27.6.2021

Spiritual im Collegium Borromaeum in Münster

Vor 47 Jahren, am 27. Juni 1974, wurde ich Spiritual im Collegium Borromaeum in Münster, eine Aufgabe, die ich mir nie hätte träumen lassen. Aber für mich wichtige Personen hielten mich dafür fähig und geeignet. 18 Jahre später gaben mir langwierige Umbauarbeiten im Collegium Borromaeum die Gelegenheit, eine neue Stelle zu übernehmen. Somit erübrigte sich auch die Frage: „Wann geht der Alte denn endlich?“ Hinzu kam, daß damals ein Priester Direktor wurde, der als Student auf einer WG gelebt hatte, für die ich zuständig war.

Zu Beginn meiner Tätigkeit im Collegium Borromaeum stellte ich sowohl mir selbst als auch den Studenten die Aufgabe eines Spirituals vor Augen

Der Spiritual früher und heute

Unter den Studenten im Collegium Borromaeum hörte man damals nicht selten den Satz: „Ich glaub’, du solltest mal zum Spiritual gehen.“ Ältere Priester erzählten mir, vor dem Krieg habe es Freundschaftskreise im Borromaeum gegeben, in denen man die Maxime vertreten habe: „Wer von uns zum Spiritual geht, der kann besser gleich aufhören.“ Das zeigte mir, wie sehr sich die Akzeptanz des Spirituals und der Ge­sprä­che mit ihm gewandelt hatte. Was früher ein Krisenhilfsmittel für zu „wackelige“ Studenten zu sein schien, wird heute als wichtige Hilfe akzeptiert und für jeden Prie­sterkandidaten empfohlen.

Ein großes Vorbild für mich persönlich war mein Spiritual Johannes Bours (1913-1988), der als erster in Deutschland die Psychologie in seine Arbeit einbezog und sich mit Spiritualen aus den Nachbardiözesen traf, woraus die Spiritualskonferenz entstand.

Was ist ein Spiritual?

Ein Spiritual ist ein Geistlicher Begleiter, der helfen möchte, daß Leben gelingt. Er braucht die besondere Fähigkeit des Hinhörens und eine erhöhte Sorgfalt im Um­gang mit auch scheinbar nebensächlichen Details.

Im Collegium Borromaeum bedeutete das zu helfen, Mensch zu werden, Christ zu werden und Priester zu werden; manche Studenten fügten gerne hinzu „Heiliger zu werden“.

Ich bin überzeugt, daß jeder Mensch eine Berufung von Gott bekommen hat und sein Leben in dem Maße gelingt, wie er dieser Berufung treu ist.

Ich versuche, mich auf jeden einzelnen einzustellen; denn es gibt keine Schablone, die auf jeden paßt. Ich möchte Hilfestellung geben:

1. Diese Berufung zu entdecken
Manchmal kann sich eine solche Berufung einem Menschen verstellen, aber ein an­derer kann darauf aufmerksam machen. Es geht um den Dienst der Hebamme, die Leben ans Licht hebt.

2.  Zu einer so entdeckten Berufung zu stehen und ihr zu folgenEine solche Berufung kann Angst machen und zurückschrecken lassen. Es geht um den Dienst des Erzengels Raphael, der dem anderen nicht den eigenen Weg auf­zwingt, sondern den Weg des anderen mitgeht, zumindest ein Stück der Wegstrecke.

3. Aufzustehen und weiterzugehen, wenn einer hingefallen ist und liegen bleiben will
Es geht um den Dienst des Simon von Cyrene, der dem anderen das Kreuz tragen hilft.

4.  Weiterzugehen auf dem rechten Weg, wenn einer sich verirrt oder verlaufen hat
Es geht um den Dienst des Wegweisers oder Lotsen, der auf den rechten Weg führt.

5. Einen anderen Weg zu finden, wenn das angestrebte Priestertum nicht der richtige ist
Es geht um den Dienst des Hüters der Schwelle, der vor falschen Entscheidungen bewahrt, der aber auch den zu Selbstsicheren und schon Fertigen hinterfragt und den zu Ängstlichen und Zaghaften ermutigt, den Schritt zu wagen.

6. Von Sünden losgesprochen zu werden
Es geht um den Dienst des gütigen Vaters, der dem verlorenen Sohn das Fest der Versöhnung bereitet.

Ein Spiritual ist ein Geistlicher Begleiter, der helfen möchte, daß Leben gelingt. Er braucht die besondere Fähigkeit des Hinhörens und eine erhöhte Sorgfalt im Umgang mit auch scheinbar nebensächlichen Details.

Seelsorge an den Seelsorgern

Früher:
Laut CIC 1917 (Codex Juris Canonicus = Gesetzbuch des katholischen Kirchenrechts) wurde die wöchentliche Beichte verlangt, die aber sehr formalisiert war; es wurde also zugestanden, daß man auch nach der Weihe noch sündigte.

Probleme oder gar Krisen durfte ein Geweihter aber nicht mehr haben. Selbstbefriedigung zum Beispiel sollte bereits vor der Subdiakonatsweihe bewältigt sein.

Wer außer zur Beichte zum Spiritual ging, galt als „verdächtig“.

Heute:
Der CIC von 1983 verlangt eine regelmäßige Beichte, die aber vor allem beim jüngeren Klerus selten formal abläuft, sondern in der Regel in ein Beichtgespräch eingebunden ist.

Es müßte ausdrücklicher ein Recht auf Reifung und Entwicklung auch nach der Weihe, ja sogar das Recht auf eine Krise zugestanden werden, und gleichzeitig gälte es aufzuzeigen, wer kompetent helfen kann.

Hilfen:
Die Buß- und Beichttage, die Weihbischof Ludwig Averkamp am Niederrhein, bei dem ich vor meiner Tätigkeit als Spiritual Bezirksvikar war, in Kevelaer zu den Quatembertagen eingerichtet hat, waren hilfreich und fanden regen Zuspruch.

Das Positive am Rande war, daß Weltpriester ermutigt wurden, ihren Mitbrüdern den Dienst an der Versöhnung zu leisten und das nicht nur den „Rekollektionspatres“ überlassen und „zugetraut“ wurde.

Ziel-Vorstellung für die Zukunft:
Vierwöchiger Empfang des Bußsakramentes. Da aber keine Form der Buße alle Vorteile in sich vereinigt, empfahl man folgende Möglichkeiten, die sich im Klerus langsam durchsetzen, während die Beichte bei den Laien eher ausstirbt:

Zweimal im Jahr eine Bußfeier,

viermal im Jahr ein Beichtgespräch bei einem ständigen Geistlichen Berater, wobei die Distanz zum Wohnort nicht hinderlich sein sollte,

sechsmal im Jahr eine Beichte im Beichtstuhl, womöglich beim „Rekollektionspater“.

Während es bei der Beichte im Beichtstuhl vorwiegend um die Begegnung mit dem versöhnenden Christus im Sakrament geht, handelt es sich beim Beichtgespräch darüber hinaus um eine Beratung, zumindest aber um eine Möglichkeit, sich geschützt auszusprechen.

Einmal gemachte schlechte Erfahrungen können diese Praxis oft für lange Zeit unterbrechen, daher ist es sehr wichtig, kompetente Beichtväter und Begleiter auszubilden, die auch für einen Neubeginn in Betracht kommen.

Gespräch auf meiner Wohngemeinschaft im Collegium Borromaeum

Die Priester der Hausleitung waren einzelnen Wohngemeinschaften zugeordnet. Ich war für die Wohngemeinschaft Vier-West zuständig, die direkt neben meiner Wohnung lag.

In einem Gespräch auf dieser Wohngemeinschaft stellten die Studenten Fragen zu meiner Spiritualität. Meine Aussagen über die östlichen Religionen, wie zum Beispiel den Buddhismus, würden sie als Priesterkandidaten verunsichern.

