6.2.2022

Pflicht und Kür

Im Gegensatz zu anderen Sportarten gibt es seit 1991 die Unterscheidung zwischen Pflicht und Kür beim Eiskunstlauf nicht mehr. Im täglichen Leben treffen wir immer wieder auf diesen Unterschied. Es kommt darauf an, wie wir etwas, was zu tun und zu erledigen ist, betrachten.

Wenn man auf seinem Teller verschiedene Speisen sieht, stellt sich nicht nur bei Kindern die Frage: „Esse ich zuerst das Leckere, oder bewahre ich es mir bis zuletzt auf?“

Bei der Arbeit kann es ähnlich sein. Erledige ich zuerst das, was ich nicht so gern tue, oder schiebe ich es bis zum Schluß auf?

Vielleicht gelingt es, den Unterschied zwischen Pflicht und Kür abzuschaffen, indem man zu einer Einstellung gelangt, die beides gleich gern tun läßt.

Jesus hat einmal gesagt, sein Joch sei leicht (vgl. Mt 11,30). Jacob hat es erfahren, als er, um Rachel heiraten zu dürfen, ein zweites Mal sieben Jahre arbeiten mußte. Auf Grund seiner Liebe, die er für sie empfand, erschienen ihm die sieben Jahre wie wenige Tage (vgl. Gen 29,20).

Sind wir fähig zu lernen, allem, was unser Leben ausmacht, mit Liebe zu begegnen?

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Predigt in Billerbeck am 6. Februar 2022

5. Sonntag im Jahreskreis C

(Erste Lesung: Jes 6,1-2a3-8)
Zweite Lesung: 1 Kor 15,3-8.11 (Kurzfassung)
Evangelium: Lk 5,1-11

Warum wählte Jesus wohl Fischer und nicht Männer aus dem Kreis der Schriftgelehrten? Vermutlich ahnte er, daß er mit seinen Absichten und Plänen bei diesen Herrschaften auf Widerstand stoßen würde. So scharte er Fischer um sich.

Im frühen Christentum spielte das Symbol des Fisches eine wichtige Rolle und war eng mit der Eucharistie verbunden. Viele Darstellungen erinnern an die wunderbare Vermehrung der fünf Gerstenbrote und der zwei Fische zur Speisung der Fünftausend. Das Zeichen der Fische wurde so das Erkennungsmal der ersten Christen, bis es später durch das Kreuz abgelöst wurde.

Das griechische Wort für Fisch ἰχθύς (ichthýs) bildet mit seinen fünf Buchstaben ein kurz gefaßtes Glaubensbekenntnis:
ησοῦς = Jesus
Χριστός = Christus
Θεοῦ = Gottes
Υἱός = Sohn
Σωτήρ = Erlöser

Eine alte Geschichte erzählt:
Die Fische eines Flußes sprachen zueinander: „Man be­hauptet, unser Leben sei vom Wasser abhängig. Aber wir haben noch niemals Wasser gesehen. Wir wissen nicht, was Wasser ist.“ Da sagten einige, die klüger waren als die anderen: „Wir ha­ben gehört, im Meer lebe ein gelehrter Fisch, der alle Dinge kenne. Laßt uns zu ihm gehen und ihn bitten, uns das Wasser zu zeigen.“

So machten sich einige auf, und als sie endlich ins Meer kamen, frag­ten sie den weisen Fisch. Als dieser sie angehört hatte, sagte er: „Oh, ihr dum­men Fi­sche! Im Wasser lebt und bewegt ihr euch doch! Aus dem Was­ser seid ihr gekommen, zum Wasser kehrt ihr wieder zurück. Ihr lebt im Wasser, aber ihr wißt es nicht!“

Als gläubige Menschen behaupten wir, es gebe einen Gott, aber wir haben ihn noch nie gesehen. Der weise Fisch würde uns antworten: „Ihr lebt in Gott und ER lebt in euch, aber ihr wißt es nicht?“

Immer wieder ist im Evangelium vom Fischen die Rede! Oft vor dem Sterben Jesu, aber auch nach seiner Auferstehung. Und heute haben wir von einem besonderen Fischfang gehört.

Ich versuche mir vorzustellen, was da am Ufer des Sees Gennesaret geschah. Da sind Fischer am Werk, die ihr Handwerk verstehen. Da leben Menschen mit den Rhythmen der Natur und wissen, wann und wo sie Fische fangen können; denn das geht nicht zu jeder Zeit und an allen Orten. Aber selbst solches Wissen und Handeln garantiert nicht immer den erhofften Erfolg.

Jesus trifft auf Petrus und dessen Begleiter, die vermutlich in deprimierter Stimmung nach erfolgloser Arbeit ihre Netze waschen, um dann nach Hause zu gehen und auf die nächste Gelegenheit zu warten. Jesus aber beansprucht sie. Er will ihr Boot benutzen, um, etwas weniger bedrängt von den Menschen, in Ruhe zu diesen sprechen zu können.

Es ist nicht überliefert, was Jesus seinen Zuhörern und damit auch Petrus und dessen Begleitern gesagt hat, aber es war offensichtlich so eindringlich, daß Petrus wider besseres Wissen erneut zum Fischen hinausfährt. Eigentlich hätte er antworten müssen: „Du bist wohl nicht bei Sinnen!“

Wir müssen uns vorstellen, Petrus war ein Fachmann in bezug auf das Fischen und hatte im Laufe seines langen Lebens viel Erfahrung gesammelt. Da kommt nun ein Mann daher, der nichts vom Fischfang versteht und sagt: „Fahr hinaus auf den See! Dort werft eure Netze zum Fang aus!“ (Lk 5,4).

Jesus verstand allenfalls etwas vom Zimmermannshandwerk, das er bei seinem Vater erlernt hatte, aber im Augenblick zog er nur predigend durch die Lande. Was ist da geschehen, daß Petrus nicht sagt: „Du hast keine Ahnung vom Fischen! Wenn es zur günstigen Zeit der Nacht schon erfolglos war, dann jetzt erst recht. Die Mühe kann ich mir sparen.“ Statt dessen antwortet er: „Auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen.“ Welches Erstaunen muß der Erfolg bei allen Beteiligten hervorgerufen haben?

Wir hörten in der Lesung vom Apostel Paulus: „Das ist unsere Botschaft, und das ist der Glaube, den ihr angenommen habt.“

Die meisten von uns werden durch die Eltern gläubig sein, die uns haben taufen lassen. In der Firmung kommen wir vom Mit-Glauben zum Selber-Glauben. Was haben wir gelernt? Was glauben wir am tiefsten? „Wir leben in Gott und ER lebt in uns!“