Leider Gottes

Wissen wir, was wir da sagen, wenn wir einem Bedauern hinzufügen: „Leider Gottes!“?

Wir möchten glücklich leben. Doch selbst, wenn das „dem lieben Nachbarn gefällt“, und er uns in Frieden läßt, gibt es noch genügend Unglück und Leid, für das Menschen nicht verantwortlich zu machen sind.

Es gibt keine zufriedenstellende Antwort auf die Frage, warum Gott Leiden zuläßt, auf die Frage, ob er keine andere Welt hätte schaffen können, eine Welt ohne Leid. Die Fragen werde auch nicht weniger, wenn der Mensch Gott abschafft. Der Versuch einer Antwort auf oben genannte Fragen könnte lauten: „Das Leben hat nur einen Sinn, wenn das Leiden Gottes mit einbezogen wird, wenn Gott sich selbst in Jesus ins Leiden hineinverstrickt.“ Statt zu fragen: „Warum ist gerade mir dieses oder jenes passiert?“, wäre es sinnvoller zu fragen: „Wozu? Was soll ich daraus lernen?“ Ich könnte das Leid bis zum Lebensende in Dumpfheit ertragen. Aber sollte ich nicht eher suchen, ob es eine Verhei­ßung gibt für dieses Leben? Ich persönlich finde sie in meinem Glauben.

Hoffnung gibt mir, in der Botschaft des Evangeliums zu erfahren, daß Gott in Jesus Christus ganz in unsere Lei­denswirklichkeit eingegangen ist. Gott leidet nicht nur mit uns, er wird selbst zum Leid. Unzählige Texte christlicher Gebetstradition bezeugen die Erfahrung der Nähe Gottes im Leid. Sprachwissenschaftler erklären, der Ausdruck „Leider Gottes“ (Leider als eine Mehrzahlbildung von Leid) richte den Blick gerade auf das Mitleiden Gottes. Wenn Menschen früher sagten: „Leider Gottes muß ich dies ertragen!“, so meinten sie: „Nur im Blick auf das Leiden Gottes, auf sein Mitleiden, kann ich mein Leid tragen.“

Leiden kann durch die Nähe Gottes eine Wandlung erfahren, das dürfen wir im Blick auf Ostern sagen. Im Nachhinein hat schon mancher Leidende den Sinn seines Leidens er­kannt. Statt vom „Sinn des Leidens“ könnte man besser vom „Sinn im Leiden“ sprechen. Sinn kommt von dem indogerma­nischen Wort „sent = eine Richtung suchen“, es geht also um das Erspüren und Ertasten eines Weges.

Gott will das Leid nicht und schickt es nicht. Er ist dem Leidenden nahe und will die Überwindung des Leidens. Und daß dies geschieht, ist unsere Hoffnung, „Leider Gottes“ noch keine Erfüllung, aber diese Hoffnung gibt uns Kraft.

Worauf setze ich meine Hoffnung?