Kürzlich fand ich die Notizen wieder von den Antworten, die ich diesen Studenten damals gegeben hatte:

Ich glaube an Gott und seine Offenbarung im Alten Testament und an Jesus Christus, dessen Botschaft mir im Neuen Testament erfahrbar wird. Aber ich bin überzeugt, daß darüber hinaus weitere Offenbarungen zu finden sind, zum Beispiel im „Tao te King“, im „Koran“ und in vielem mehr.

Ich möchte mich nicht in einen bestimmten religiösen oder gar konfessionellen Rahmen einsperren lassen; denn ich habe festgestellt: Was ich von den Vätern und Müttern erlernt und gelebt habe, beziehungsweise noch lebe, habe ich tiefer durch Impulse von außen verstanden.

Anfang der 1970er Jahre erlernte ich die Zen-Meditation und bot diese Form des Gebetes auch den Studenten als Morgengebet an. Ich war erstaunt, wieviel Studenten daran teilnahmen.

Ich nahm eine Entrümpelung der vielen frommen Wörter vor, um das eine  GÖTTLICHE  WORT  zu hören und im Herzen zu bewegen.

Als Mitglied der Europäischen Märchengesellschaft stellte ich fest, wie sehr Märchen zum besseren Verständnis der Bibel beitragen.

Intensiv beschäftigte ich mich auch mit Psychologie. Sie half mir, mich selbst besser zu verstehen, vor allem Schuld tiefer zu sehen, nicht nur als Handlungen, sondern als Haltungen. Dadurch konnte ich auch hilfreich sein für Studenten, die ich begleitete.

Ich lernte das Heilfasten kennen, selbst anzuwenden und in vielen Kursen zu vermitteln. Es hat nichts mit dem Fasten der Fastenzeit zu tun, sondern ist vielmehr eine lange vergessene Hilfe für Geistliches Leben.

EINFÜHRUNG in das GEISTLICHE  LEBEN

VORBEMERKUNGEN

Es gilt, zugleich ein Geistlicher und ein Zeitgenosse zu sein.
Geistliches Leben des Menschen ist nicht neben seiner Existenz als Mensch angesiedelt, sondern beide bilden eine Einheit. In einer solchen Einheit hat Geistliches Leben nicht eine solche Vorherrschaft, daß die Eigenartigkeit und der Eigenwert der anderen Lebensbereiche geschmälert wird; denn das Geistliche Haus darf nicht auf einem Minimum an menschlicher Substanz aufgebaut sein. Erst wenn ich als Selbst existiere, habe ich die Voraussetzung für Gebet (Richtung zu Gott) und Nächstenliebe (Richtung zum Nächsten); erst wenn ich ein Selbst bin, kann ich selbstlos sein.
Auch im Geistlichen Leben gibt es Begabungen; jeder soll seiner Begabung entsprechen. Ein Geistlicher ist vor allem ein Mann des Gebetes, denn das Gebet ist der Ernstfall des Glaubens, Gebet ist sprechender Glaube.
Ein Geistlicher berücksichtigt beide Wahrheiten:
„Ohne mich könnt ihr nichts tun!“ (Joh 15,1) und

„Ich habe keine anderen Hände als die euren!“ (Kreuz in St. Ludgeri in Münster).

 

 

 

ELEMENTE  GEISTLICHEN  LEBENS

I GEBET

1. Obwohl Beten auch von „bitten“ kommt, so ist es doch mehr, als von Gott etwas zu erbitten.
Beten nicht nur mit der Seele, sondern mit Leib und Seele ist Erhebung des Herzens zu Gott, dem Absoluten.
Gebet ist nicht ein Mittel, um äußere Dinge zu beschaffen, sondern um Gott in die eigene Seele einfließen zu lassen.
Gebet will nichts von Gott haben, sondern es vereint sich mit ihm und seinem Willen.
Sich Gottes Willen zu ergeben, ist keine Resignation oder ein Sich-Schicken, sondern es erschließt die Bereitschaft zum Mittun.
„Herr, gib mir die Gelassenheit,
Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann; den Mut,
Dinge zu ändern, die ich ändern kann; und die Weisheit,
das eine vom anderen zu unterscheiden.“
(Friedrich Christoph Oetinger 1702-1782 zugeschrieben)

Ein islamischer Mystiker formuliert:
„Des Gebetes beraubt zu sein, wäre für mich schwerer, als der Erhörung beraubt zu sein.“
Dementsprechend gilt auch:
„Es ist besser, hoffnungsvoll zu reisen, als anzukommen.“

Im Prozeß des Gebetes ist der Beter schon ganz bei sich; er erspürt in sich selbst einen Vorschein der erbetenen und erhofften Vereinigung mit dem Ganzen.

2. Gebetsstruktur

Heidnische Vorstellung vom Gebet – christliche Vorstellung vom Gebet (vgl. l Kön 18,25-40 und Lk 1,26-38)

In der heidnischen Vorstellung vom Gebet muß der Mensch Gott ansprechen und ihn für sich interessieren; er muß versuchen, die Absichten Gottes zu ändern.
In der christlichen Vorstellung befaßt sich Gott schon immer mit dem Menschen und der Mensch hat auf ihn, der zu ihm spricht, zu hören. Beten stellt nicht erst eine Beziehung zu Gott her, sondern macht sie sichtbar, da sie bereits existiert.
Gebet ist aus dem Glauben heraus Antwort darauf, daß Gott sich in Jesus Christus dem Menschen zugewandt hat.
Nicht Gott, sondern der Mensch muß sich ändern.
Beten heißt, sich Gott öffnen, damit er den Menschen für andere öffnet; so führt Gebet zur Tat.

Als Struktur jeglichen Betens ergibt sich
a) Eröffnung und Einstimmung,
b) Hören des Wortes Gottes,
c) Überdenken und Besinnen,
d) Antwort geben - Aktion,
e) Abschluß und Ausklang.

Wortgottesdienst in der Eucharistie
a) Eröffnung bis zum Tagesgebet,
b) Lesungen/Evangelien,
c) Antwortgesang und Predigt,
d) Glaubensbekenntnis und Fürbitten.

Stundengebet
a) Eröffnung, Hymnus, Psalmen,
b) Kapitel,
c) Antwortgesang,
d) Bitten, Fürbitten, Oration,
e) Abschluß.

3. Menschliches Leben und erst recht christliches Leben nimmt teil an der Polarität der Schöpfung und wird so immer als Spannungseinheit erfahren. Dieses Ausgespanntsein zwischen den Polen gleicht einem Gekreuzigtsein. Diese Polspannung des Lebens zu akzeptieren, entspricht dem täglichen Kreuztragen. In einem Leben in ausgehaltener Spannung ist Beten ein Ja zu Gott in der Erfahrung des Widerspruchs.

Die Spannungseinheit des Lebens wird im Beten selbst sichtbar in den Polen.
3.1 Beten als Leistung - Beten als Geschenk
3.2 Beten überall - Beten an besonderen Orten
3.3 Beten zu jeder Zeit - Beten zu bestimmten Zeiten
3.4 Beten mit Worten - wortloses Beten
3.5 Beten des Leibes - Beten der Seele
3.6 Beten nach Formen - Beten aus dem Herzen
3.7 Kurzgebet - ausführliches Gebet
3.8 Liturgisches Beten - persönliches Beten
3.9 Bitten - Danken und Lobpreisen
3.10 Bitten für sich - Fürbitten
3.11 Abwechslung und Wiederholung

4. Drei Arten des Betens
4.1 Kopftypen beten von außen nach innen. Von außen kommen Bilder, Symbole, Texte; diese geben nach innen Impulse, wodurch dort etwas geschieht.
4.2 Herztypen beten von innen nach außen. In ihnen kommt etwas hoch, das drückt sich nach außen aus durch Worte, Töne, Malen, Tanz und vieles mehr.
4.3 Bauchtypen bevorzugen die Leere. Sie lassen äußere und innere Impulse los, um in eine völlige Stille zu gelangen. Das geschieht zum Beispiel bei der gegenstandslosen Zen-Meditation.

