Shakti und Shiva

16.9.2020

Sexualität früher und heute

Sexualität ist einer der drei Grundtriebe, die zum Menschen gehören und die beherrscht werden wollen: Oralität – Besitz, nach Viktor Frankl (1905-1997) = Wille zum Sinn; Analität – Macht, nach Alfred Adler (1870-1937) = Wille zur Macht; Genitalität – Geschlechtlichkeit, nach Sigmund Freud (1856-1939) = Wille zur Lust.

Auf diese drei Grundtriebe „antworten“ die drei Evangelischen Räte: Armut, Gehorsam und Ehelosigkeit (Jungfräulichkeit) bei Ordenschristen und Priestern; in bezug auf die Ehe bedeutet Geschlechtlichkeit, keusch zu leben.

Wer das westliche Verständnis von Sexualität begreifen will, muß bei den Kirchenvätern nachlesen. So schreibt zum Beispiel Clemens von Alexandrien (150-215): „Über die Lüste herrschen und über den Bauch, und über das, was unter dem Bauch ist, Herr sein.“

Nach dem Kirchenrecht von 1917 galt: „Erstrangiger Zweck der Ehe ist die Zeugung und Erziehung von Nachkommenschaft; zweitrangiger die gegenseitige Hilfe und die Heilung des Begehrens.“ Das Kirchenrecht von 1983 nennt die Hinordnung auf Nachkommenschaft und das Wohl der Ehegatten gleichrangig. Mein erster „Chef“ sagte mir als jungem Kaplan „Was der Liebe und dem Leben dient, ist erlaubt.“

 

CiG 29 Cover

CHRIST IN DER GEGENWART Nr. 29 vom 19. Juli 2020 brachte unter der Überschrift „Heilige Hochzeit“ einen Artikel von Ludger Schwienhorst-Schönberger (* 1957), in dem dieser unter anderem aufzeigt:

Religionen setzen sich aus Bildern zusammen, die in der ein oder anderen Form über die Jahrhunderte hinweg immer wiederkehren. In der Kleinkunst der Mittleren Bronzezeit in Palästina haben sich Bildkonstellationen herausgebildet, die in der weiteren Geschichte der Religionen in immer neuen Anordnungen anzutreffen sind. Auf Rollsiegeln aus dem 18. Jahrhundert v. Chr. finden sich Darstellungen einer männlichen und einer weiblichen Person, die aufeinander zugehen. Die weibliche Figur hebt ihr Kleid oder zieht es zur Seite. Ihre Scham wird sichtbar. Von ihr fliegt eine Taube zu dem ihr gegenüberstehenden Mann. Die Taube als Symbol der Liebesgöttin signalisiert ihre Bereitschaft zur Liebe. Die männliche Person dürfte den Wettergott darstellen, der über die Berge einherschreitet. Die Bildkonstellation begegnet in unterschiedlichen Variationen. Sie stellt das Motiv der Heiligen Hochzeit dar.

Der biblische Monotheismus verwirft Vorstellungen von einer Hochzeit zwischen einem Gott und einer Göttin. Der Gott des Alten Testaments ist ein Single-Gott. Er hat keine Göttin als Partnerin neben sich. Und doch ist er nicht beziehungslos. Auch er geht eine Liebesbeziehung ein - nicht zu einer anderen Göttin, sondern zu einem Volk, das er sich „für immer" erwählt hat (vgl. Jer 31,3). Der Prophet Hosea aus dem 8. Jahrhundert v. Chr. dürfte einer der Ersten gewesen sein, der das Modell der Heiligen Hochzeit auf das Verhältnis zwischen Gott und Israel übertragen hat.

Siehe auch den volständigen Text:

 

CiG 29 Artikel

Darstellung eines Geschlechtsverkehrs in Indien: Kama Sutra-Ausgabe aus dem 18. Jahrhundert

Bei den Beichten zu meiner Kaplanszeit in den 1960er Jahren hielt man das sechste Gebot für das vorrangigste. Heute wird kaum noch gebeichtet. Während damals Selbstbefriedigung unter anderem das Hauptproblem vor allem bei jungen Männern war, gehört sie heute, ohne als unmoralisch angesehen zu werden, zu einem gesunden Entwicklungs- und Reifungsprozeß.

Es bedarf dringend einer neuen Sexualmoral, aus der klar und deutlich hervorgeht, daß Sexualität weit mehr als nur die Zeugung von Nachkommen beinhaltet.