Riechen

Das Haus wurde vom Duft des Öls erfüllt. (Johannes 12,3)

Wir Menschen kennen in Bezug auf unseren Körper ein Innen und ein Außen. Mit unseren Sinnen vermögen wir beide Bereiche zu verbinden. Wie das Sehen und das Hören ermöglicht uns auch das Riechen, weit in das Außen vorzudringen. Über den Strom der Atemluft nehmen wir sogar noch über große Entfernungen geringe Anteile von Duftstoffen wahr. Wir können nicht riechen, wenn wir den Atem anhalten. Ebensowenig sind wir fähig zu riechen, wenn wir schnell und in vollen Zügen einatmen. Wir riechen nur, wenn wir gleichsam schnüffeln oder schnuppern. Speise und Trank sind nicht nur eine Freude für die Augen, sondern wecken vor allem durch das Einatmen des von ihnen ausströmenden Duftes den Appetit und entfalten dadurch ihren Geschmack.

Geruch und Geschmack hielt man erst auf einer späten Kulturstufe auseinander. Die Griechen bezeichneten beide Begriffe mit demselben Wort. Wie stark die einzelnen Sinne miteinander verbunden beziehungsweise aneinander gekoppelt sind, zeigt das lateinische Verb „sentire“, das sich im Rahmen der Sprachentwicklung auch in allen romanischen Sprachen wiederfindet. Es bedeutet je nach Zusammenhang sehen, hören, riechen, schmecken oder fühlen.

Unser Geruchssinn ist generell auf alles bezogen, was einen Duft abgibt. Was nicht duftet, ist für uns weniger existent. Die Alten hatten die Vorstellung, daß stark duftende Substanzen schädliche Einflüsse abwehren. Viele Dinge nehmen wir über ihren Duft wahr, oft bereits bevor wir sie sehen oder sogar ohne sie zu sehen. Wer denkt da nicht zuerst an die Blumen. Ein wichtiger Bestandteil ihrer Schönheit ist ihr Duft. Für viele Menschen ist mit dem Duft bestimmter Blüten und Pflanzen auch ein bestimmtes Ereignis verbunden. So haben Feste – je nach Jahreszeit – ihren eigenen Blumen- und Pflanzenschmuck und so ihren eigenen Duftcharakter: Wen läßt Tannenduft nicht an Advent und Weihnachten denken; an Ostern duftet es nach Narzissen; an Pfingsten füllt der schwere Duft der Pfingstrosen den ganzen Raum.

Zu allen Zeiten hat die Verwendung von Duftstoffen jeglicher Art der Festesfreude gedient. Die Salbung des Gastes mit duftendem Öl war früher ein Ehrenerweis durch den Gastgeber. Die Heilige Schrift bringt dafür viele Beispiele (vgl. Lk 7,37; Joh 12,3).

Kein Bild und kein Gegenstand kann so leicht Erinnerungen wachrufen wie ein bestimmter Duft. Das bezieht sich gleichermaßen auf unangenehme Erinnerungen, etwa auf das Verweilen in einer Leichenhalle oder auf einen Aufenthalt im Krankenhaus, wie auf angenehme Erinnerungen, etwa auf eine Liebesbegegnung oder auf einen Besuch in einer schönen fremden Landschaft. Der französische Schriftsteller Marcel Proust (1871-1922) schildert in seinem Romanzyklus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, wie ihm beim Eintauchen eines Plätzchens in seinen Tee durch den davon ausströmenden Duft und das anschließende Verkosten seine gesamte Kindheit wieder in Erinnerung kommt.

Vor der Liturgiereform wurde noch deutlicher, daß die kirchliche Überlieferung den Heiligen Geist und die Welt der Wohlgerüche eng zusammenbringt. Bei der Beerdigung wurde das Grab beräuchert mit den Worten: „Mit himmlischem Wohlgeruch erfreue Gott deine Seele.“

Eine alte Redewendung lautet: „Er oder sie ist im Geruch der Heiligkeit gestorben.“ Heute gibt es nur noch den Begriff „Gerücht“, der aber meist negativ besetzt ist. Alte Heiligenlegenden berichten, die Leiber der Verstorbenen hätten einen Wohlgeruch verströmt. Dementsprechend geht von Satan ein Gestank aus. Wir sprechen von einem „ruchlosen“ Menschen und von einem „anrüchigen“ Lebenswandel.

Wenn wir in der Liturgie Weihrauch verwenden, wird unser Geruchssinn mit einbezogen. Unter anderem ist Weihrauch vermutlich ein Ersatz für den süßen Duft verbrannter Opfergaben. Die Bibel scheut sich nicht zu sagen, Gott habe das Brandopfer des Noe nach der Sintflut gerochen und beschlossen, die Erde nicht nochmals zu verfluchen (vgl. Gen 8,21). Andererseits läßt Gott den Juden, da sie nicht gottgefällig lebten, durch den Propheten Amos sagen: „Ich hasse eure Feste, ich verabscheue sie und kann eure Feiern nicht riechen." (Am 5,21). Sind wir, wie es der Apostel Paulus an die Philipper schreibt: „... ein wohlriechender Duft, eine angenehme Opfergabe, die Gott gefällt“? (Phil 4,18)

Ludwig Uhland
Die linden Lüfte sind erwacht,
Sie säuseln und weben Tag und Nacht,
Sie schaffen an allen Enden.
O frischer Duft, o neuer Klang!
Nun, armes Herze, sei nicht bang!
Nun muß sich alles, alles wenden.