II GEISTLICHE  TAGESORDNUNG

1. Der Mensch gehört als Geschöpf auch Raum und Zeit an. Die Zeit wird zyklisch und linear erfahren. Der Mensch ist eingespannt in den rhythmischen Ablauf der Natur. Einerseits ist er zum Beispiel eingebunden in den Wechsel von Tag und Nacht, Sommer und Winter, andererseits in Ein- und Ausatmen, Essen und Verdauen, Absorbieren von Energie und Verbrauchen derselben. Oft jedoch muß er zum Beispiel als Schichtarbeiter im Widerspruch zu seinen Bedürfnissen leben.

Die Zeit will strukturiert werden:
zuviel Planung schafft den Bürokraten,
zuwenig läßt alles zerfließen;
gute Planung ist nur bei wirklichem Leben möglich, nämlich in einer Ausgewogenheit von YIN und YANG.

2. Wie die gesamte Lebensordnung einen Rhythmus hat, so auch die Geistliche. Wie der Mensch im Leben ständige Veränderung nur schwer verkraften kann, so auch im Geistlichen Leben. Auch hier gilt das Gesetz der Wiederholbarkeit.

3. Die Geistliche Lebensordnung hängt ab von einer Gesamtordnung. Notwendig ist ein rechtes Verhältnis von Planung und Spontaneität; einerseits kann man die Lebensordnung nicht dem Zufall überlassen, andererseits ist echte Spontaneität aber nur von einer Planung her möglich, zu der man nach dem Spontanen auch wieder zurückkehren kann.

4. Ein rhythmisches Leben mit seiner Regelmäßigkeit hat seine Vorteile. Sein Feind ist die Angst, etwas zu verpassen, das Bestreben, alle Möglichkeiten offenzuhalten.
„Man kann die Wirklichkeit zu Tode erschrecken, wenn man ihr zu verstehen gibt, daß sie nur eine von mehreren Möglichkeiten ist.“

5. Wenn der Tag richtig begonnen werden soll, dann beginnt er am Abend. Der Morgen mit einem guten Morgengebet ist dann wie eine Auferstehung, wie ein Neuanfang. Wann ich morgens aufstehe, sollte ich bereits abends festlegen und es nicht erst am Morgen auf die Stimmung ankommen lassen. Das gilt auch für die Ferien, dabei kann die Zeit durchaus einmal später liegen. Auch das Morgengebet sollte nicht von der Stimmung abhängen. Gut ist eine bestimmte Form mit einer bestimmten Gebärde. Der gute Anfang entscheidet über den ganzen Tag, man denke zum Beispiel an die Redewendung „mit dem falschen/linken Bein aufstehen“.
Gut ist es, sich für das Aufstehen Zeit zu lassen, sich langsam zu sammeln, also nicht abrupt aufzustehen.
Das Morgengebet in Gemeinschaft erleichtert den Gemeinschaftsaspekt unseres Lebens und macht die Solidarität im Gebet leichter erfahrbar.

6. Neben dem Schwerpunkt Studium, neben Praxisbezug, Sport, Freizeit und Muße sollten folgende Formen der Sammlung einen festen Platz in der Geistlichen Tagesordnung haben:
Gebet morgens, mittags und abends, Gottesdienst,
stille Zeit, mindestens eine viertel Stunde, Schriftlesung.
Innerhalb dieser Punkte gibt es Kombinationsmöglichkeiten.

7. Um den Tag richtig zu beschließen, braucht es eine regelmäßige Form des Abendgebetes mit einer bestimmten Gebärde. Hier ist zwischen Vesper und Komplet zu unterscheiden (Abendgebet der Gemeinschaft und persönliches Abendgebet vor dem Einschlafen).
Ein wichtiger Punkt des Abendgebetes ist der Rückblick auf den Tag, zum Beispiel als „Gebet der liebenden Aufmerksamkeit“, was mehr ist als eine Gewissenserforschung. Der Tag sollte nicht lediglich verlaufen oder auslaufen. Entscheidend für die Nacht ist, mit welchen Gedanken ich in den Schlaf falle; denn der Schlaf ist ein wichtiger Punkt der „Tages“-Ordnung.

8. Je schwerer mir Dinge fallen, einen desto festeren und sicheren Platz müssen sie in der Tagesordnung haben.

9. Zur Geistlichen Tagesordnung gehört auch eine lang-, mittel- und kurzfristige Planung. Es will zum Beispiel geplant sein, in welcher Zeit die gesamte Heilige Schrift gelesen wird und welche Bücher der Geistlichen Literatur bis wann gelesen werden.

III ZEIT  DER  STILLE

1.  Zu einem voll entfalteten Leben gehören drei Bereiche:
In Polarität zueinander stehen Leistung und Stille, das Übergreifende ist die Ekstase, die hilft, hier und da die Spannungseinheit unseres irdischen Lebens zu übersteigen und aufzuheben.
2. Leistung wird in unserer Gesellschaft sehr stark betont. Im Geistlichen Leben entsprechen der Leistung die Sendung und das Apostolat. Leistung kann zum Aktivismus entarten und ist dann Flucht vor der inneren Sammlung; allerdings kann auch angebliche innere Sammlung Flucht vor der Leistung sein.
3.  Möglichkeiten zu ekstatischem Erleben sind in unserer Gesellschaft sehr gering, noch geringer für Menschen des sogenannten Geistlichen Standes. Der zivilisierte Mensch ist oft bewegungsgehemmt. Es gibt die Möglichkeit echter Begeisterung durch den Tanz. Ekstase ist nicht zu verwechseln mit Ausgelassenheit.
4.  Stille ist keine Begleiterscheinung menschlicher Existenz, sondern der tragende Grund des inneren Lebens. Bei der Stille gibt es den Unterschied zwischen Schweigen und Verstummen. Es ist ein Unterschied, ob ich verstumme, weil wir uns nichts mehr zu sagen haben oder ob ich nichts sage, weil zum Beispiel eine mystische Erfahrung nur schwer zu vermitteln und auszudrücken ist und das Erlebnis eher zerredet und der Lächerlichkeit preisgegeben würde, daher gibt es zum Beispiel auch die Schweigepflicht in allen Mysterienkulten und in der Sprache der Liebenden. Rechtes Schweigen ist mehr als Nicht-Reden.
5.  Um wirkliche Stille zu erleben, braucht es mehrere Voraussetzungen
5.1 Einen Ort äußerer Ruhe; so hat zum Beispiel in der Hl. Schrift und im Leben der Heiligen die Einsamkeit in der Wüste, auf Bergen und in Höhlen eine große Bedeutung.
5.2 Die Ruhigstellung des Leibes bis auf die Bewegung des Atems sind hilfreiche Methoden der Schweigemeditatlon.
5.3 Die Ruhe der Gedanken. Es geht um die Ruhigstellung des Affenkäfigs der Gedanken in unserem Kopf, die wild wie Affen umherspringen. Es hilft, keinem Gedanken nachzugehen, sondern sie vorbeiziehen zu lassen wie Wolken an einer Bergspitze.
Es geht nicht nur darum, Ruhe zu haben, sondern ruhig zu sein. Es geht um die vibrierende Stille als Leere und Fülle.
Leere: Die Bewegung des Werdens kommt zum Stillstand; dafür kommt das Gefühl, von den Bindungen an fixierte Positionen frei zu sein.
Fülle: Gespannte Wachheit und das Gewahrsein werden unmittelbar erfahren.
In dieser Stille werden Geist und Leib nicht länger getrennt erlebt. Es ist nicht die Stille des Schlafes oder der Langeweile, sondern die des Tigers im Wald oder des Reihers am Wasser. Stille ist eine unabdingbare Voraussetzung für echte Spiritualität.
6.  Zu einem gesunden Geistlichen Leben gehören Formen der Stille: jeden Tag eine kurze Zeit, mindestens eine Viertelstunde; in Abständen ein Wüstentag; im Jahr mehrere Tage zum Beispiel als Exerzitien.
7.  Es gibt eine Angst vor der Stille, weil etwas hochkommen könnte, dem ich nicht begegnen will. Aber Stille und Schweigen ebnen einen guten Weg zur Selbstbegegnung. Das Ziel der Stille und des Schweigens besteht darin, mit Gott eins zu werden. Schweigen reduziert nicht das Leben, sondern intensiviert es. Wir können dadurch erfahren, was es heißt, wenn Teresa von Avila (1515–1582) sagt: „Gott allein genügt.“
Aus der Eckehart (um1260-1328)-Legende:
Der arme Mensch fragt. „Du magst wohl heilig sein, wer hat dich heilig gemacht, Bruder?“ Eckehart antwortet: „Das tat mein Stillesitzen und meine hohen Gedanken und meine Vereinigung mit Gott.“
8.  Rainer Maria Rilke (1876-1971):
„Wenn ich nur einmal ganz stille wäre;
wenn das Zufällige und Ungefähre verstummte und das nachbarliche Lachen;
wenn das Geräusch, das meine Sinne machen, mich nicht so sehr behinderte am Wachen.
Dann könnte ich in einem tausendfachen Gedanken bis an den Rand dich denken
und dich besitzen (nur ein Lächeln lang),
um dich an alles Leben zu verschenken wie einen Dank.“
9.  Erhart Kästner (1904-1974):
„Immer, wenn Stille gesagt wird, besteht die Gefahr, daß Beharren und Stillstand gemeint wird. Das darf nicht sein. Stille ist nichts, wenn nicht das Weiterellen darinnen ist.“
10.  Anbetung
Anbetung ist Dasein für Gott ohne Nebenabsichten, Ausdruck dafür, daß er die Mitte des Lebens ist. Anbetung ist Verweilen in der Nähe des Herrn; er schaut mich, ich schaue IHN.
10.1 Anbeten heißt, stille werden vor Seiner unendlichen Größe, vor Seinen rätselhaften Verfügungen.
10.2 Anbeten heißt, sich IHM aussetzen mit aller Armut und Leere.
10.3 Anbeten heißt, sich bekehren und alle Widerstände gegen Gott hochkommen lassen sowie sich IHM neu zuwenden.
10.4 Anbeten heißt, sich von IHM befreien lassen aus aller Enge, Beklemmung und Angst.
10.5 Anbeten heißt, Du sagen können und sich Seiner lebendigen Gegenwart öffnen.

