4.11.2022

Das Schweigen des Thomas von Aquin

Laut Überlieferung hat Thomas von Aquin (1224/25-1274) kurz vor seinem Tod geäußert, man solle sein gesamtes theologisches Werk „aus dem Gedächtnis streichen“. Nur der Hymnus „Adoro te devoteErgeben bete ich dich an“ (vgl. Gotteslob Nr. 497), solle erhalten bleiben. Seine Erklärung: „Ich kann nicht mehr, denn alles, was ich geschrieben habe, scheint mir wie Stroh zu sein im Vergleich mit dem, was ich gesehen habe und was mir offenbart worden ist“, verdeutlicht seine Entscheidung. Zu diesem Zeitpunkt war er mit dem letzten Band seiner Trilogie „Summa theologiae – Summe der Theologie“ beschäftigt.

Der 6. Dezember 1273 veränderte für den großen Theologen alles. Bartholomäus von Capua (1248-1328) berichtet: „Als Bruder Thomas die heilige Messe in der Kapelle des hl. Nikolaus feierte, ergriff ihn eine erstaunliche Veränderung. Nach seiner Messe hat er nicht mehr geschrieben, noch irgendetwas diktiert.“

Während meines Theologiestudiums in Münster und München (1958-1964) habe ich intensiv die Schriften von Thomas von Aquin studiert, mich aber natürlich auch mit anderen großen Theologen beschäftigt.

Später erkannte ich, was es bedeutet, seine Theologie und auch seinen Glauben auf Stroh gebaut zu haben.

Meine Arbeit als Priester, vor allem als Spiritual, ließ mich im Laufe der Jahre erkennen, daß es wichtiger ist, Gott erfahren zu dürfen, als um ihn zu wissen.

Am intensivsten erfahre ich Gott in mir während der Meditation, die ich im Buddhismus gelernt habe. Mit 14 Jahren habe ich bereits in mein Religionsheft geschrieben: „Gott in mir.“

Die Aussage des großen Theologen Karl Rahner (1904-1984): „Der Fromme von morgen wird ein Mystiker sein, einer, der etwas erfahren hat, oder er wird nicht mehr sein“, bestärkt mich in meinem Glauben bis ins hohe Alter.