5.10.2021

Vor 37 Jahren starb Hugo Kükelhaus

Hugo Kükelhaus (1900-1984) war einer der eigenwilligsten und anregendsten Kunsthandwerker unserer Zeit. Sein Beruf ist kaum zu beschreiben: Schreiner, Zimmermann, Physiker, Mathematiker, Mediziner, Philosoph, Kunsthandwerker, Künstler. Er erregte die Neugier und Sympathie des Physikers Albert Einstein (1879–1955).

Für Kinder fertige er Greiflinge aus Holz. Auch die Schaukel liefert eine Aktion, die ihre eigene Reaktion erzeugt, im Steigen das Fallen. „Wir brauchen im Parlament Schaukeln“, habe Kükelhaus einmal in Bonn einer Gruppe von Parlamentariern erklärt, ,,um die Vereinigung der Gegensätze erfahrbar zu machen.“ Die Abgeordneten nahmen es heiter, nur einer nicht: Richard von Weizsäkker (1920-2015). Er hatte es begriffen.

Siehe auch „Versuchsfeld zur Entfaltung der Sinne“.

Von 1950 bis 1954 lehrte Hugo Kükelhaus an der Kunstschule Münster. Bevor mir der Künstler ein Begriff war, habe ich als Theologiestudent im Collegium Borromaeum in Münster in von ihm gestalteten Räumen gelebt. Dazu gehörten die Hauskapelle mit ihren besonderen Kniebänken und die Schränke in der Sakristei. Einige Räume im Haus trugen seine Farbgebung.

Später als Spiritual lebte ich erneut in diesen Räumen und hatte inzwischen viel über Hugo Kükelhaus erfahren und von ihm gelernt. Ich war auch Mitglied einer Kükelhaus-Arbeitsgruppe in Münster. Gegen Ende meiner Zeit im Borromaeum gab es 1991 auf der Bundesgartenschau in Dortmund eine Ausstellung zu Hugo Kükelhaus und seinen Werken. Es gelang mir, die Hausleitung und einige Studenten zu überzeugen, daß es sich lohne, diese Ausstellung zu besuchen und sich auf Matthias Schenk, einen Schüler von Hugo Kükelhaus, einzulassen.

Zu meiner Verabschiedung 1992 in Münster organisierte ich eine „Workshop-Rekollektio“, in der viele Ideen von Hugo Kükelhaus eingeübt wurden. Unter anderem brachten Studenten und Ordensschwestern im Wechsel die ganze Nacht hindurch eine Klangschale zum Schwingen. Das Wecken am Morgen erfolgte mit einem großen Gong. Die Studenten, die inzwischen bereits lange Zeit als Priester tätig sind, haben diese Rekollektio noch in guter Erinnerung.

Als ich Spiritual in Haus Aspel wurde, habe ich Matthias Schenk in Wiesbaden in Schloß Freudenberg besucht und dort einen Kurs gegeben. Matthias Schenk kam auch nach Aspel, und wir überlegten, was dort nach Kükelhaus-Art eingerichtet werden könne. Ideen waren unter anderen ein Erfahrungsfeld zur Entfaltung der Sinne und eine Partnerschaukel. Da ich Haus Aspel 1996 verließ, verlief die Durchführung der Pläne im Sande.

Der Prozeß im Erfahrungsfeld muß zwischen den Polen Denken und Tun hin- und herschwingen, wie ein Pendel, bei dem die Abwärtsbewegung das Aufwärts hervorbringt und das „Auf“ in harmonischer Weise das „Ab“ erzeugt.

Siehe Gerhard Richter, Dominikanerkirche Münster; Eigenartige  Pendelbewegungen und Kugelstoßpendel.

Das Schaukelerlebnis wird durch die Verbindung zweier Schaukeln noch verstärkt. Der Schaukelimpuls überträgt sich im Wechsel.

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In meinem sogenannten Sinnenbuch, zu dem mich wesentlich meine Beschäftigung mit Hugo Kükelhaus inspiriert hat und das eigentlich den Titel „Sinnvolles Leben durch volle Sinne“ haben sollte sowie auf dem Cover den Kuß von Auguste Rodin, habe ich im Vorwort folgendes zu Hugo Kükelhaus geschrieben:
„Unsere Zeit bedarf einer Philosophie des Leibes. Es käme darauf an, wieder die Weisheit des Leibes zu vernehmen. Solche Philosophen des Leibes waren der Arzt Theophrastus Bombastus von Hohenheim, genannt Paracelsus (1493-1541), und der Sinnenforscher Hugo Kükelhaus (1900-1984), der mit seinem „Erfahrungsfeld“ über die Entfaltung der Sinne als deren Wiederentdecker gilt. Das Erfahrungsfeld zur Entfaltung der Sinne war zuletzt während der Bundesgartenschau 1991 in Dortmund zu erleben.“

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Michael Hagner
Foucaults Pendel
und wir
Anlässlich einer Installation von Gerhard Richter
Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2021

Link zum Buch

Foucaultsches Pendel

 

 

 

Das Prinzip der Pendeluhr ist sehr einfach. Ein an einem Faden aufgehängtes Gewicht, das infolge der Erdanziehung nach unten strebt, dient als Lage-Energie. Daß die Umwandlung in kinetische Energie nicht im freien Fall, sondern kontrolliert geschieht, ist dem regelmäßig hin- und herschwingenden Pendel zu danken, das mit Hilfe von Anker und Hemmrad den Fall des Gewichtes in gleichmäßige Takte aufteilt. Ein System von unterschiedlich großen Zahnrädern sorgt schließlich für die Anzeige von Sekunden, Minuten und Stunden.

Das durch einen verglasten Holzkasten hindurch gut sichtbare schwingende Pendel soll einen beruhigenden Einfluß auf die Umgebung ausüben.

Siehe auch Gedanken zu Lesefrüchten (29. Juni 2020), Ehrfurcht  und
Luft als Wolken.