9.6.2020

Das Rad

Lange Zeit haben die Menschen nicht gewagt, das Rad für ihre Zwecke zu gebrauchen. Es war das Symbol der Sonne. So werden in Bayern noch heute zum Sonnenwendfest neben den Johannisfeuern auch Feuerräder entzündet. Wer in alten Zeiten gerädert wurde, wurde der Sonne geopfert.

Im Rad findet sich der Kreis wieder. Aber es ist nicht so vollkommen wie dieser; denn im Rad lebt Bewegung zur Vollkommenheit. So wurde das Rad zum Symbol für die Zeit. Es ist Sinnbild des flüchtigen Lebens und des entscheidungsgefüllten Augenblicks, Bild für das Unterwegssein.

Die Roma haben im blau/grünen Banner ein Rad als Ausdruck ewiger Wanderschaft. Die Farben stehen für grünes Land und blauen Himmel.

Unsere Technik und Industrie sind ohne Rad nicht vorstellbar. Heute findet es immer mehr Eingang in andere Bereiche. Nicht selten wird ein Rad von einem alten Leiterwagen oder einer Kutsche in vielfältiger Weise als Schmuck verwendet, sei es im Haus oder im Garten. Was mag das bedeuten?

Das Rad kann auch Sinnbild für unser Leben sein. Im Mittelalter gab es viele Bilder mit dem Lebensrad, das entweder die Glücksgöttin Fortuna oder der Tod drehte.

Ich glaube, daß Gott das Rad unseres Lebens dreht und bestimmt, wann es stillstehen soll. Wenn das Rad ein Bild für unser Leben ist, dann kennzeichnet seine Berührung mit dem Boden die Augenblicke unseres Lebens. Bei Angelus Silesius (1624-1877) heißt es im Cherubinischen Wandersmann: „Nichts ist, das dich bewegt. Du selber bist das Rad, das aus sich selbsten läuft und keine Ruhe hat.“ Wir können also selbst etwas tun, damit unser Rad gut läuft.

Das Rad, mit dem ich meine Wohnung schmücke, kann mir von sich selbst erzählen. Vielleicht finde ich mich mit meinem Leben in seiner Lebensgeschichte wieder. Das Rad erzählt, wie es aus dem herausgewachsen ist, was später seine Mitte darstellt: die Nabe, welche die Speichen in sich birgt, die sich dann in den Raum hinausstrecken. Aber dort verlören sie sich in der Einsamkeit, wären sie nicht außen durch einen Stahlreif zusammengeschlossen. Was ist meine Mitte, und wodurch werde ich zusammengehalten?

An der Nabe muß ein Rad geölt werden, damit es in Schwung kommt. Was fehlt mir, wenn ich „den Dreh nicht kriege“? Wenn das Rad nicht in der Spur läuft, muß es ausgewuchtet werden. Was tue ich, wenn ich aus dem Gleichgewicht geraten bin? Ein Rad kann durchdrehen. Wie kann ich, wenn ich in Raserei verfallen bin, zur Ruhe zurückfinden?

Ein Reifen muß den richtigen Luftdruck haben, damit er rund läuft und keinen Schaden nimmt. Was kommt von mir mit der Welt und den Menschen in Berührung, reibt sich und nützt sich ab?

Bruder Klaus von Flüe (1417-1487) hat das Rad als Meditationsbild gebraucht und konnte dadurch zur Mitte von Leben und Welt vordringen. Möge auch unser aller Lebensrad ans Ziel gelangen!