Jede Schneeflocke ist einzig – sei Du es auch!

Selbstverwirklichung

Selbst-Verwirklichung wird oft mit Ich-­Verwirklichung ver­wechselt, und diesem Begriff wird als christlicher Gegenbe­griff Selbstlosigkeit gegenübergestellt. Positiv formuliert bedeutet Selbstlosigkeit, weniger von sich als vom anderen her zu denken und zu handeln; negativ ausgedrückt bezeichnet der Begriff einen Menschen ohne Selbst, ohne eigenes Profil, eine Kopie statt eines Originals. Nur wer ein Selbst hat, kann auch selbstlos werden.

Wer echte Gastfreundschaft gewähren will, muß in seinem eigenen Heim ganz zu Hause sein. Wie kann jemand, der ruhelos hin- und hergerissen ist, einen Freiraum schaffen, den ein anderer ungeniert betreten kann. Wer sich aus der rechten Haltung in sich selbst zurückzieht, schafft Freiraum für andere. Das Echtheitskriterium für Selbstverwirklichung ist die Liebe.

Das „Sich-selbst-Finden“ und der Weg zum Selbst geschehen nicht auf kürzestem Weg; die griechischen Philosophen halten einen solchen sogar für „das gefährlichste aller Labyrinthe“; die Psychologen sprechen von der „circumambulatio“, dem Umschreiten des Lebenszieles und die Pädagogen von „Versuch und Irrtum“.

Das Selbst läßt sich nicht finden, wenn man es bewußt und direkt ansteuert. Es entwickelt sich als Frucht verantwortlichen Handelns für sich selbst und für andere.

Auf diesem Weg gibt es Herausforderungen und Schwierig­keiten; denn es handelt sich um den Weg des Helden. Der Held vollbringt Außergewöhnliches. Dabei geht es nicht um Höchstleistungen, sondern das Heldenhafte liegt vielmehr im fast Übermenschlichen, in der Fähigkeit, allein auf sich gestellt das zu tun, was alle anderen für unmöglich halten. Zum Helden gehört die Einsamkeit, die er physisch und psy­chisch überlebt. Eine solche Phase, unter der Bedingung extremer Distanzierung von sich selbst als Mit­glied der Gemeinschaft, scheint die Voraussetzung für Heldentum zu sein. Wer zum Helden werden will, muß vor­übergehend in die Wüste oder in die Höhle, jedenfalls in ein menschenleeres Gebiet, wo er der Versuchung, dem Teufel in Gestalt recht menschlicher Bedürfnisse und Wünsche, preis­gegeben ist (vgl. Jesus in der Wüste Mk 1,12-13; Mt 4,1-11; Lk 4,1-13).

Wieviel von meinem Selbst habe ich schon verwirklicht?