gestorben

16.3.2022

Lebensort und Sterbeort des Menschen

Für uns Menschen sind nicht alle Orte auf dieser Erde gleich wichtig. Ich beginne mit dem Ort meiner Geburt in Kleve am Niederrhein. Am 15. März 1936 brachte mich meine Mutter im Krankenhaus auf der Wöchnerinnenstation zur Welt. Wie sie mir erzählte, war die Geburt nicht ganz leicht.

Während meiner Zeit als Spiritual in Haus Aspel bei Rees am Niederrhein hielt ich gerade gemeinsam mit Schwester Margret Schrader einen Fastenkurs, als ich die Nachricht bekam, meine Mutter sei ins Klever Krankenhaus gekommen. Da wir den Fastenkurs zu zweit leiteten, war ich abkömmlich und konnte zu meiner Mutter fahren Dort durfte ich im Zimmer des Krankenhausseelsorgers übernachten.

Meine Mutter lag zuerst auf einer Intensivstation. Da ein anderes Zimmer nicht zur Verfügung stand, wurde sie auf ein freies Zimmer auf der Wöchnerinnenstation verlegt. Dort starb sie in meinem Beisein einen Tag nach meinem Geburtstag am 16. März 1993. Ich hatte ihr kurz vorher noch den Zopf gebunden, was für mich als Mann natürlich völlig ungewohnt nur laienhaft gelang. Danach sollte ich ihr nach einem Süppchen noch die Zähne reinigen, und dann begann sie wohl ihren Mittagsschlaf, aus dem sie plötzlich aufschreckte, und ich erlebte mit, wie sie ihren letzten Atemzug von sich gab.

Es ist verständlich, daß ich in Kleve auch beerdigt werden möchte, obwohl ich nirgendwo so lange gelebt habe wie in Billerbeck.

Ein sehr wichtiger Ort für mein Leben war München, wo ich an der Universität meine beiden Freisemester verbrachte. Dort genoß ich in meinem jungen Leben wirkliche Freiheit.

Wenn ich meine Tagebücher lese, staune ich, wie intensiv ich dort gelebt habe, Oberbayern eingehend kennenlernte und bei allem meine Wissenschaftliche Arbeit fertigstellen konnte. Mein Professor Joseph Gewiess (1904-1962) bewertete sie mit sehr gut und meinte, ich solle später promovieren. Da er kurz darauf nach einem Autounfall starb, kam es nie dazu, aber ich hätte es auch nicht gewollt.

Lebensorte können unter verschiedensten Gesichtspunkten wichtig sein. Wenn ich von Orten der Freiheit ausgehe, wurde nach München in den letzten Jahren auch Billerbeck ein Ort der Freiheit für mich. Das Alter macht es möglich!

Hugo von Sankt Viktor (1096-1141):
„Wer sein Heimatland liebt, ist noch ein zarter Anfänger. Derjenige, dem jeder Fleck auf Erden so viel gilt wie der, auf dem er selbst geboren wurde, hat es schon weit gebracht. Reif aber ist erst der, dem die ganze Welt zu einem fremden Ort geworden ist.“

Wie gut paßt dazu die früher oft auf Todesanzeigen verwendete Aussage: „Der/die Verstorbene ist heimgegangen.“

Siehe auch Impuls zum 28. Juni 2021 - Was ist für mich Freiheit?