IV LESEN  IM  GEISTLICHEN  LEBEN

1. Der Mensch ist primär ein Beziehungswesen. Er lebt in Beziehung zu Gott, zum Mitmenschen, zur Schöpfung und zu sich selbst. Wesentlicher Bestandteil der Beziehungsgestaltung ist die Sprache. Wir sprechen mit Gott, weil wir ihn lieben. Lesen ist die Umkehrung des Sprechens. Wir lesen zum Beispiel die Heilige Schrift, weil wir uns von Gott geliebt wissen.

2. Lesen ist aber nicht nur die Fähigkeit, Buchstaben und Wörter zu erkennen, das kann auch der Computer. Lesen ist ein geleitetes Phantasieren, ein selbständiges Produzieren von Wirklichkeit aus Zeichen. Der Leser ist aktiv, er erschafft sich aus der Lektüre von Texten eine eigene Wirklichkeit, in der sein Selbst und die äußere Wirklichkeit zusammengeführt werden. Die Verbindung seiner inneren Wirklichkeit mit den Wirklichkeiten eines Textes erfährt er als Erweiterung seines Bewußtseins. Lesen ist eine Kunst. Beim Lesen sind nicht nur die kognitiven Fähigkeiten beteiligt, sondern es schwingen auch irrationale Gedanken und Gefühle mit sowie Vorlieben, Abneigungen und Ängste. Lesen ist ein ganzheitliches Erleben, an dem Kopf und Herz gleichermaßen beteiligt sind, daher verfallen wir zuweilen dem Zauber eines Buches. Das geschieht vor allem in der Kindheit und Pubertät. Lesen kann zur Magie werden.
Die Kunst des Lesens wird dadurch erschwert, daß eher kurze Texte als ganze Bücher gelesen werden. Diese werden oft nur diagonal im Schnellverfahren gelesen. Es gibt Lernprogramme, die rationelles Lesen erleichtern: Doppelzeilentechnik, Tannenbaum-Lesen, Slalomtechnik, Zick-zack-Methode. All diese Lesearten können aber keinen Glauben begründen oder vertiefen. Dafür ist ein hingebungsvolles, existentielles Lesen notwendig. Auch im Zeitalter der automatischen Textverarbeitung läßt sich noch immer zwischen den Zeilen lesen.
3. Jesus ist das menschgewordene Wort Gottes. Er verkündet uns die Botschaft vom Heil. Diese Botschaft ist in der Heiligen Schrift sehr verkürzt. Jesus hat selbst nicht geschrieben. Es bedarf großer Anstrengung, das von Jesus gesprochene Wort in seiner Fülle wiederherzustellen. Es geht also darum, nicht geschriebene, sondern gesprochene Rede zu vernehmen und vom Leser zum Hörer zu werden; denn der Glaube kommt vom Hören. Eine ähnliche Aufgabe hat die Predigt, die das, in der Heiligen Schrift verkündigte Wort Jesu in volle Sprache rückübersetzt. Eine Lesepredigt ist eigentlich sprachlich nicht vermittelbar.

4. Seit dem 14. Jahrhundert wird Maria nicht mehr nur mit Wollkorb und Spindel oder mit einer Frucht dargestellt, sondern auch mit einem Buch. Maria wird in der Kunst zum Lesevorbild für die Christenheit.

5. Die Macht des Lesens ist heute erkannt und wird in der Bibliotherapie eingesetzt. Der Leser wird durch ein Buch mit seinem eigenen Leben konfrontiert. Früher gab es nur wenige Bücher, und es konnten nur wenige Menschen lesen. Über der Bibliothek von Alexandria stand: „Heilstätte der Seele“. Die Heilkraft des Lesens hat nicht nur mit Krankheit und der damit verbundenen Mobilisierung von Selbstheilungskräften zu tun, sondern ist auch Mittel zur Selbstfindung.

Der nach eigenen Aussagen in den Bekenntnissen (Confessiones) unter starker Depression leidende Augustinus (354-430) bekam den Hinweis: „Nimm und lies!“, und die Verzweiflung schwand aus seinem Herzen.

Teresa von Avila (1515–1582) empfing den entscheidenden Impuls zu einem neuen geistlichen Leben durch die Lektüre der Bekenntnisse des Augustinus.

Edith Stein (1891-1942) hat im Haus ihrer Freundin Hedwig Conrad Martius (1888-1966) in einer Nacht die Biographie der Teresa von Avila gelesen und erkannt: „Das ist die Wahrheit.“

Der als Soldat verwundete Ignatius von Loyola (1491–1556) las auf dem Krankenlager Heiligenlegenden und die Heilige Schrift. Das motivierte ihn, sein Leben zu ändern.

Biographien können positive Antriebe für das eigene Leben geben.

6. Die Macht des geschriebenen Wortes wird auch dadurch sichtbar, daß totalitäre Staaten bestimmte Bücher verbieten. Das Wort wird fast noch mehr gefürchtet als bewaffneter Widerstand. Auch die Kirche kennt den Index der verbotenen Bücher und das Imprimatur als kirchliche Druckerlaubnis.

Das hat alles nur Sinn, wenn das Gedruckte nicht einfach tot ist, sondern als gelesenes Wort lebendig ist mit einer Auswirkung, der sogar Zerstörung, aber auch Heilung zugetraut wird.

