19.6.2019

Schuhe

„Der Vater sagte zu seinen Knechten: Holt schnell das beste Gewand, und zieht es ihm an, steckt ihm einen Ring an die Hand, und zieht ihm Schuhe an.“ (Lk 15, 22)

Wenn auch viele Menschen nicht darauf achten, was sie an den Füßen tragen, so sind Schuhe doch ein wichtiger Teil unserer Bekleidung. An kaum ein Kleidungsstück knüpfen sich so viele symbolische Bezüge wie an den Schuh. Paul Claudel nennt sein Weltspiel „Der seidene Schuh“, Ludwig Tieck und die Gebrüder Grimm schreiben das Kindermärchen „Der gestiefelte Kater“. In Geschichten und Bildern begegnen uns nackte Füße als Sinnbild für Armut. In manchen Ländern ist es allerdings so, daß die ganz Armen und die ganz Reichen nackte Füße haben, die Armen, weil sie sich keine Schuhe leisten können, die Reichen, weil sie keine benötigen; denn sie werden meist getragen.

Der frühe Mensch band sich Tierhaut oder Bastgeflecht unter die Fußsohlen. Jesus und die Apostel werden stets barfuß oder in Sandalen dargestellt, nie mit geschlossenen Schuhen. Sandalen wurden zum Zeichen für den Bettelmönch und den Philosophen. Ein Zweig des Karmeliterordens heißt „Unbeschuhte Karmeliten“.

Interessant ist die Entwicklung der Schuhe. Es kam dabei nie vorwiegend auf praktische Gesichtspunkte an, vor allem nicht in der Mode. In Schnabelschuhen konnte man kaum mehr gehen. Viele junge Mädchen haben sich durch das Tragen zu enger oder zu hoher Stöckelschuhe bleibende Schäden an Fuß und Rücken zugezogen. Zu jeder Kleidung schreibt die Mode auch den passenden Schuh vor. Selbst wenn die Füße weh tun oder gar verkrüppeln und der Rücken leidet, scheint ein modischer Schuh oftmals für Frauen eine Lust zu sein. Für viele Männer ist der Schuh eher ein notwendiges Übel.

In unserer Zeit lebt die Turnschuhgeneration. Zu keiner Zeit hat es aber auch so viele Arten von Schuhen gegeben. Es gab sogar Zeiten, in denen man keinen Unterschied kannte zwischen linkem und rechtem Schuh. Heute werden passende Schuhe angefertigt für ungleich geformte Füße. Außerdem gibt es Schuhe für jeden Beruf, für jede Sportart und für alle Freizeitgestaltungen.

Vinzenz Pallotti

Anders verhält es sich bei den Heiligen. Man zeigt ihre Schuhe, in denen sie viele Wege gegangen sind; abgetragen sehen sie aus, wie auf dem berühmten Bild von Vincent van Gogh. Hier hat man den Eindruck, die Schuhe dienten nur ihrem Zweck. Warum trage ich Schuhe, welchen Zweck sollen sie erfüllen?

Für manche Menschen sind Schuhe wie eine Rüstung oder gar ein Folterwerkzeug. Böse Menschen gehen damit über Wehrlose. Wer sich die Schuhe auszieht, macht sich wehrlos, oder bringt zum Ausdruck, daß er sich unterwirft. Um sich aus dem Kirchenbann zu befreien, erschien der exkommunizierte Kaiser Heinrich IV. an einem Karfreitag barfuß vor dem Papst in Canossa. Manches Kind hat schon gehört: „Solange Du Deine Schuhe unter meinen Tisch stellst, tust Du, was ich Dir sage.“

Für bestimmte Menschen gehören die Schuhe zur Maske. Der Clown trägt zum Beispiel zu große Schuhe und bringt damit die Leute zum Lachen. Einige Menschen, die in ihrem Beruf „zu große Schuhe“ tragen, würden sie gerne mit passenden vertauschen, müßten dann aber zugeben, daß sie ihrer Aufgabe nicht gewachsen sind.

Mancher Frauenschuh dient besonders der Erotik; Schuhe von einer durchtanzten Nacht haben Erinnerungswert.

Ein Indianer betete: „Großer Gott, hilf mir, daß ich niemanden richte, ehe ich nicht einen halben Mond lang in seinen Mokassins gegangen bin.“

Wir sollten nie aus dem Auge verlieren, daß die wichtigste Funktion der Schuhe für uns Christen darin besteht, Pilger zu sein und aufzubrechen, um unseren Weg zu gehen. Wo das nicht oder nicht mehr barfuß möglich ist, braucht es ein Hilfsmittel, das uns hilft, auf dem Weg zu sein, in der Welt, zu den Menschen und zu Gott, der uns entgegenkommt.

„Ich weinte, weil ich keine Schuhe hatte, bis ich einen sah, der keine Füße hatte.“ (Helen Keller)