7.11.2022

Mystik und Psychotherapie

Zwei Wege zur ganzheitlichen Persönlichkeit

Die klassische Psychologie steht in einem ambivalenten Verhältnis zur Mystik. Einerseits kann sie einer mystischen Erfahrung den Weg bereiten, andererseits sich dieser aber auch in den Weg stellen. Viele therapeutische Anstrengungen richten sich allein auf die Stabilisierung des ICH aus. Das ICH soll in seiner Umgebung funktionieren, aber das reicht für eine wirkliche Heilung nicht aus.

Carl Gustav Jung (1875-1961):
„Unter allen meinen Patienten jenseits der Lebensmitte, das heißt jenseits 35, ist nicht ein einziger, dessen endgültiges Problem nicht das der religiösen Einstellung wäre. Ja, jeder krankt in letzter Linie daran, daß er das verloren hat, was lebendige Religionen ihren Gläubigen zu allen Zeiten gegeben haben, und keiner ist wirklich geheilt, der seine religiöse Einstellung nicht wieder erreicht, was mit Konfession oder Zugehörigkeit zu einer Kirche natürlich nichts zu tun hat.“

Bis zur Lebensmitte orientiert sich der Mensch vorwiegend nach außen. Dann aber erfolgt eine Stabilisierung des ICH. Dabei ist es wichtig, sich in der transpersonalen Identität zu erfahren. Dieser Bewußtseinsraum ist die Ebene der Mystik. Die herkömmliche Psychologie umfaßt nur das personale Bewußtsein. Daher sollten wir offen sein für die Mystik.