V DIE  HEILIGE  SCHRIFT

1. Ist sie für mich das Buch der Bücher?
Sie ist wichtig für das Studium, aber auch für das geistliche Leben, man vergleiche zum Beispiel, wie die Schriftgelehrten einerseits und die Weisen aus dem Morgenland andererseits mit der Heiligen Schrift umgehen.

2. Für das geistliche Leben sollte man eine approbierte Ausgabe besitzen, ihr einen besonderen Platz geben und in fortwährendem Kontakt (lectio continua) mit ihr stehen.

3. Die Heilige Schrift ist Organ des Heiligen Geistes, wie es zum Beispiel auch die Sakramente sind. Der Spender ist die Kirche. In diesem Sinne gibt es keine „private“ Schriftlesung; denn sie geschieht immer im Auftrag der Kirche und ist gewissermaßen ein rudimentärer Wortgottesdienst.

4. Könnte ich die Heilige Schrift auch einfach mal nur aus Neugierde lesen, gleichsam zur Unterhaltung, oder interessiert sie mich gar nicht?

5. Wenn ich die Heilige Schrift als geistliche Lesung nutze, sollte ich nicht wie ein Exeget über sie zu Gericht sitzen; denn die Heilige Schrift urteilt eher über mich auf dem Richterstuhl.

6. Lernziele für die Schriftlesung:
Gott in der Heiligen Schrift begegnen, sein Wort hören und mit ihm ins Gespräch kommen, Orientierung für das tägliche Leben gewinnen, mit der Schrift beten.

7. Unterschiede zum Lesen anderer Bücher:
Die Heilige Schrift ist Gottes Wort und Anspruch an mich als Anforderung und als Zusage; das verlangt meine Antwort.

8. Praktischer Vollzug des Lesens:
sich in Gottes Gegenwart versetzen, tief durchatmen,
sich öffnen und zuhören,
leise werden; denn Gott ist die „Stimme verschwebenden Schweigens“ Martin Buber (1878-1965), laut lesen, mehrmals lesen,
herausschreiben, ein Geistliches Tagebuch führen,
anstreichen,
„Wallfahrtsstellen“ merken.

9. Hilfen beim Lesen:
Kommentare, Konkordanz, Sachbücher, Synopse.

VI SCHRIFTBETRACHTUNG

Es geht nicht um eine wissenschaftliche Betrachtung, die ihrem Gegenstand distanziert, neutral und objektiv gegenübertritt. Diese kann niemals die ganze Wirklichkeit erfassen. Es zählt vor allem der nicht objektivierbare Rest.

Mögliche Methoden
1. Situationsanalyse
Fast jeder Text ist Teil eines Iebensmäßigen Zusammenhangs.
Das Schriftwort ist meist eine Antwort auf eine zuvor gestellte Frage. Wie ist also die Situation der ursprünglichen Adressaten und wie die des Lesers?
Wenn sie ähnlich ist, kann er sich solidarisieren und gegebenenfalls vom Text verstanden fühlen.

2. Dialogische Methode
Es geht um die „Personalität“ des Textes. Der Leser erfährt ihn als lebendiges Gegenüber, das ihn anredet, befragt, zurechtweist, ermuntert und freispricht.
So kann der Leser ins Gespräch kommen und antworten.

3. Integrative Methode
Nur wenige Texte enthalten im Kleinstbildformat das ganze Evangelium. Deshalb ist es wichtig, die verbindlichen Maßstäbe des kirchlichen Dogmas zu berücksichtigen und das gläubige Denken vom Rand zur Mitte und vom Teil zum Ganzen hinzulenken.

4. Aktualisierende Methode
Die Bibel ist kein für alle Zeit gültiges Rezeptbuch. Aber neben aller Zeitbedingtheit der Aussagen gibt es Hinweise auf unveränderliche Grundwerte: Wahrhaftigkeit, Treue, Güte, Erbarmen, Selbstlosigkeit und viele mehr.

Vorgehensweise
Zu jeder Schriftbetrachtung gehört eine Vorbereitung: Gebet und Sammeln auf Gottes Wort; ebenso gehört dazu ein Abschluß in der Form des DU-Gebetes.

1. Information
Ich lese den Text laut.
Ich blicke auf das Ganze, den Kontext.
Ich lenke meinen Blick auf Einzelheiten wie Ort, Zeit, Umgebung und Personen.
Ich konzentriere mich auf das Wesentliche des Geschehens.

2. Meditation
Was will Gott mir offenbaren?
Was bedeutet das Geschehen für mich?
Wo finde ich mich in diesem Heilsereignis zwischen Gott und Mensch?

3. Antwortendes Gebet
Ich wiederhole langsam immer wieder ein kurzes Gebetswort, das sich in mir formt aus Anbetung, Dank, Lob, Hoffnung, Freude, Trauer oder anderem.

4. Aktion
Was erwartet Gott jetzt von mir?
Die Betrachtung darf nicht nur inneres Erlebnis bleiben, sie muß Zeugnis werden.
Welchem Impuls muß ich Raum geben?

Christusbetrachtung nach der Methode des Oratoriums von St. Sulpice
1. Sich sammeln und die Perikope lesen.
2. Anschauen und Betrachten Seines Verhaltens, der Gesinnung, Anbetung, Huldigung, Preisung, des Dankes und der Freude.
3. Wie ist es bei mir mit dieser Tugend Jesu?
4. Sich öffnen und diese Gesinnung Jesu in das eigene Leben aufnehmen.
5. Was kann ich tun aus dieser Kraft und Weisung Jesu?

Kurzformel
Jesus vor Augen stellen,
Jesus ins Herz holen,
Jesus die Hände leihen, also mit Jesus Hand in Hand wirken.

VII SCHRIFTGESPRÄCH

Ein Schriftgespräch ist zu unterscheiden von einem exegetischen Seminar. Das Schriftgespräch ist keine theologische Diskussion, sondern ein Glaubensgespräch. Für ein solches Schriftgespräch gelten alle Regeln, die die Kommunikationsforschung nach Ruth Cohn (1912-2010) und Carl R. Rogers (1902-1987) für persönliche Gespräche innerhalb einer Gruppe herausgestellt hat.

1. Äußere Gegebenheiten
Ort: entsprechende Atmosphäre,
Zeit: nicht zu häufig, begrenzt auf ein bis zwei Stunden,
Gruppengröße: 5 - 8 Personen.

2. Innere Voraussetzungen
Störungen haben Vorrang,
es redet nie mehr als einer gleichzeitig,
es sagt keiner „man“ oder „wir“ sondern alle sagen jeweils „ich“,
es ist fast immer besser, eine persönliche Aussage zu machen, als eine Frage zu stellen,
etwas stehenlassen können,
keine langen Monologe und gegenseitige Belehrungen,
jeder ist sein eigener „chairman“.

Hilfreich ist
gegenseitige Wertschätzung und ein Vorschuß an Vertrauen,
einfühlendes Verständnis,
Echtheit und Selbstkongruenz,
Freimut (parrhesia griech.: Παρρησία = Redefreiheit, über alles sprechen).

3. Methoden und Techniken
3.1 Satzzeichen-Methode, bekannt als „Västeras-Methode“

Auf einer Kopie eines Schrifttextes derselben Bibelübersetzung machen alle Zeichen nach eigener Einschätzung und tauschen sich darüber aus:
? bei einer Frage,
! bei Bejahung oder besonderer Wichtigkeit,
- bei Betroffenheit,
0 bei Aufgeblasenheit.
3.2 Überschriften-Methode
Für einen Text eine möglichst für eine Zeitung geeignete Überschrift suchen.
3.3 Fall-Analyse
Zu einem konkreten Ereignis wird untersucht, was sich von der Bibel her dazu sagen läßt.
3.4 Methode der Provokation
Hier wird ein Text verfremdet, um auf die Aussage aufmerksam zu machen.

