Verkleiden – Kleider als Maske

Als Kinder haben Sie sicherlich auch gerne Verkleiden gespielt und das nicht nur zu Karneval. Wir wurden durch die anderen Kleider auch andere Personen. Das Kleid hat starken Einfluß auf den Menschen. Er glaubt, sich durch das Anlegen bestimmter Kleider zu verwandeln. Den Urwaldbewohner erfüllt das umgehängte Löwenfell mit der Kraft des Tieres. Wenn ein Mensch eine Göttermaske trägt, ist das keine Verkleidung, sondern eine Verwandlung. Ein Kleidertausch kann das Auswechseln des inneren Ichs bedeuten. Dies geschieht auch bei der Übertragung eines Amtes durch die Amtsrobe oder durch das Büßerhemd als Ausdruck des Bußetuns. Das weiße Kleid bei der Taufe und die weißen Gewänder bei der Einkleidung der Novizinnen verweisen auf den Neubeginn des Bevorstehenden.

Buddha tauschte seine Prinzengewänder mit der orangefarbenen Kutte der Asketen und legte damit das Kleid an, das ursprünglich die Hinzurichtenden trugen. Der heilige Franziskus gab nach seiner Bekehrung seinem irdischen Vater alle Kleider zurück und kleidete sich als Bettler; denn für ihn war jetzt Gott der Vater. Wenn ein Priester sich mit den liturgischen Gewändern bekleidet, soll ihm bewußt sein, daß er die heiligen Handlungen stellvertretend für Christus ausführt.

All das ist für uns heute nur noch schwer nachzuvollziehen. Wir haben zwar noch Masken, und sie werden auch noch getragen, aber ihre Bedeutung ist nicht mehr die ursprüngliche. Wer sich zu Karneval als Seeräuber oder Maharadscha verkleidet, erlebt keine wirkliche Personifizierung mehr mit diesen Gestalten. Die Maske wird zur Larve, hinter der man sich lediglich verbirgt.

Früher hatte die Maske einen Sinn, sie stellte etwas dar, oder man stellte etwas dar, indem man sich maskierte. Während das Wesen der Maske in Europa längst vergangenen Zeiten angehört, läßt es sich zum Beispiel in Afrika noch erleben. Es lohnt sich nachzuforschen, was der frühe Mensch sich beim Anfertigen von Masken und bei ihrem Gebrauch dachte und erlebte. Reste davon finden sich tief in uns vergraben. Vielleicht sind sie bei Kindern noch am leichtesten zugänglich.

Wer einem Kind zum Beispiel beim Spiel im Kindergarten ein wallendes Kleid anzieht und ihm eine Krone aufs Haupt setzt, erlebt, daß dieses Kind sich majestätisch bewegt, ohne daß man es ihm eigens gesagt hat.

Wir brauchen Zeiten und Orte, wo wir die menschliche Natur in ihrer ganzen Fülle erleben können. Das ist im Karneval der Fall. Durch Requisiten und Rituale verstärkt, sind dann Kontakte unterschiedlicher Art mit zahlreichen Menschen möglich. Die Maske bildet ein Ganzes mit dem Kostüm, den Attributen, dem Tanz und den Worten dessen, der sie belebt. Durch die Maskierung läßt sich ein Spiel mit der eigenen Identität treiben. Die Verkleidung ermöglicht einerseits andere Kontaktimpulse als üblich und bietet andererseits einen Schutz nach innen.

Nicht wenige Menschen investieren viel Zeit, um sich immer wieder ein Aufmerksamkeit erregendes Outfit zuzulegen. Karneval als Zeit und Ort der Verkleidung ist überflüssig geworden. Das zeigt auch der veränderte Umgang mit Kosmetika. Während sich die Schminke in jahrzehntelangem Kampf mit Normvorstellungen und Traditionen ihren festen Platz auf Augen, Lippen und Wangen erobern mußte, sind heutzutage sämtliche Tabus gebrochen. Das betrifft nicht nur das reine Schminken. Die Haarfarbe wechselt nach Belieben, Piercing und Tattoos sind angesagt. Wer mit Identitäten spielen will, ist nicht mehr auf besondere Situationen wie Fastnacht, Disco oder ein Fest angewiesen. Menschen, die ihre Identität als Mann oder Frau noch nicht gefunden haben, versuchen diese über den Kleidertausch zu erreichen. Eine Gruppe unter ihnen, die Transvestiten, werden eigens nach diesem Kleidertausch benannt.

Was ist mein heutiges Outfit? Wie sollen mich meine Mitmenschen sehen?