Pfingstsonntag im Jahreskreis C – Erfüllung mit dem Hl. Geist (9.6.2019)

Schriftstellen:
Erste Lesung: Apg 2,1-11
Zweite Lesung: 1 Kor 12,3b-7.12-13
Evangelium: Joh 20,19-23

Wir haben in der Lesung vom Pfingstereignis gehört und feiern es als Fest. Aber was geschah Pfingsten? Es ging um eine durch die Sinne erfahrbare Geistgegenwart, einen Kommunikationsvorgang besonderer Art. Die Betroffenen hatten später Schwierigkeiten, das Erlebte in Worten auszudrücken. Sie wählten Vergleiche.

Man könnte in heutigen Bildern von einem geistigen Stromanschluß sprechen. Jemand kam ihnen nahe, rührte sie leibhaftig an, drang in ihr Innerstes ein, heftig, aber nicht gewalttätig, einen verschlossenen Bereich öffnend, erfüllend, beseligend. Er übertrug ihnen, sie berührend, seine Kraft, Er, Gottes Heiliger Geist.

Die Reflexe dieser Berührung werden in der Apostelgeschichte sinnenhaft beschrieben: Es näherte sich ein Brausen, Wehen, Wind, Sturm, Zungen wie von Feuer ließen sich auf alle nieder. Etwas, jemand versetzte ihre Nervenbahnen und Nervenknoten in Schwingung.

Es geschah nicht im intellektuellen Stockwerk des Kopfes, es wurde ihnen keine Theologie, kein Begriffswesen vermittelt. Sie mußten nicht schlußfolgern, vergleichen, definieren, analysieren oder argumentieren. Es bedurfte keiner angestrengt schritthaften Denktätigkeit. Es geschah an ihrem ganzen Leib, es fiel in ihre Augen, es gelangte zu ihren Ohren, es legte sich ihnen in die Hände, es fuhr unter ihre Haut, es berührte ihr Herz, es durchgeisterte ihr Innerstes, es begeisterte ihr Wesen, ihre Fingerspitzen, ihre Haut, es floß ihnen in den Speichel, es bewegte ihre Zungen, es wurde Sprache, es veränderte die Basis ihrer Existenz. Er, Gottes Heiliger Geist, war da, atmete in ihnen, pulsierte in ihnen.

Um was bitten wir, wenn wir beten: „Atme in mir, du Heiliger Geist!“? Sein Lebendigsein löste ihre Erstarrung, verflüssigte ihr Bewußtsein, formte ihr Wissen, gab ihnen Füße zu stehen, Augen zu erkennen, Hände zu umarmen. Ihre Seele und ihr Leib erbebten, nichts war getrennt. Gegenwart geschah, Berührung, Strahlung, Öffnung, Weitung, Miteinander und Zusammensein.

Gottes Heiliger Geist hatte sie durchlässig gemacht. Er durchströmte sie. Er kommunizierte mit ihnen, sie kommunizierten mit ihm, sie kommunizierten miteinander. Zuerst ohne Worte, ganzheitlich, ohne Trennung von Subjekt und Objekt.

Als Petrus dann den Vorgang sprachlich zu ordnen versuchte, als er im Namen des Geistes Jesu das Geschehene weitergab, da sprach er nicht autoritär, von oben herab oder intellektuell. Er sprach als Berührter, er sprach als Zeuge, verstehend, staunend, Worte suchend für das Überrationale. Der Geist war nicht starr, er floß, und so floß Sprache. Der Geist sprang über, und es sprang Sprache über. Außenstehende hielten sie für betrunken.

Wir können uns dem Pfingstgeschehen nähern, wenn wir den Vorgang als Berührung, als Erschaffung und Veränderung durch Berührung betrachten. Gottes Geist rührt an, geht unter die Haut und begeistert auch den Leib.

Wir beziehen in unser religiöses Leben meist nur unsere Seele ein, höchstens noch den Geist. Wir zählen eine Gemeinde nach Seelen, die ein geistliches Leben führen. Wann werden wir den Dualismus von Seele und Leib überwinden?

Wenn wir mit dem Pfingstgeschehen so schwer Kontakt bekommen, mag es auch daran liegen, daß wir keine Kultur der Sinne, der Berührungen, der Zärtlichkeit entwickelt haben. Es gibt kein sinnvolles Leben ohne volle Sinne.

Wenn es nach den Theologen ginge, sollte der Geist möglichst in dogmatischer Vernunft oder als römisches Gesetz daherkommen. Aber der Geist ist Leben.

Die Erfahrung der Männer und Frauen in Jerusalem muß offenbar mystisch verstanden werden: Geistgegenwart kommt durch die Sinne als Gefäß des Geistes hindurch. Jegliche mystische Erfahrung im engeren Sinne ist kommunizierende Berührung, Erfahrung der Gegenwart; Gott berührt den Menschen.

Mein Pfingstwunsch für Sie ist mein Segensgebet:

Der Herr segne dich,
er erfülle deine Füße mit Tanz,
deine Arme mit Kraft,
deine Hände mit Zärtlichkeit,
deine Augen mit Lachen,
deine Ohren mit Musik,
deinen Mund mit Jubel,
deine Nase mit Wohlgeruch,
dein Herz mit Freude.
So segne dich der Herr!