2.1.2022

Was bedeuten uns die Sterne am Himmel?

Der Himmelsgucker - Holzstich von Camille Flammarion 1888

In der Vorstellung unserer Vorfahren war die Erde eine flache Scheibe, über die sich der Himmel wie eine Käseglocke mit leuchtenden Löchern wölbte, die sie Sterne nannten. Heute wissen wir, daß die Sterne „unendlich“ weit voneinander entfernt sind. Die Namen der Sternbilder stammen zum großen Teil aus der griechischen Mythologie. Die Weisen aus dem Morgenland, die Sterndeuter, hielten sie für göttliche Wesen, die wichtige Ereignisse anzeigen.

.

Vermutlich erahnten die ersten Menschen, als sie zu Bewußtsein kamen, daß es noch etwas Höheres geben müsse als sie selbst. Sie schauten dabei an den Sternenhimmel, und von daher entwickelte sich die Verehrung von Göttern.

Die Juden hatten es dann später schwer, an nur einen Gott zu glauben. Da der Eingottglaube im Zeitalter des Patriarchats geschah, mußte Gott ein Mann werden.

 

Andreas Knapp           (* 1958) stellt drei sehr existentielle Fragen:

Wohnt ein Sinn im großen Ganzen
oder lesen Menschen nur etwas hinein,
so wie man am Sternenhimmel
Bilder zu erkennen wähnt?
Entfährt der große Wagen
nur einer vagen Vorstellung
übergroßer Phantasie?
Oder birgt die Welt Chiffren
eines verborgenen Sinns,
der entziffert werden kann?

Dr. Heinrich Valentin (* 1936) verfaßte für einen Advents- und Weihnachts-Pfarrbrief zum Thema Sterne folgenden Artikel:

 

Sein Stern ist aufgegangen
Über Sonne, Mond und Sterne und „ein Licht, das die Völker erleuchtet"

Der mit Sternen übersäte Nachthimmel übt von je her eine große Faszination auf uns Menschen aus. Ich selbst erinnere mich gut daran, wie ich einmal als Student in Freiburg vom Anblick des sternenklaren Nachthimmels derart überwältigt war, dass ich am Straßenrand buchstäblich in die Knie gegangen bin, um den großen Schöpfer-Gott anzubeten. Kein Wunder, dass der große Philosoph Immanuel Kant im Schlusswort seines berühmten Werkes „Kritik der praktischen Vernunft" bekennt, dass ihn „der bestirnte Himmel (...) mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht" erfülle...

Schon in uralter Zeit begann der wissbegierige Mensch damit, den geheimnisvollen Himmel mit Sonne, Mond und Sternen (und deren Bahnen) systematisch zu beobachten und diese Beobachtungen aufzuschreiben. Sternkonstellationen gaben den Seeleuten Orientierung. Sterne waren bis in die moderne Zeit hinein wichtige Orientierungspunkte.

Die frühesten astronomischen Aufzeichnungen stammen aus Mesopotamien, dem Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris, dem heutigen Iran und Irak. Von dort sollen am Anfang unserer Zeitrechnung weise Männer „aus dem Morgenlande", gekommen sein, um „dem neugeborenen König der Juden zu huldigen" (Mt 2,1). Sie haben „seinen Stern im Aufgehen gesehen und sind gekommen, ihm zu huldigen" schreibt der Evangelist Matthäus (V.2). Es soll sich um sternkundige Männer aus dem Perserreich gehandelt haben, die aus dem Erscheinen eines besonderen Sternes geschlussfolgert haben, dass im Westen - im Land der Juden - ein großer Herrscher geboren worden sei. Die Sterne hatten damals offenbar schon eine besondere Bedeutung dadurch, dass man glaubte, das Geschehen am Himmel finde seine Entsprechung auf der Erde und habe Einfluss auf „den Lauf der Welt", bestimme also (in gewissem Maße) die Geschicke der Völker und das Schicksal des einzelnen Menschen.

Nachdem man den einzelnen Monaten - aus dem Schatz der Mythen und Sagen schöpfend - bestimmte Tiere zugeordnet hatte (die bekannten Sternkreis-Zeichen), entwickelte man aus den Eigenschaften des betr. Tieres in Kombination mit der Sternkonstellation während des Geburtstermins eines Menschen das, was wir „Horoskop" nennen. „Was sagen die Sterne?" pflegen sich nicht wenige Menschen zu fragen und suchen im wöchentlichen Horoskop Orientierung für ihre aktuelle Lebenssituation.

