2.5.2019

„Sunder warumbe – ohn Warum“ (Meister Eckhart)

„Die Ros' ist ohn warumb / sie blühet weil sie blühet / Sie achtt nicht jhrer selbst / fragt nicht ob man sie sihet.“ (Angelus Silesius 1624-1677).

Soll jemand ein Werkzeug nennen, sagt er „Hammer“, bei einer Frucht sagt er „Apfel“ und bei einer Blume „Rose“.

Geschichten und Märchen mit der Haupakteurin Rose gibt es einige, zum Beispiel das Märchen Dornröschen und eine Erzählung von Rainer Maria Rilke (1875-1926) über seinen Aufenthalt in Paris.

Ein wesentlicher Anteil der Rose ist ohne Zweck, sie ist in sich sinnvoll. So verhält es sich bei vielen Lebewesen. Aber oft sind wir zu sehr auf Nutzen ausgerichtet, alles hat nur einen Wert, wenn es (ver)käuflich ist. Statt dessen sollten wir le­ben wie die Vögel. Sie singen nicht, um uns zu Diensten zu sein. Sie sind frei und singen ohne warum, „sunder warumbe“.

Wir Menschen kennen unzählige Fragezeichen, wagen uns an den Weltenrand und können uns zugleich am Zauber einer Rose erfreuen.

„Warum soll ich einen Gottesdienst mitfeiern­, was habe ich davon?“, fragen sich sogar Christen be­züg­lich ihrer Gottesbeziehung. Sie müßte „sunder warumbe“ sein.

Unser Leben ist sehr stark von der Frage nach dem Warum geprägt. Das liegt an unserer stark zielorien­tierten Ausrichtung. Vielleicht gelingt es uns, andere Schwerpunkte zu setzen, eben solche „sunder warumbe“.

Es geht um die Absichtslosigkeit, um ein Dasein als Herausgenommensein aus der Zeit; denn dann verschwimmt sie und mischt sich mit der Ewigkeit.

Anstatt zu Fragen: „Warum passiert mir das? Warum bin ich?“, sollten wir hinterfragen: „Wozu bin ich auf Erden? Wozu passiert mir das? Was soll ich daraus lernen?“
Die Antwort lautet: „Damit du ein Mensch wirst, der Verantwortung für sein Leben übernehmen kann.“

Lerne ich von der Rose, zweckfrei zu leben?

 

 

 

 

Grafik: Beate Heinen