Verhüllen – Kleider als Geheimnis

Enthüllen und Verhüllen sind gegensätzliche Handlungen. Aber beide können sowohl aus einem positiven Aspekt wie zum Beispiel Ehrfurcht geschehen, als auch aus negativen Aspekten wie Obszönität oder Prüderie.

Verhüllen bedeutet, zwei Bereiche voneinander zu scheiden. Die Hülle ist Grenze und in gewisser Weise eine Ordnungsmacht, so finden sich in Museen, Kirchen und anderen Gebäuden nicht selten Hinweise auf angemessene Kleidung. Wir leben in einer Zeit, da viele Tabus gebrochen werden. Überall schaut uns Nacktheit an. Da erwacht wie von selbst für viele Menschen, vor allem für Frauen, das Bedürfnis, sich zu verhüllen. Das geben sogar Frauen zu, die viele Jahre als Aktmodell tätig waren. Sie haben erkannt, daß ein verhüllter Leib viel anziehender wirkt als ein entblößter, mag er noch so wohlgestaltet sein. Das verhüllte Bein, das sich beim Tanz anmutig bewegt, hat etwas Geheimnisvolles an sich. Liebende verhüllen sich, um sich einander in Liebe zu entdecken und zu enthüllen.

Wenn es im kirchlichen Leben nach Vorschrift geht, muß jeder sich so kleiden, wie es seinem Stand und Rang entspricht. In der Kleiderordnung sind alle Farben und Schnitte festgelegt, nur die Größen in Bezug auf Kragenweite und Bauchumfang differieren. Wenn sich ein Laie klerikal kleidet, zum Beispiel an Karneval, erregt dies nicht selten Empörung. Außerdem ist in solcher Tarnung schon mancher als Betrüger und Dieb entlarvt worden. Diese Kleidungsnorm mag aus dem Verlangen nach Höherem entstanden sein, als Zeichen Gottes, als Ausweis des Heiligen, als Merkmal des Geheimnisses. Die römisch-katholische Kirche weist im europäischen Abendland die älteste Mode-Kultur auf. Von allen Kulturen, in denen sie heimisch wurde, übernahm sie die erhabensten Gewänder und erklärte sie zum verbindlichen Rüstzeug für die Begegnung mit Gott.

Die Bettelorden des 13. Jahrhunderts stellten sich dagegen und behaupteten, man werde nicht Mönch durch das Gewand. Inzwischen aber ist beispielsweise die einfache Kleidung des Franziskus zu einem Habit geworden, durch dessen Vielfalt sich die einzelnen franziskanischen Gemeinschaften, unter anderen die Kapuziner, unterscheiden. Die Kleinen Schwestern des Charles de Foucauld tragen wieder einfache Kleidung, um ihre Berufung zum Ausdruck zu bringen.

In der Mode paßt der Mensch sich mit seinem Nachahmungstrieb einerseits der Umgebung an, andererseits möchte er sich aber von ihr abheben. Früher gab es nur den Unterschied zwischen Alltags- und Arbeits- sowie Sonntags- und Festtagskleidung. Heute unterscheidet man eher zwischen Haus- , Freizeit- und Sportkleidung, sowie Reise- , Tages- und Abendkleidung.

Nicht da Kleidung Nacktheit verdeckt, sondern da sie deren Selbstverständnis formuliert, scheut man weder Mühen noch Mittel, das entsprechende Gewand aus dem geeigneten Material herzustellen. Kleidung kann einer Person besser zur Selbstdarstellung verhelfen als die nackte Leiblichkeit. Gruppen, die um eine Anerkennung ringen, haben ein bewußtes Verhältnis zur Kleidung. Wenn sie als Gruppe in ihrer Uniform auftreten, ist ihr Selbstverständnis unangefochten. So gibt es die Tracht als Zeichen der Volkszugehörigkeit, und auch bestimmte Berufe haben ihre charakteristische Kleidung.

Eine Wirkung geht von demjenigen aus, der sich durch das, was er trägt, recht darzustellen und auszudrücken versteht; deswegen soll das Kleid nicht nur zweckmäßig, sondern auch attraktiv sein. Wer sich in Reichtum kleidet, will seine Lebenskraft steigern. Schmuck kommt der äußeren Erscheinung zugute. Wenn ein König, der sonst im Glanz seiner Kleidung Respekt erheischt, sich unerkannt unter das Volk mischen will, muß er sich einfach kleiden.

Früher gaben die Länge der Kleidung zum Beispiel als Schleppe oder die Menge des verarbeiteten Stoffes einen Hinweis auf die gesellschaftliche Stellung. Kleidung ist ein Mittel, eine bestimmte Vorstellung von sich selbst und seiner persönlichen Welt zum Ausdruck zu bringen.

Was bedeutet es für mich, den Leib zu verhüllen?