VIII GOTTESDIENST

Zum Gottesdienst treffen sich Menschen mit Gleichgesinnten; dieses Sichversammeln hat eine heilsgeschichtliche Bedeutung; wer sich zum Gottesdienst versammelt, setzt ein Zeichen gegen die ihn umgebende säkularisierte Welt und legt ein Bekenntnis ab.

1. Eigenschaften dieser Gottesdienst-Versammlung
1.1 Versammlung der Glaubenden,
aber es wird auch Randchristen geben; es gibt nicht nur Heilige und Sünder, sondern jeder Teilnehmer ist schon beides; es ist nur eine Versammlung, aber diese zeigt sich doch vielfältig, sie manifestiert immer den doppelten Aspekt des Priestertums; das Gottesvolk bildet das Subjekt der Liturgie, die Gemeinde in ihrer Gesamtheit trägt das gottesdienstliche Geschehen;
1.2 Stiftung Jesu Christi, ein Mysterium, das immer über sich hinausweist;
1.3 in der Versammlung ist der Herr in verschiedenen Gegenwartsweisen anwesend: zum Beispiel im Priester, in der Gemeinde, im Altar, im Evangeliar, und nicht zuletzt in der Eucharistie selbst:
1.4 die Versammlung ist Dienst Gottes und Gottesdienst;
1.5 jeder Gottesdienst ist eine Feier,
1.6 Gottesdienst als Rast des pilgernden Gottesvolkes;
1.7. es ist eine hörende und antwortende Versammlung, eine Ecclesia als Zusammengerufene, als Hörende und als Antwortende;
1.8 die Versammlung ist zeichenhaftes Tun;
1.9 es ist eine geordnete und gegliederte Versammlung.

2. Neben der Eucharistiefeier gibt es verschiedene Formen von Gottesdiensten:
2.1 Stundengebet,
2.2 Wortgottesdienst (Andacht),
2.3 Betstunde - Anbetung,
2.4 Kreuzweg,
2.5 Rosenkranz,
2.6 Maiandacht,
2.7 Wallfahrt.

3. Gestaltung von Gottesdiensten
3.1 Gutes Verhältnis von Objektivem, wie zum Beispiel Tagesgebet und Kanon, und Subjektivem, wie zum Beispiel Fürbitten,
3.2 es muß Wiedererkennungshilfen geben; denn es geht nicht um Überraschungseffekte.

4. Teilnahme am Gottesdienst
4.1 Da es um ein gemeinschaftliches Tun geht, ist es nicht nur wichtig, daß ich nicht fehlen darf (Sonntagsgebot), sondern auch bedeutsam, daß die anderen ohne mich nicht vollständig sind.
4.2 Ziel ist die tägliche Meßfeier, weil hier eine besonders hohe Form der Begegnung mit Christus und der Kirche gegeben ist. Die Ostkirche sieht das schon im Stundengebet gegeben, sie kennt keine tägliche Meßfeier. Beiden Kirchen ist aber die Wertschätzung des Sonntags gemeinsam, die in der Feier der Eucharistie zum Ausdruck kommt.

Bei der Einladung zur täglichen Meßfeier ist einbezogen, daß sie nicht jedesmal zum spürbaren Erlebnis wird. Wir können nicht immer gegenwärtig haben, was Eucharistie ist; objektiv nicht, weil sie als Mysterium unausschöpflich ist; subjektiv nicht, weil unsere Aufmerksamkeit begrenzt ist.

5. Hilfen für die Mitfeier
5.1 Einzelteile der Messe besonders ins Auge fassen, sich auf sie vorbereiten, sich darüber liturgiegeschichtlich informieren und dann beim Vollzug besonders aufmerken.
5.2 Einen heilsgeschichtlichen Aspekt vornehmen und schauen, wo er in der Messe besonders erwähnt wird, zum Beispiel als Dank, Lob, Einheit, Friede, Erlösung und anderes.

IX DER LEIB IM GEISTLICHEN LEBEN

1. Vorbemerkung
Geistliches Leben ist nicht nur ein Leben des Geistes und der Seele, sondern ein Leben des ganzen Menschen, so auch seines Leibes, den er nicht hat, sondern der er ist.

2. Der Leib
„Tue deinem Leib etwas Gutes, damit die Seele Lust bekommt, darin zu wohnen!“, sagt Teresa von Avila (1515–1582); andererseits ist der Leib ein Abbild unserer Seele und unseres Geistes. Der Leib ist ein Prozeß der sich ständig wandelnden Inkarnation der Seele, Angst vor dem Leib ist Angst vor dem Sterben.
Übungen des Leibes betreffen den ganzen Menschen, damit er auch im Leib ganzheitlich anwesend sein kann. Sport und Gymnastik sollten mehr sein als Fitnesstraining oder Ausgleich für die Unbeweglichkeit geistiger Arbeit, sie sollten Möglichkeiten zur Reifung bieten. Dann liegt der Akzent nicht auf der Leistung wie im „L e i s t u n g s sport“, sondern auf dem ganzen Menschsein. So zeigen es die ursprüngliche Idee und der Sport im alten Japan, wie zum Beispiel das Bogenschießen.
Der Leib drückt sich aus in Haltung und Gebärden. Es geht um die Einübung der rechten Haltung zwischen Verspannung und Erschlaffung. Dazu verhelfen Entspannungstechniken und Eutonieübungen.
Beten geschieht mit Leib und Seele. Gebet des Leibes erscheint in der Gebärde und die Gebärde führt zum Gebet der Seele. Es gibt einen Unterschied zwischen der religiösen Gebärde und der alltäglichen Gebärde, ebenso wie zwischen der Fortbewegung als Schreiten oder Gehen und in der Haltung der Hände bei unterschiedlichen Gebetsgebärden oder bei verschiedenen alltäglichen Verrichtungen. Neben den offiziellen liturgischen Gebärden gibt es auch persönliche Gebetsgebärden; es gibt eine Intimität der Gebärde im Religiösen vergleichbar mit der der Liebenden.
Zu einem sinnvollen Leben gehört, daß es voll der Sinne ist. Sie sind die Tore unseres menschlichen Wesens zur Wirklichkeit, durch sie nehmen wir die Außenwelt auf und gewähren Einblick in unser Inneres. Wenn Jesus Menschen heilt, heilt er vor allem ihre Sinne. Seit Aristoteles (384-322 v. Chr. G.) sprechen wir von den fünf Sinnen: Sehen, Hören, Riechen, Fühlen und Schmecken.
Die kommunistische Jugendführerin Tatjana Goritschewa (* 1947) bekehrte sich nicht durch ein Gespräch oder ein Buch, sondern durch eine Yoga-Meditation des Vaterunser-Gebetes. Sie erfaßte die Existenz Gottes nicht mit ihrem Verstand, sondern erfuhr ihn mit Leib und Seele, mit ihrem gesamten Wesen. Laut einem berühmt gewordenen Zitat charakterisiert sie Gott wie folgt: „Er, der lebendige, persönliche Gott, der mich und alle Kreatur liebt, der die Welt geschaffen hat, der aus Liebe Mensch wurde, der gekreuzigte und auferstandene Gott.“
Heinrich Seuse (1295-1366) ging als Büßer solange hart mit seinem Leib um, den er mit Nagel -und Riemenwerk völlig zugrunde richtete, bis Gott ihn durch das Erscheinen eines Himmelsboten wissen ließ, daß er diese Übungen nicht länger dulde. Daraufhin entledigte er sich schließlich seiner Bußwerkzeuge.

3. Die Atmung
Das Verbindende zwischen Leib und Seele ist der Atem (pneuma, spiritus, mach, Geist). In der Schweigemeditation im Stil des Zen ist der Leib ruhig, das einzig Bewegende ist der Atem. Atemübungen helfen, daß der Atem durch den ganzen Leib vor allem als Tiefatmung im Bauchbeckenraum fließen kann und Verspannungen sich lösen.
Die Klimahistorie zeigt einen Zusammenhang zwischen Klimasituation und Befindlichkeit der Menschen. Klimaveränderungen beeinflussen nicht nur das Atmen, sondern haben auch mentale Folgen.

