14.5.2022

Scherben bringen Glück

Eine Scherbe ist das Versprechen auf Zweiheit, auf das Ergänzende. Scherben zählen schon immer zu den interessantesten Phänomenen des menschlichen Alltags. Wer die Scherbe schätzt,  glaubt, daß es Entsprechungen in dieser Welt gibt, ein Ganzes, von dem er selbst nur ein Teil ist.

Im japanischen Kunsthandwerk repariert man zerbrochenes Porzellan mit Gold.

 

 

Tomás Navarro
Kintsugi
Die Kunst, emotionale Verletzungen zu heilen
Verlag Kösel
2019

Link zum Buch

 

Kintsugi heißt eine traditionelle japanische Methode zur Reparatur von Keramik. Bei dieser alten Handwerkskunst verbirgt man die Bruchstellen nicht, sondern hebt sie mit Goldstaub hervor. Somit wandelt sich Zerbrechlichkeit in sichtbar Schönes.

Die Goldreparatur läßt sich auf die Zerbrechlichkeit des menschlichen Daseins übertragen. Manche Menschen mußten ihr Leben aus Scherben neu zusammensetzen und lebten daraufhin lebendiger und mit mehr Lebensgenuß.

Kintsugi ist eine fernöstlich inspirierte Philosophie der Anerkennung der Bruchlinien des Lebens und eine Wertschätzung von deren Fehlerhaftigkeit. Jeder vermag Narben und Lebensspuren als Stärke, Wissen und Erfahrung zu deuten.

Glück empfinden wir in der Regel nur im Augenblick. Um im Leben einen Sinn zu finden, sollten wir eine Brücke von der Vergangenheit zur Zukunft schlagen. Sören Kierkegaard (1813-1855) hat erkannt: „Leben läßt sich nur rückwärts verstehen, muß aber vorwärts gelebt werden.“

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Wilhelm Schmid äußerte sich am 1. Dezember 2021 in der Neuen Zürcher Zeitung unter der Überschrift „Glück allein macht auch nicht glücklich“ und den einleitenden Zeilen „Der Herbstblues scheint jedes Jahr schlimmer zu werden – weil wir vom Leben immer mehr erwarten. Es ist an der Zeit, eine ganz andere Form des Glücks neu zu entdecken“ zum Thema Glücklichsein.

Siehe auch Fähigkeit zur Akzeptanz: Wie das Streben nach Glück gelingt.