Zeichnung: Mehrdad Zaeri

Tiger oder Löwe zähmen

Viele Tiere müssen für menschliche Schattenseiten ihren Namen hergeben, obwohl doch die Instinkte das Verhalten der Tiere bestimmen. Wir Menschen hingegen müssen unsere Triebe in unser Menschsein integrieren.

Die Geschichte vom Tiger und dem Wärter

Es war einmal ein Tiger. Man hatte ihn gefangen und in einen Käfig gesperrt. Ein Wärter mußte ihn füttern und bewachen. Da er sich den Tiger zum Freund machen wollte, redete er ihm gut zu, wenn er an den Käfig kam. Aber der Tiger betrachtete ihn feindselig mit seinen grünglühenden Augen. Sprungbereit folgte er jeder Bewegung des Wärters. Da bekam der Wärter Angst und bat Gott, den Tiger zu zähmen.

Eines Abends, der Wärter war schon schlafen gegangen, verlief sich ein kleines Mädchen in die Nähe des Käfigs und kam den Eisenstäben zu nahe. Der Tiger erreichte es mit seiner Pranke und tötete es. Da wußte der Wärter, daß Gott den Tiger nicht gezähmt hatte. Seine Angst wuchs, und er trieb den Tiger in ein dunkles Loch, wo kein Mensch hingelangen konnte.

Aber nun brüllte der Tiger Tag und Nacht. Das Gebrüll ließ den Wärter nicht mehr schlafen. Es erinnerte ihn an seine Schuld. Immer wieder sah er im Traum das zerrissene Mädchen und schrie auf vor Qual. Er bat Gott, den Tiger sterben zu lassen.

Nun antwortete Gott, aber die Antwort war anders, als der Wärter es erwartet hatte. Gott sagte: „Laß den Tiger in dein Haus, in deine Wohnung, in dein schönstes Zimmer!“

Der Wärter hatte keine Angst mehr vor dem Tod. Lieber wollte er sterben, als weiterhin das Gebrüll hören. So gehorchte er, öffnete dem Tiger die Tür und betete „Dein Wille geschehe!“ Der Tiger trat ein und stand still. Lange sahen sich die beiden in die Augen. Als der Tiger merkte, daß der Wärter ohne Furcht war und sein Atem ruhig ging, legte er sich ihm zu Füßen.

Aber dann brüllte der Tiger eines Nachts wieder. Da bekam der Wärter Angst. Wieder mußte er sich dem Tiger stellen, wieder mußte er ihm in die Augen sehen, immer wieder, jeden Tag. Nie hatte er ihn für immer in der Gewalt, immer wieder mußte er ihn überwinden, jeden Tag wiederholte sich die Mutprobe.

Nach Jahren waren die beiden gute Freunde. Der Wärter konnte den Tiger berühren, ihm die Hand zwischen das Gebiß legen. Nur aus den Augen durfte er ihn nicht verlieren. Wenn sie sich ansahen, erkannten sie sich und wußten dankbar, daß sie zusammengehörten und einander nötig hatten zu einem volleren Leben.[1]

* * * * *

Machen wir es wie der Tiger und der Wärter. Wie das Beispiel zeigt, braucht der Mensch viel Geduld, um seine Triebe zu zähmen. Oft ist dies ein jahrelanger Prozeß; denn der gute Umgang mit den Grundstrebungen erfolgt nicht plötzlich, sondern entfaltet sich stufen- und phasenweise im Laufe des Lebens und will wie alles andere erlernt sein. Doch selbst, wenn dies gelungen ist, gilt, wie es der Volksmund formuliert: „Die Katze läßt das Mausen nicht!“ Trotz ihrer Anpassung als Haustiere haben viele Tiere einen erheblichen Anteil an Ursprünglichkeit in ihrem Verhalten bewahrt. Übertragen auf unser Menschsein und -werden bedeutet dies ein ständiges Üben, um nicht wieder in alte Verhaltensmuster zurückzufallen.

[1] in Anlehnung an: Trobisch, Walter (Hg.): Ich liebte ein Mädchen, Göttingen 1974: 71f.