Mit dieser zunehmenden Bedeutung der Sterne für uns Menschen mag es zusammenhängen, dass man irgendwann damit begann, „Stern" auch im übertragenen Sinne zu verstehen - wie etwa in der Redewendung „Unter (k)einem guten Stern geboren sein". Meist wird „Stern" dabei im positiven Sinn verstanden als ein Geschehen oder eine Person, von dem Licht ausgeht (vgl. den Ausdruck „Sternstunde"). So wird das Wort „Stern" bereits in der Bibel verwendet. Im 4. Buch Mose findet sich die berühmte Weissagung Bileams, eines (nicht-israelitischen) Propheten, der im Namen des Moabiterkönigs Balaq das Volk Israel auf seinem Weg ins Gelobte Land verfluchen soll, der es aber im Auftrag Jahwes segnet. Es heißt dort: „Ein Stern geht in Jakob auf, ein Zepter erhebt sich in Israel“ (Num 24, 17).

Diese alttestamentliche Prophezeiung kündigt eine geheimnisvolle Herrschergestalt an, die Israel retten wird. Sie wurde schon früh im messianischen Sinne gedeutet.

Für uns Christen ist dieser Stern aus Jakob/Israel Jesus Christus. Der Verfasser der Offenbarung des Johannes lässt den auferstandenen und erhöhten Herrn sprechen: „Ich bin der strahlende Morgenstern" (Offb 22,16). Dementsprechend besingen wir ihn in dem innigen Lied von Angelus Silesius: „Morgenstern der finstern Nacht, der die Welt voll Freude macht" (GL 72,1). Und eines der schönsten Kirchenlieder beginnt mit den Worten: „Wie schön leuchtet der Morgenstern" (GL 357,1). In der 7. Strophe dieses Liedes wird Jesus als „das A und O, der Anfang und das Ende" besungen - wozu wunderbar passt, dass der Morgenstern derselbe Stern ist, der auch am Abendhimmel leuchtet.

Sein Stern ist aufgegangen. Aber dieser Stern, der Jesus Christus ist, will ja immer neu und für immer mehr Menschen aufleuchten. Am Weihnachtsfest, das mit der Wintersonnwende zusammenfällt, feiern wir das Heilsereignis, dass Jesus Christus als „Sonne der Gerechtigkeit" (Mal 3,20) in die dunkle Welt gekommen ist, und dass er das „Licht der Welt"  ist - wie er sich selbst bezeichnet hat (vgl. Joh 8,12;9,5;12,46). Bereits bei der Beschneidung des Jesuskindes im Tempel zu Jerusalem wurde es vom greisen Simeon als „Licht zur Erleuchtung der Völker gepriesen (Lk 2,32). Als seine Jüngerinnen und Jünger haben wir Licht von ihm empfangen - in der griechisch-orthodoxen Kirche wird die Taufe photismós (Erleuchtung) genannt! - und sollen dieses Licht in die Welt hineintragen - wie „Stars“ (Sterne), die in der Dunkelheit leuchten.

Die katholische Kirche hat ein ganzes Heer von Stars, auf die sie stolz sein kann: die Heiligen, unter denen Maria herausragt. Sie wird bereits in einem alten lateinischen Hymnus ausdrücklich als „Stern" bezeichnet: „Ave, maris stella"(GL 520,1), zu deutsch: „Sei gegrüßt, Meeresstern" (vgl. Lied „Meerstern ich dich grüße", GL 524,1). Der frühere Münsteraner Bischof Michael Keller hatte sich einen Satz aus diesem Marienhymnus als Wahlspruch erwählt: „Iter para tutum", auf deutsch: „Gib sicheres Weggeleit!" Ein anderes Lied richtet an Maria ebenfalls die Bitte: „O Stern, leucht' uns auf Erden" (GL864,5).

Bedauerlicherweise geht von der real existierenden Kirche, die eigentlich wie eine Stadt auf dem Berge leuchten soll (vgl. Mt 5,14), aufgrund der Missbrauch-Fälle, der damit verbundenen systematischen Vertuschungen und der noch immer mangelhaften Aufarbeitung z. Zt. mehr Dunkelheit als Licht aus. Das Schweigen und Stillhalten der meisten Bischöfe in dieser Sache ist leider kontraproduktiv. Unter diesen Umständen, die der Kirche einen massiven Glaubwürdigkeitsverlust beschert haben, kann die Kirche auch mit ihren großen Stars aus der Vergangenheit leider kaum punkten. Da ist schlicht und einfach Umkehr angesagt!

Jetzt ist Advent, Zeit der Umkehr. Da muss auch ich mich fragen, ob mein Leben wirklich etwas widerstrahlt von dem Licht, das Jesus Christus ist. Denn das ist mir doch bei meiner Taufe mit der Überreichung der Taufkerze (die am Licht der Osterkerze entzündet wurde) als Lebens-Auftrag mitgegeben worden: Licht für die Welt zu sein. Ist dieses Licht nicht zur Funzel verkommen? Nur wenn ich bereit bin, umzukehren und dem Licht, das Jesus Christus ist, in mir wieder mehr Raum zu geben, werde ich für meine Mitmenschen ein echter Lichtbringer sein können. Und dann erst werde ich auch richtig Weihnachten feiern können.