15.7.2021

Stamm des Baumes

Da Bäume älter werden als Menschen, eignen sie sich über Generationen als Stammbaum. Von jeher hat der Mensch den Baum zum Leitbild genommen, wenn er über sein Kommen und Gehen nachdachte. Wenn er derer gedenkt, die vor ihm waren, steigt er im Geist zu seinen Wurzeln hinab, und wenn ein Mensch das Licht der Welt erblickt, öffnet sich ein neues Auge am Lebensbaum. Viele, die in der Erde ruhen, sind vor ihm gewesen, und nach ihm werden viele zum Licht streben.

Das Motiv von Adam und Eva unter dem Baum der Erkenntnis, um dessen Stamm sich die Schlange ringelt, ist zu allen Zeiten Thema der christlichen Kunst. Es findet sich schon an den Wänden der Katakomben. Da der Baum der Erkenntnis ein todbringender ist, erscheint er in der Kunst häufig als Baum des Verderbens. Zum Heilsbringer wird die Schlange im Aeskulapkult, wovon der Schlangenstab, der noch heute ein Symbol für Ärzte und heilende Berufe ist, Zeugnis gibt. Die an einer Stange aufgehängte eherne Schlange in der Wüste, welche die von Giftschlangen gebissenen Israeliten heilte (vgl. Num 21,6-9), deutet auf den am Kreuzesbaum erhöhten Jesus hin, der uns erlöst (vgl. Joh 3,14). Schon in frühester Zeit war der Baum für den Menschen Zufluchtsstätte, und viele Götter erblickten unter einem Baum das Licht der Welt. Niemand durfte im heiligen Hain getötet werden. Bäume schützen nicht nur Verfolgte, sondern auch Haus und Hof, Friedhöfe, Kirchen und Klöster.

Die Menora, der siebenarmige Leuchter der Juden, ist ein Symbol für den Weltenbaum. Die sieben Arme haben astrologischen Ursprung und stehen für die sieben damals bekannten Himmelskörper Sonne, Mond, Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn, die uns heute noch in den romanischen Sprachen in der Benennung der Wochentage begegnen. Die sieben Lampen der Menora sind zugleich die sieben Augen des Herrn, wie sie der Prophet Sacharja (vgl. Sach 4,10) beschreibt.