4. Das Essen und das Trinken
Durch die Sinne des Leibes, die Atmung und die Ernährung steht der Mensch in Verbindung mit der Außenwelt. Während er sich durch die Sinne mehr die geistige Welt „einverleibt“, nimmt er durch die Nahrung die stoffliche Welt auf.

Der Mensch ist nicht, was er ißt. Doch die Speise übt einen gewissen Einfluß auf ihn aus. Der Charakter bestimmt die Nahrungsaufnahme und die Nahrung beeinflußt den Charakter. Jeder sollte bedenken:
was er ißt (nicht alles ist für jeden bekömmlich),
wann er ißt (feste Zeiten sind sehr hilfreich für das Wohlbefinden),
wieviel er ißt (bei reichhaltigem Angebot ißt man leicht zuviel),
warum er ißt (zum Beispiel nicht aus Hunger, sondern als Ersatzbefriedigung),
wie er ißt (nicht zu schnell essen und lange kauen).
Das Essen verändert unbewußt das Innenleben. Hunger führt zu einer Erhöhung des Erregungsniveaus. Zu Beginn des Essens dient die Nahrung als Anregungsmittel und nach etwa einer Stunde als Beruhigungsmittel. Manche Menschen wollen die erregungsdämpfenden Auswirkungen der Verdauung meiden und essen daher wenig und oft auch sehr hastig. Das könnte auch ein Grund für das schnelle Essen in Klöstern sein, erstaunlicherweise sogar in buddhistischen. Feinschmecker verstehen es, sich bei einem Essen von zwei bis drei Stunden ein anhaltend sehr hohes Niveau von Lust und Erregung zu verschaffen. Es liegt nahe, daß Personen, die sexuell eingeschränkt leben, wie zum Beispiel im Zölibat, sich leicht für diese Quelle von Reiz und Erregung entscheiden.
Ein bedeutender Faktor ist die Verdauung. Verstopfung und Durchfall geben wichtige Hinweise nicht nur auf die physische Situation, sondern auch auf die psychische.
Nahrungsaufnahme ist notwendig für alle Lebewesen. Damit das Fressen zum Mahlhalten wird, also zu einem menschlichen Vorgang, braucht es das Tischgebet und Tischsitten. Für die religiöse Urstufe der Menschen galt, sich beim Essen von Fleisch an rituelle Regeln zu halten, sonst lief man Gefahr, sich selbst in ein Tier zu verwandeln.
Gemeinsames Essen dient nicht nur der Sättigung, sondern scheint im gemeinschaftlichen Mahl sogar schmackhafter zu werden. Wahrscheinlich gehört es zur Natur des Menschen, daß ihm die Ernährung, wenn sie mit einer gewissen Ansprache verbunden ist, mehr Freude macht. Schon die Mutter redet dem Kleinkind die Speise löffelweise in den Mund.
Daß Speise und Trank mit der Befindlichkeit des Menschen zu tun haben, zeigt sich besonders in den Genußmitteln. Aber auch die Schwankung in der Zufuhr von Grundnahrungsmitteln beeinflußt die Funktion des Zentralnervensystems. Viele Kohlehydrate führen zum Beispiel zu Ausgeglichenheit, aber auch zu Schläfrigkeit. Ein feuriges Pferd bekommt viel Hafer, daher auch die Redewendung „Den sticht der Hafer“. Gewürze beeinflussen den Geschmackssinn der einzelnen Menschen auf verschiedene Weise. Immer mehr Menschen entscheiden sich aus unterschiedlichen Gründen für eine vegetarische oder sogar vegane Ernährung.
Wer sein Essen bewußt genießt, denkt auch darüber nach. Augustinus (354-439) schreibt in den Bekenntnissen: „Das hast Du mich gelehrt, Nahrung so zu gebrauchen, wie man Heilmittel einnimmt. Aber indem ich von der Beschwer des Bedürfnisses übergehe zum Behagen der Stillung, ist es dieser Übergang, in dem die Schlinge der Begier auf mich lauert.“
Essen ist mehr eine Frage der sinnlichen Erfahrung als des Verstandes. Die Erfahrung des Heilfastens, dessen religiöse Dimension entdeckt ist, kann hilfreich sein, über die Gründe, warum jemand falsch ißt, und eine mögliche Ernährungsumstellung nachzudenken.

5. Die Kleidung
Kleidung dient nicht nur als Schutz vor Witterung und Verletzung. Sie ist ein Teil des Menschen. Wenn er sie sich selbst nach eigenem Geschmack wählen kann, spricht sich in ihr etwas von seinem Wesen aus. Manche Menschen kleiden sich zum Beispiel „wie eine graue Maus“. Andererseits hat das Kleid eine Wirkung auf seinen Träger. Im Sonntagskleid benimmt sich der Mensch anders als im Arbeitskittel.
Kleidung kann unter anderem Gefühle der Erregung, der Lust und der Dominanz erzeugen. Farbenfrohe Kleidung ist reizstärker als einfarbige, gedeckte Kleidung. Punks wollen durch ihre Aufmachung herausfordern und warten sogar auf die Abwehrreaktion der Konformisten. Menschen, die beim gleichen unscheinbaren Zuschnitt ihrer Kleidung bleiben, sind keine sozialen Reizfaktoren. Einheitlichkeit der Bekleidung wie Uniformen lassen nicht selten direkt auf Einstellungen, Hauptbeschäftigungen oder Lebensweisen schließen.
In bezug auf das Ordenskleid, die Priesterkleidung und vor allem die·liturgische Kleidung hat sich im Laufe der Jahrhunderte ein stetiger Wandel vollzogen. Anfang des 15. Jahrhunderts verboten Diözesansynoden den Klerikern, leuchtende Farben zu tragen. Klosterfrauen unterstellte man, Prozessionen lediglich zwecks Zurschaustellung ihrer eleganten Kleidung zu organisieren.

Martin Luther (1483-1546) ordnete Schwarz als liturgische Kleidung an, was sich bis heute auch nur hier und da langsam ändert.

6. Die Wohnung
Der Bewohner drückt dem bewohnten Raum immer seinen Stempel auf oder läßt sich von ihm stempeln. Wie der Mensch seinen Leib mit Kleidern umhüllt, so braucht er eine weitere ihm angepaßte Hülle, die er bewohnen kann. Die Wohnung ist gleichsam seine dritte Haut nach der körperlichen und den Kleidern. Dort kann er sich in die Außenwelt hineinge-w ö h n e n, sie ist ein Übergang zwischen Innen und Außen.
Tapeten, Bilder und andere Dekorationen in der Wohnung bieten ein Stück Lebenshilfe. Deswegen sollten sie sorgfältig ausgesucht werden.
„Zeige mir deine Wohnung, und ich sage dir, wer oder was du bist“, lautet eine bekannte Redewendung, deren „Wahrheit“ Psychologen und Wissenschaftler bestätigen.
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) schrieb an Friedrich Schiller (1759-1805) nach einem Besuch in einer Bildergalerie: „Einige vorzügliche Kunstwerke habe ich gesehen, die mir die Augen wieder ausgewaschen haben.“
Elias Canetti (1905-1994) schreibt in seinen Lebenserinnerungen von der Tapete in seinem Kinderzimmer, mit der er insgeheim ein Zwiegespräch geführt hat.
Auch dem Bett kommt eine besondere Bedeutung zu. Es darf durchaus zu den teureren Möbelstücken in der Wohnung gehören, sowohl in bezug auf das, worauf man liegt, als auch auf das, womit man sich zudeckt.
Mit welchen Dingen umgebe ich mich?
Welche Bilder und Kunstgegenstände lasse ich auf mich wirken?

