31.10.2019

Sich selbst begegnen

Wenn wir uns selbst begegnen wollen, betrachten wir uns auf einem Foto oder schauen in einen Spiegel.

Wie in einen Spiegel können wir auch lesend in ein Buch schau­en. Tiefes Lesen ist nicht wie Musikhören, sondern wie selbst musizieren. Das Instrument sind wir dann selbst.

Narziß wies die Liebe anderer zurück und verliebte sich in sein eigenes Spiegelbild.

Der Narziß liebt alles, was mit dem eigenen Ich zu tun hat. Er ist stark eingenommen von Phantasien eigener Macht, eigener Schön­­heit und vielem mehr.  Selbstwertgefühl kann leicht in Narzißmus umkippen.

Ordensschwestern durften früher keinen Spiegel besitzen. Um zu prüfen, ob der Schleier richtig saß, schauten sie in eine Wasserpfütze.

Sich selbst begegnen läßt gelegentlich auch erschrecken, und zwar wegen der Untiefen, die es in jedem Menschenleben gibt, die Psychologie nennt sie Schatten.

Der Satz „Der Mensch versuche die Götter nicht und begehre nimmer und nimmer zu schauen, was sie gnädig bedecken mit Nacht und Grauen“ aus Friedrich von Schillers (1759-1805) Ballade „Der Taucher“ ermahnt in gewisser Weise, nicht alles aufzudecken; denn von allem gibt es ein Zuviel und ein Zuwenig.