Symbol oder ästhetisches Objekt?

Die großartigen Skulpturenportale zum Beispiel an gotischen Kathedralen bezeichnet man als „Biblia pauperum – Bibel der Armen“, die nicht lesen und schreiben können. Ich habe inzwischen den Eindruck, daß wir, die wir des Lesens und Schreibens mächtig sind, die Armen sind, weil wir die Bilder nicht mehr verstehen. Zumindest fällt es uns schwer, sie so zu deuten, wie sie ursprünglich gedacht waren, als „Fenster in die Ewigkeit“. So verstehen die orthodoxen Christen noch heute ihre Ikonen. Außerdem sehen sie diese auch als „Hinweise auf Wirklichkeiten, die in logischen Sätzen nicht zu fassen sind“.

Jesus hat seine Wahrheit in Gleichnissen erzählt und seine Heilsvermittlung an die Dinge dieser Erde (Wasser, Feuer) und Produkte der Menschen (Brot, Wein, Öl) gebunden. Die Gleichnisse werden noch immer vorgelesen, und die Dinge der Erde begegnen uns nicht nur im Gottesdienst. Aber sprechen sie uns noch unmittelbar an?

Symbole müssen in Kulthandlungen erfahren werden. So ist es zum Beispiel ein Unterschied, ob wir eine Maske im Museum betrachten oder sie beim Kult erfahren, wo die Teilnehmer daran glauben, daß das dargestellte Wesen durch die Maske gegenwärtig ist. Es ist ein Unterschied, ob eine Maske als Dekor dient oder wir sie als Symbol erleben. Für uns ist die in der Maske gebannte Angst nur noch aus der Ferne nachvollziehbar. Ihr Symbolwert verflüchtigt sich zum kulturhistorischen Kuriosum.

Eine Anekdote lautet:
Ein Kunsthistoriker liegt im Sterben. Der herbeigerufene Priester hält ihm das Kreuz Christi vor das Gesicht, damit es ihm Trost spende in seinem Leiden. Da nimmt der Kranke alle Kraft zusammen und sagt: „Oberrheinisch, spätes 15. Jahrhundert.“

Wenn das Kultgerät seine sakrale Kraft verloren hat, wird es zum ästhetischen Objekt. Der Gläubige wendet sich mit Furcht und Hoffnung an das Kruzifix, der Kunstkenner betrachtet es aus sicherer Entfernung.

Die Weihnachtszeit ist voller Bilder und Symbole, ob wir ihre Botschaft mit dem Herzen verstehen?