6.6.2019

Liebe und Tod sind geheimnisvoll aufeinander bezogen

Die Liebe und ihr ewiger Gegenspieler der Tod sind Thema in Philosophie und Literatur. Liebespaare sind Figuren in einem uralten Spiel, in dem die Liebe selbst und ihr alter Widersacher der Tod menschliche Gestalt angenommen haben.

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, ...“ (Hermann Hesse 1877-1962) Aber wir müssen uns zugestehen, daß der Anfang nicht bleibt. Die erste Liebe ist nicht durchzuhalten. Wer in der Verliebtheitsphase verharren will, muß sterben, wie zum Beispiel das Liebespaar Romeo und Julia; Ähnliches trifft auch für die Martyrer zu.

Das Drama schildert die Geschichte zweier junger Liebender, die verfeindeten Familien angehören und unter unglücklichen Umständen durch Selbstmord zu Tode kommen. Die Handlung des Stückes umfaßt einen Zeitraum von fünf Tagen und spielt zur Sommerzeit in der norditalienischen Stadt Verona.

* * * * *

Tristan fährt nach Irland, um im Namen des Königs von England um die Hand der schönen Isolde anzuhalten. Aber Tristan und Isolde verlieben sich ineinander und müssen sich nun heimlich treffen. Auch ihre Liebe endet unglückselig mit beider Tod.

 

* * * * *

Pyramus und Thisbe, deren Eltern verfeindet sind, verlieben sich. Die Geschichte endet zwar tragisch mit dem Tod der beiden Liebenden, aber durch ihre in einer gemeinsamen Urne beigesetzten Asche sind sie auf ewig miteinander verbunden.

 

* * * * *

Paul Claudel (1868–1955) schildert im Weltspiel „Der Seidene Schuh“ die Liebe zwischen Don Rodrigo und Donna Proeza. Das Stück spielt in Spanien gegen Ende des 16. Jahrhunderts. Die verheiratete Donna Proeza trifft sich während der Abwesenheit ihres Mannes mit ihrem Geliebten Don Rodrigo. Von Gewissensbissen geplagt, opfert sie der Jungfrau Maria einen seidenen Schuh, mit dem Anliegen, wenigstens einen hinkenden Fuß zu bekommen, falls sie sündige. Die sich über etwa 10 Jahre hinziehende Handlung des Stückes mit mehreren entscheidenden Wendungen endet letztendlich mit einem Gespräch der Liebenden, in dem Donna Proeza ihren Geliebten bittet, auf ihre gemeinsame irdische Liebe zu verzichten; denn das Opfer sublimiere ihre Liebe und öffne ihnen den Weg zum Heil.

* * * * *

Vieles im Leben verspricht die Erfüllung dessen, wonach wir uns sehnen. Das kann von der Sehnsucht nach einer Tasse Kaf­fee gehen bis zum Ver­langen nach Vollendung des Lebens. Aber letztlich ist unsere tiefste Sehnsucht auf Erden nicht zu er­füllen; denn es gibt noch eine Sehnsucht hinter der Sehn­sucht, und diese ist transzendent. Paul Claudel spricht in seinen Wer­ken von dem unerfüllbaren Versprechen, das von den Din­gen und Personen unserer Sehnsucht ausgeht. Das gilt vor allem für die Liebe zu einem Menschen. Im Welt­spiel „Der seidene Schuh“ wird der Mann von unerfüllter Liebe angetrie­ben; er ersteigt den Gipfel der Macht, findet aber erst im Opfer den Frieden. Die Frau, die sich ihm versagt, wird zu einer Ver­hei­ßung, die ihm nur die Liebe Gottes erfüllen kann. „Je suis la promesse qui ne peut être tenue et ma grâce consiste en cela même – Ich bin das Verspre­chen, das nicht gehalten werden kann, und eben darin besteht meine Gnade“, so äußert sich Lâla in Paul Claudels Roman „La Ville – Die Stadt“.

* * * * *

Trauer ist der Preis für die Liebe, aber der geliebte Mensch lebt in der Erinnerung weiter.