Gibt es in meiner Wohnung eine „Meditationsecke“?

7. Die Umgangsformen
Es gibt nicht den Menschen als Individuum hier und als Gesellschaft dort, sondern beides ist miteinander verbunden. Ein Mensch ist kein Mensch, er existiert nur in Beziehung mit anderen.
Bei den zwischenmenschlichen Beziehungen spielen Affekte eine bedeutende Rolle. Zivilisation verlangt eine Festigung und Differenzierung der Affektkontrolle. Wie gehen wir miteinander um? Nach Adolph Knigge (1752-1796) ist Höflichkeit nicht so sehr eine Erfüllung von Vorschriften, sondern Ausdruck einer inneren Verfaßtheit.
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832): „Für jede äußere Höflichkeit läßt sich ein sittlicher Grund finden.“ Ohne den Zusammenhang von „sittlichem Grund“ und „äußerer Höflichkeit“ erstarrt jede Regel zur Etikette.
Im Synodenpapier „Ehe und Familie“ geht es in den Ausführungen zur „Spiritualität in der Familie“ auch um „Umgangsformen“.

8. Das Brauchtum
Geistliches Leben, daß sich im Brauchtum niederschlägt, bezieht auch die Leiberfahrung stark mit ein.
Am Anfang des Brauchtums stehen Magie und Zauberei. Sie dienten vor allem der Abwehr von bösen Geistern. So wirkte die Farbe Schwarz bei der Trauer um einen Verstorbenen zum Beispiel als Schutz vor den gefürchteten Totengeistern. Brauchtumszeremonien orientierten sich oft am Verlauf des Lebens in der Natur: Sonne, Regen, Fruchtbarkeit.

Auch Spiel und Theater haben ihre Wurzel in uralten Riten.
In Umdeutung hat das Christentum zahlreiche Riten übernommen. Trotz der Aufklärung ist Frömmigkeit auf ein Ritual angewiesen; das zeigt die Sakramentenspendung sehr deutlich.
Christliches Brauchtum hängt eng mit dem Kirchenjahr zusammen und wird heute wieder mehr und mehr in seiner Bedeutung entdeckt.

X EINFACHHEIT DES LEBENS

Joachim Illies (1925-1982)
„Askese - in welcher speziellen Form auch immer - ist ein zuverlässiger Hinweis auf Kultur.“

Dietrich Bonhoeffer (1906-1945)
„Es gibt ein erfülltes Leben trotz vieler unerfüllter Wünsche.“

Eva Firkel
„Selbstverwirklichung schließt aktive Selbsterziehung ein. Letzten Endes gehört zu einem gelungenen Leben, mit den vielfältigen Versagungen fertig zu werden, die dem Individuum im Laufe des Lebens beschert werden. Der Glaube bewährt sich nicht in Symposien, Resolutionen und Veranstaltungen, sondern in den einsamen Entscheidungen, die der Bequemlichkeit wehetun, in den Opfern für die Mitmenschen.“

Die drei Evangelischen Räte Armut, Gehorsam und Jungfräulichkeit als christliche Ehelosigkeit sind integrierende Bestandteile eines intensiven Geistlichen Lebens. Wichtig für Priester und Ordensleute ist es, diese bereits vor dem endgültigen Versprechen einzuüben.

Gewissenserforschung - Selbstwahrnehmung
1. Am Abend
Neben der Hilfe für einen guten Schlaf ist die tägliche Reflexion am Abend eine gewisse Vorbereitung auf die Beichte. Sie wirkt der Meinung „Ich weiß nicht, was ich beichten soll“ entgegen und bewahrt vor „Unschuldswahn“.

1.1 Gebet der liebenden Aufmerksamkeit
a. Sich erinnern:
Ich bin da vor Gott, meinem Schöpfer, vor Christus, dem Auferstandenen, der in mir lebt, der mich kennt und mich liebt, und vor dem Heiligen Geist, der in allem Geschehen wirkend gegenwärtig ist.
b. Sich fragen:
Welche trostreichen Erfahrungen habe ich heute gemacht? Hoffnungen, Ermutigungen, Friede, Ruhe, Freude ...
Wo habe ich heute Trostlosigkeit erlebt? Ärger, Belastung, Verwirrung, Unruhe,
Dunkelheit der Seele ...
Wie bin ich mit meinen Gefühlen und Stimmungen umgegangen?
Wie fühle ich mich körperlich? Kopf, Magen, Herz, Hals ...
c. Nachdenken:
Wofür kann ich heute besonders danken?
Danksagen entspricht der Haltung des Menschen, der sich auf ein Geschenk hin öffnet, es als Bereicherung für sich selbst erkennt und es als Geschenk annimmt: staunend, in Freude, mit Lobpreis ...
Voraussetzung dafür ist, daß ich nicht in mich selbst verschlossen bin, sondern mich in der Haltung des „Armen im Geiste“ öffne.
Nach Ignatius von Loyola ist Danksagen immer der erste Punkt des Examens. Es ist der Versuch, die Eucharistie in den Alltag zu übersetzen: Immer und überall danksagen.
Der Abschluß ist ein Vaterunser.

1.2 Lebensbetrachtung – Révision de vie
Die Lebensbetrachtung ist eine geistliche Übung. Ihr Ausgangspunkt ist ein Ereignis des Tages, ihr Ziel eine gläubige Sicht des Lebens und ein Handeln nach dem Willen Gottes. Sie verläuft nach dem Grundsatz: Sehen - Urteilen - Handeln.
Ein geformtes Gebet steht am Anfang und Ende dieser geistlichen Übung.
a. Das Ereignis in seinem Zusammenhang
Ist es einmalig?
Kommt es öfter vor?
Welche Personen sind betroffen?
Wie und warum reagieren sie so?
Welche Ursachen und Folgen hat das Ereignis?
b. Urteil im Licht der Botschaft
Wie urteile ich über das Ereignis im Licht der Botschaft Gottes?
Wo ist Sünde?
Wo ist Gnade?
Wo ist die Gegenwart des Herrn zu spüren?
Welches christliche Zeugnis wird damit gegeben?
C. Ruf des Herrn an uns
Wo sind Aufrufe zum Umdenken, Handeln oder Gebet?
Welchen Einsatz erwartet Gott von mir?
Wo ist ein Aufruf zur Vertiefung des religiösen Lebens,
zur Danksagung,
zur Bitte um Vergebung,
zur Aufopferung,
zur Bitte um Gnade?

2. Für die Beichte
Tägliche Gewissenserforschung ist die beste Vorbereitung auf eine Beichte.
Für Beichtgespräche sollte ein ständiger Berater gewählt werden, damit immer wieder an die vorherige Situation angeknüpft werden kann; bei einer „Ohrenbeichte“ geht es ohne Gespräch vor allem um die Lossprechung, daher ist diese Form der Beichte bei jedem Priester möglich.

2.1 Es gibt verschiedene Formen der Buße und damit der Sündenvergebung:
a. Bußfeier (-andacht)
Sie erleichtert die Erfahrung des Gemeinschaftsbezuges der Sünde sowie der Vergebung und hat gewissermaßen „Öffentlichkeitscharakter.
b. Beichtgespräch
Hier geht es nicht nur um ein Bekenntnis, sondern auch um die Aufarbeitung von Problemen. Zum Sakrament kommen psychologische Gesichtspunkte und Kenntnisse aus dem Beratungsgespräch. Ein Beichtgespräch kann man nicht so oft ablegen, es sollte aber in regelmäßigen Abständen erfolgen.
c. Ohren- oder Andachtsbeichte
Diese kann mit Bekenntnis, Zuspruch, Bußwerk und Vergebung öfter empfangen werden, ohne formalistisch zu sein.


BEMERKUNG:

Diese inzwischen überarbeiteten Ausführungen habe ich den Studenten damals schriftlich an die Hand gegeben.