Gedanken zu Lesefrüchten (14.9.2020)

Wenn ich etwas Neues sehe, bringe ich es manchmal mit etwas mir Bekanntem in Verbindung. So ist es auch beim Lesen. Das Gelesene kann etwas zum Ausdruck bringen, was ich schon immer gedacht habe, nur so noch nicht formulieren konnte. Gleichzeitig entsteht ein Nachdenken, das mich zu weiteren Erkenntnissen führt.

Wenn die Schleier fallen

Ist die Geburt möglicherweise eine Beerdigung des irdischen Leibes ins Grab und unser Sterben eine Geburt ins Ewige Le­ben im verklärten Leib?

Es existiert die Vorstellung, das Grab sei so etwas wie das Tor zum jenseitigen Leben und Heimgang sei eine Rückkehr in den Schoß der Mutter Erde. Das Weizenkorn fällt in die Erde, stirbt und bringt reiche Frucht.

Im Sterben gehe ich nicht durch ein Tor in einen anderen Raum. Eher fallen da, wo ich bin, die Schleier. Der Schleier der Zeit zerreißt, der Wille zum JETZT erfüllt sich vollkommen. Ich neh­me dann voll wahr, wo ich schon immer seit Ewigkeit gewesen bin, in Gott. Vorher waren meine Augen gehalten. Jenseits der Dinge zeigt das große Ganze sein Gesicht nur verhüllt.

Die Evangelisten Matthäus (27,51) und Markus (15,38) berichten, daß beim Sterben Jesu der Vorhang im Tempel von oben bis unten entzwei riß.

Siehe auch Impuls vom 25. August 2019 – 21. Sonntag im Jahreskreis C – Geht durch die enge Tür!

und

Impuls vom 28. September 2018 – Von Schleiern verhangene Wirklichkeit.

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Die verschleierte Gottheit ist ein Thema der Menschheit. Bereits Moses wollte die „Herrlichkeit Gottes “ sehen. Im Buch Exodus 33,18-23 heißt es:
Dann sagte Mose: Lass mich doch deine Herrlichkeit sehen! Der Herr gab zur Antwort: Ich will meine ganze Schönheit vor dir vorüberziehen lassen und den Namen des Herrn vor dir ausrufen. Ich gewähre Gnade, wem ich will, und ich schenke Erbarmen, wem ich will. Weiter sprach er: Du kannst mein Angesicht nicht sehen; denn kein Mensch kann mich sehen und am Leben bleiben. Dann sprach der Herr: Hier, diese Stelle da! Stell dich an diesen Felsen! Wenn meine Herrlichkeit vorüberzieht, stelle ich dich in den Felsspalt und halte meine Hand über dich, bis ich vorüber bin. Dann ziehe ich meine Hand zurück und du wirst meinen Rücken sehen. Mein Angesicht aber kann niemand sehen.

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Die Schleier fallen aber nicht erst im Sterben.

Auch im Leben ist es möglich, einen Schleierfall zu erleben, der dem Sterben ähnelt. Mein Lehrer Karlfried Graf Dürckheim (1896-1988) hat 1919 als Student so etwas erlebt.

„Beim Hören des elften Spruches[1] schlug der Blitz in mich ein. Der Vorhang zerriß, und ich war erwacht. Ich hatte ES erfahren. Alles war und war doch nicht, war diese Welt und zugleich durchscheinend auf eine andere. Auch ich selbst war und war zugleich nicht. War erfüllt, verzaubert, jenseitig und doch ganz hier, glücklich und wie ohne Gefühl, ganz fern und zugleich tief in den Dingen drin. Ich hatte es erfahren, vernehmlich wie ein Donnerschlag, lichtklar wie ein Sonnentag und das, was war, gänzlich unfaßbar. Das Leben ging weiter, das alte Leben, und doch war es das alte nicht mehr. Schmerzliches Warten auf mehr »Sein«, auf Erfüllung tiefempfundener Verheißung. Zugleich unendlicher Kraftgewinn und die Sehnsucht zur Verpflichtung – auf was hin – ?“

[1] Die Bahn und der rechte Weg des Laotse:
Dreißig Speichen treffen die Nabe,
aber das Leere zwischen ihnen erwirkt das Wesen des Rades;
Aus Ton entstehen Töpfe,
aber das Leere in ihnen wirkt das Wesen des Topfes;
Mauern mit Fenstern und Türen bilden das Haus,
aber das Leere in ihnen erwirkt das Wesen des Hauses.
Grundsätzlich:
Das Stoffliche birgt Nutzbarkeit;
Das Unstoffliche wirkt Wesenheit.

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Schleier können auch den Tod zur Folge haben

Die Legende der Salome
Die hübsche Tochter der Herodias tanzte mit sieben Schleiern auf der Geburtstagsfeier des Königs Herodes. Er war so verzückt von ihrem Tanz, dass er ihr jeden Wunsch erfüllen wollte, sogar sein Königreich wollte er ihr geben. Sie forderte jedoch auf Anraten ihrer Mutter das Haupt Johannes des Täufers, das man ihm auf einem Silbertablett darbot (vgl. Mk 6,14-16; Mt 14,1f; Lk 9,7.9).

Siehe auch Impuls vom 19. Juni 2020 – Christo stützt meine Vorstellung von Transzendenz.

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Auch für Ludwig van Beethoven fallen die Schleier

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jan Assmann
„Kult und Kunst“
Beethovens Missa Solemnis als Gottesdienst
Verlag C.H. Beck. 272 S., geb. 28,00 €.

 

Am 9. September 2020 besprach Jan Brachmann in der F.A.Z. Nr. 210 das Buch von Jan Assmann unter der Überschrift „Es fließt und stockt die Zeit - Bloß keine Gelegenheit verpassen: Jan Assmann hört in der Missa solemnis, woran Ludwig van Beethoven glaubte“.

 

Das verschleierte Bild zu Saïs im Park Luisium
Quelle des Fotos

 

 

Vielleicht können Sie sich vorstellen, wie es mich elektrisiert hat, als ich in der Buchbesprechung las, daß Ludwig van Beethoven sich folgenden Satz aufgeschrieben, hinter Glas gerahmt und über seinen Arbeitstisch gehängt hat: „Ich bin, was da ist. Ich bin alles, was ist, was wahr, und was seyn wird, kein sterblicher Mensch hat meinen Schleyer aufgehoben.“ Dieser Satz stammt aus Friedrich von Schillers (1759-1805) Ballade „Das verschleierte Bild zu Sais.“

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