28.9.2018

Von Schleiern verhangene Wirklichkeit

Das folgende kleine Gedicht des persischen Gelehrten und Schriftstellers Muhammad Schams ad-Din Hafis (1320-1389) hat mich gleichsam elektrisiert:

„Vor Ewigkeit, als deine Schönheit sich zeigte schleierlos, entstand die Liebe, welche Feuer rings in die Schöpfung goß.“ (Übersetzung Friedrich Rückert)

„Man wußte nichts. Man lebte und lief auf der Erde herum oder ritt durch die Wälder, und manches schaute einen so fordernd und versprechend und sehnsuchterweckend an: ein Stern am Abend, eine blaue Glockenblume, ein schilfgrüner See, das Auge eines Menschen oder einer Kuh, und manchmal war es, als müsse jetzt gleich etwas Niegesehenes und doch lang Ersehntes geschehen, ein Schleier von allem fallen; aber dann ging es vorüber, und es geschah nichts, und das Rätsel wurde nicht gelöst und der geheime Zauber nicht entbunden, und zuletzt wurde man alt [...] und wußte vielleicht noch immer nichts, wartete und horchte noch immer.“ (Hermann Hesse: Narziß und Goldmund)

Seit geraumer Zeit habe ich nicht mehr die Vorstellung, daß ich im Sterben ein Tor durchschreite, sondern daß die Schleier fallen, die mich jetzt noch hindern, die vollkommene göttliche Wirklichkeit zu erleben.

In der letzten Strophe des Hymnus „Adoro te devote“ bittet Thomas von Aquin Gott, die Schleier fallen zu lassen, die es zu Beginn der Schöfung nicht gab.

„Jesus, den verborgen jetzt mein Auge sieht, stille mein Verlangen, das mich heiß durchglüht: laß die Schleier fallen einst in deinem Licht, daß ich selig schaue, Herr, dein Angesicht.“ (Übertragung Petronia Steiner) – siehe Gotteslob 497,7.

Siehe auch „Jüngling zu Sais" unter AnthroWiki.at
und
Das verschleierte Bild zu Sais“ von Friedrich von Schiller unter freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de.