Weiß

Was würden Sie antworten, wenn Sie gefragt würden: „Welche Farbe hat Gott?“ Vielleicht gehören auch Sie zu denen, die sagen: „Natürlich Weiß; denn was kommt für Gott anderes in Frage als das helle, weiße, glänzende Licht.“

Weiß ist die Farbe des Edlen, des Oberen und des Erhabenen. Aber eigentlich ist Weiß gar keine Farbe; vielmehr sind im weißen Licht alle Far­ben enthalten. Wir verbinden mit Weiß Ge­fühle und Eigenschaften, die wir sonst keiner anderen Farbe zuschreiben. So gilt Weiß als die vollkommenste Farbe, und es gibt kaum einen Zusammenhang, in dem Weiß eine ne­gative Bedeutung hat.

Wenn das helle Sonnenlicht durch ein Prisma fällt, sehen wir die Farben des Regenbogens von Rot bis Violett. Der Mensch ist nicht nur gefügt aus dem Staub der Erde, sondern we­sentlich sonnenhaft; in ihm atmet das goldene Licht der Sonne des Himmels. So ist Weiß die Farbe des Anfangs. Ein besonderes Sym­bol für den Anfang ist das weiße Ei. Weiße Klei­der bei Übergangsriten kommen noch in dem Begriff „Kandidat“ zum Ausdruck; denn das lateinische Adjektiv „candidus“ bedeutet „glänzendweiß“. So wer­den seit der Urkirche die Täuflinge mit weißen Gewändern bekleidet, und ursprünglich trugen die in der Osternacht Getauften ihre weißen Taufkleider bis zum Sonntag nach Ostern, dem Weißen Sonntag, wie er auch heute noch heißt. Die neu in die My­sterien Eingeweihten bekamen weiße Milch zu trinken. Davon spricht auch Paulus, wenn er an die Christen in Korinth schreibt: „Milch gab ich euch zu trinken statt fester Speise; denn diese konntet ihr noch nicht vertragen.“ (1 Kor 3,2)

Die weiße Kleidung bei Hochzeiten sollte ur­sprünglich das Dämonische abwehren, erst später wurde sie zum Symbol der Reinheit. Im Totenkult schützt die weiße Farbe der Kleider und Tücher vor bösen Einflüssen.

Der weiße Stein gilt als Bild der Vollkommen­heit. So heißt es in der Offenbarung: „Wer siegt, dem werde ich von dem verborgenen Manna geben. Ich werde ihm einen weißen Stein geben, und auf dem Stein steht ein neuer Name, den nur der kennt, der ihn empfängt.“ (Offb 2,17) Immer wieder werden auch die weißen Gewänder der Heiligen erwähnt (Offb 3,4; 4,4; 6,11; 7,9; 7,14; 19,14), und Gott selbst sitzt auf einem weißen Thron (Offb 20,11).

Weiß gilt in vielen Religionen als göttliche Farbe: Zeus erschien Europa als weißer Stier und Leda als weißer Schwan. Das weiße Einhorn ist das Symbol­tier der Jungfrau Maria. In Indien gelten die weißen Rinder als Verkörperung des Lichts.

Von den weißen Tie­ren werden im religiösen Bereich vor allem die Taube und das Lamm genannt; wegen ihrer Unschuld gelten beide als Opfertiere. Anläßlich Jesu Darstellung im Tempel opferte Joseph zwei Tauben (Lk 2,24). Johannes bezeichnet Jesus selbst als Opferlamm (Joh 1,29). Der Heilige Geist zeigt sich als weiße Taube, und noch heute werden in Rom am Fest der heiligen Agnes (21.Januar) Lämmer gesegnet, aus de­ren weißer Wolle die Würdezeichen der Erz­bischöfe, die Pallien, gefertigt werden. Die Amtstracht der Kleriker war die weiße Tunika, ein langes Ärmelgewand aus weißem Leinen. Noch heute lebt sie in der Albe, dem Unter­gewand zum Meßgewand, fort. Sie hat ihren Namen vom lateinischen Adjektiv „albus – weiß“. Die Brüder von Taizé tragen während der Gottesdienste weiße Kutten.

Früher mußte Linnen eigens gebleicht werden, um dessen weiße Färbung zu erreichen. Es diente vorwiegend für Gottes­dienst und Kult. Schon die jüdische Prie­sterordnung der Spätantike schrieb die weiße Farbe vor. Im profanen Bereich bemühen sich alle um eine „weiße Weste“, ein Zeichen untadeligen Verhaltens. Wer sich im alten Rom um ein politisches Amt bewarb, trug eine weiße Toga. Die weiße Fahne ist die Frie­densfahne.

Begrüßen wir den hellen weißen Tag als ein Geschenk des Himmels, und hoffen wir auf den Beistand Gottes, um in seiner Gnade zu le­ben.

Was bedeutet für mich die Farbe Weiß?