12.10.2021

Was haben Christentum und Buddhismus gemeinsam?

Die Erfahrung der Transzendenz

Oberflächlich betrachtet, scheinen Christentum und Buddhismus äußerst gegensätzliche Anschauungen zu vertreten. Die Christen glauben an einen Gott, wohingegen die Buddhisten keinen Gott haben. Wenn man den scheinbaren Gegensatz aber nicht vom Glaubenswissen, sondern von der Glaubenserfahrung her betrachtet, sind sich beide Religionen nicht so unähnlich, sondern ergänzen einander.

Es ist nicht ganz richtig, den Osten dem Buddhismus und den Westen dem Christentum zuzuordnen. Es geht um zwei Prinzipien, die nicht geographisch zu verorten sind, sondern sie sind in uns selbst. Der Westen denkt in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, und der Osten lebt im ALLEINEN und im JETZT.

In der Mystik ist alles eins. Nikolaus von Kues (1401-1464) betrachtet dies entsprechend dem Prinzip der „Coincidenta oppositorum“, dem Zusammenfall der Gegensätze im Unendlichen. Demnach sind die Gegensätze nur in der Welt aufgespalten, in Gott jedoch eins. In der Endlichkeit unseres Lebens sind wir eingebunden in das „Sowohl als auch“, wohl wissend, daß beides zusammengehört.

Im Sterben erleben wir, was wir nicht beschreiben können. Wir Christen erwarten, Gott von Angesicht zu Angesicht zu schauen (vgl. 1 Kor 13,12); die Buddhisten stellen sich vor, wie ein Salzmännchen im Wasser aufzugehen und damit im ALLEINEN. Während der Osten daher bemüht ist, das Ich aufzulösen, ist der Westen bestrebt, ein gesundes Ich zu entwickeln.

Siehe Ich oder Nicht-ich.

Aber sowohl die Buddhisten als auch die Christen der Gegenwart sind zu wenig auf dem Weg zu jener Erfahrung, die, wie die Mystiker aller Zeiten es formuliert haben, grundsätzlich in allen Religionen die gleiche ist und sich nur in jeweils anderer Weise ausdrückt. In den Gegensätzen ist schon das Gemeinsame enthalten. Erst wenn die Instrumente eines Orchesters gestimmt sind, ermöglichen sie den Zusammenklang. Wir kennen den Spruch „Gegensätze ziehen sich an“. Je mehr wir uns auf das Geheimnis unseres Lebens einlassen, desto stärker rücken die Gegensätze zusammen. Das gilt letztlich auch für Leben und Tod. Der Tod ist kein Ende, sondern Verwandlung, eine Entgrenzung ins unendliche Leben. Das Bleibende ist die Lebenskraft des Baumes und nicht sein jahreszeitliches Erscheinungsbild. Unser Schicksal zu akzeptieren, das Sterben eingeschlossen, ist wahre Freiheit!

Gottfindung wird in Zukunft weniger über geistige Belehrungen erfolgen, als vielmehr über eine persönliche Erfahrung des Göttlichen, wenngleich das eine das andere nicht ausschließt. Das Unendliche ist eine Realität, in der alles Endliche in seinem unendlichen Zusammenhang bleibt. Es gilt, die Gleichheit der Erfahrung zu vermitteln; denn es geht um die Überwindung der Dualität. Unser wahres Selbst ist gepolt in Plus und Minus und steht in einer unendlichen Spannung bis zum Zusammenfall der Pole, dem Zusammenfall der Gegensätze, in das vollkommene Leben in und mit Gott.

„Ich begreife durch Begriffe, um mich ergreifen zu lassen von dem, was über allen Begriffen steht, woraus sie sich herleiten und wohin sie führen wollen. Es geht um die Begriffe, die schwanger sind vom Unendlichen und die wir in uns aufnehmen, damit das Unendliche aufscheint und alles überbietet. – Eine Antwort, die verfügt, ist falsch. Die absolute Wahrheit bleibt unverfügbar.“ (Johannes Kopp SAC 1927-2016)

Wie Gott zugleich Nichts und Alles ist, so ist er Person und Nicht-Person. Das sind keine Alternativen. Unser Glaubensbekenntnis muß Ausdruck sein für das „Sowohl als auch“.

Gott finden heißt, ihn ruhelos suchen. Suchen und Finden sind nicht zweierlei Dinge, „vielmehr ist der Lohn des Suchens das Suchen selbst“ (Gregor von Nyssa um 335/340-nach 394).

„Tröste dich, du würdest mich nicht suchen, wenn du mich nicht schon gefunden hättest.“ (Blaise Pascal 1623-1662)

„Bewegung und Ruhe, Wort und Schweigen, Du und Nicht-Du, Persönlich und Unpersönlich sind keine statischen Zustände, die sich gegenseitig ausschließen, sondern sie sind vielmehr zu sehen in einem Rhythmus, in ihrer Bezogenheit und ihrer fortwährenden Bereicherung, vielleicht in ihrem gegenseitigen Verhältnis zu vergleichen mit Korpuskel und Welle im Bereich der Materie: Wenn das Korpuskel gegenständlich erscheint, entzieht sich die Welle der Vergangenenvergegenständlichung und ist nur messbar als reine Energie.“ (Johannes Kopp SAC)

Unter dem Titel „Alle Religionen sind gleich oder außerhalb der Kirche kein Heil?“ berichtete Rudolf Hengesbach am 12. Februar 2021 auf katholisch.de über ein interessantes Projekt zum Thema Christen und Buddhisten sowie zu den „Gemeinsamkeiten der Weltreligionen“.