Gedanken zu Lesefrüchten (19.8.2019)

Warum können wir Gott nicht sehen?

Wenn ich etwas Neues sehe, bringe ich es manchmal mit etwas mir Bekanntem in Verbindung. So ist es auch beim Lesen. Das Gelesene kann etwas zum Ausdruck bringen, was ich schon immer gedacht habe, nur so noch nicht formulieren konnte. Gleichzeitig entsteht ein Nachdenken, das mich zu weiteren Erkenntnissen führt.

„Wenn ich bete, spreche ich doch mit mir selbst“, sagte ein Kind, das bezweifelte, Gott anreden zu können. Das Kind war sich aber nicht bewußt, welch tiefe Wahrheit es aussprach, ohne diese selbst zu verstehen.

Die Antwort auf die Frage, warum wir Gott nicht sehen können, lautet: „Weil er uns zu nah ist.“ Auch unser Gesicht können wir ohne Hilfsmittel nicht betrachten; denn es ist uns ebenfalls zu nahe. Wie wir einen Spiegel benötigen, um uns selbst anzuschauen, so brauchen wir Bilder, um Gott zu erkennen. Gott zeigt sich dann zum Beispiel im Patriarchat als Vater und im Matriarchat hätte es auch eine Mutter sein können.

Der Apostel Paulus hat diese Wahrheit wie folgt ausgedrückt: „In ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir.“ (Apg 17,28) Gott ist in uns und wir sind in ihm. In gewisser Weise können auch wir wie Jesus sagen: „Gott lebt in mir, und ich lebe in ihm.“

Karl Rahner (1904-1984)  in: „Das große Kirchenjahr“ (Verlag Herder, Freiburg 1987)
„Ist er [Jesus] uns fern, da er aufgefahren ist über alle Himmel? Ach, wann ist uns jemand nahe? Wenn wir ihn betasten und küssen können? Zum Beispiel wie Judas den Herrn? Oder sind das Gesten, die im Grunde doch nur zur Kategorie der Klopfzeichen gehören, mit denen die Gefangenen von Zelle zu Zelle ihre versperrte Einsamkeit morsen? ...
Nein, er sprach nur vom Aufgeben jener irdischen Nähe, die im Letzten Ferne ist. Er sagte, dass er keine Klopfzeichen mehr geben werde, geben brauche, weil er nicht mehr nebenan, im Verlies seines leidenden, unverklärten Leibes sei, sondern jetzt durch Tod und Verklärung mitten bei uns, genau dort, wo wir sind, nicht mehr bloß daneben. Siehe, ich bin bei euch, alle Tage!“

Wann begreifen wir, daß Gott kein Gegenüber für uns ist, sondern uns so nahe ist, daß wir ihn nicht sehen können? Die leibliche Erfahrung seiner Nähe erleben wir, indem wir ihn in den Gestalten Brot und Wein zu uns nehmen. In allen Religionen gibt es das Mahlhalten zu Ehren der Gottheit; im Christentum gibt sich Gott selbst zur Speise.