Schmecken

Kostet und seht, wie gütig der Herr ist. (Psalm 34,9)

Während wir mit Augen, Ohren und Nase weit in das Außen vordringen und das Fühlen und Tasten an und mit unserer Haut erfolgt, geschieht das Schmecken fast noch in unserem Innern. Am Gaumen und an der Zunge befinden sich die Geschmackszellen, mit denen wir Speise und Trank verkosten. Im allgemeinen erzeugt das Schmecken von Speise und Trank eine Lust, die über die Sättigung hinausgeht. Das wissen vor allem die Feinschmecker. Wenn die Geschmackszellen durch Speise und Trank gereizt werden, fühlt sich der ganze Leib wohl.

In Zeiten des Wohlstandes geht es den Menschen oft mehr um den Wohlgeschmack als um die Sättigung. Auch heute essen bei uns viele Menschen mehr, als sie nötig haben – mit den entsprechenden Folgen. Wenn es den Menschen zu gut geht, kommen sie auf die raffiniertesten Ideen, um dem Gaumen zu frönen, und kreieren immer kompliziertere Rezepte. Dabei verliert der Mensch die Fähigkeit, die Köstlichkeiten der Lebensmittel zu verkosten. Jede Speise hat ihren eigenen Geschmack. Es gibt das Süße und das Bittere, anderes schmeckt sauer oder salzig, wieder anderes herb, scharf oder mild. Wir möchten all diese Arten im Wechsel genießen. So besteht die besondere Kunst des Kochens in der richtigen Würze.

Wie bei den anderen Sinnen bietet unsere Sprache auch vielfältige Redewendungen in Bezug auf Nahrung und Geschmack. Es gibt „das süße Leben“ und „den bitteren Ernst“, ich kann „sauer“ sein und soll alles „cum grano salis – mit einem Körnchen Salz“ sehen, das Klima ist „mild“ und der Ausdruck „herb“. Das lateinische Wort „sapientia“ für „Weisheit“ kommt von „sapere – schmecken, verkosten“. Weise ist derjenige, dem die Dinge so schmecken, wie sie sind.

Der Mensch ißt nicht nur, wenn er Hunger hat und gerne gesättigt werden möchte, obwohl richtiger Hunger eine gute Voraussetzung für genußvolles Essen ist. Er ißt auch nicht nur um des Wohlgeschmackes willen, den er vor allem bei Süßigkeiten haben mag. Das Essen bekommt eine ganz besondere Prägung, wenn es ein gemeinsames Mahlhalten mit anderen Menschen ist. Sorgfältig zubereitete Speisen und eine gute Form im äußeren Miteinander geben dem Mahlhalten Festcharakter, das bedeutet mehr als nur satt zu werden. Das ewige Leben des Himmels schildern die Evangelisten oft als Hochzeitsmahl (vgl. Mt 22, 1-14; 25, 1-12; Lk 14, 15-24). Beim Essen erfahren wir etwas von der Güte Gottes.

Essen und Trinken ist eine Form von Aneignung. Nichts kommt uns von den Dingen dieser Welt so nahe wie die Luft, die wir atmen, und die Nahrung, die wir zu uns nehmen. So möchten wir auch manches essen, was wir eigentlich gar nicht essen können. In diesem Zusammenhang ist zu bedenken, daß Gott sich uns in Jesus Christus zur Speise gibt; denn er will in der Gestalt von Brot und Wein immer unter uns sein und uns wie unsere tägliche Nahrung ganz nahe kommen.

„Empfangt, was ihr seht: Leib Christi. Damit ihr werdet, was ihr empfangt: Leib Christi.“ (nach Augustinus von Hippo 354-439)

Maria Luise Thurmair
Herr, deine Güt ist unbegrenzt,
sie reicht, so weit der Himmel glänzt,
so weit die Wolken gehen.
Fest wie die Berge steht dein Bund,
dein Sinn ist tief wie Meeres Grund,
kein Mensch kann ihn verstehen.
Du hast in Treue auf uns acht,
wir sind geborgen Tag und Nacht
im Schatten deiner Flügel.
Du öffnest deines Himmels Tor,
da quillt dein Überfluß hervor
und sättigt Tal und Hügel.
Bei dir, Herr, ist des Lebens Quell;
der Trübsal Wasser machst du hell,
tränkst uns am Bach der Wonnen.
Dein Glanz erweckt das Angesicht,
in deinem Licht schaun wir das Licht,
du Sonne aller Sonnen.
Herr, halte uns in deiner Huld,
hilf uns, daß wir dich mit Geduld
in deinem Tun erkennen.
Vor allem Bösen uns bewahr,
denn nicht Gewalt und nicht Gefahr,
nichts soll von dir uns trennen.
(Gotteslob 427; © Christophorus-Verlag, Freiburg)