16.10.2021

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wie kam der Altar in die Kirche?

Der Altar als Ausgangs- und Zielpunkt religiösen Lebens

In der Astronomie ist Ara (Altar) ein Sternbild am südlichen Himmel. In vielen Religionen gilt der Altar als heiliger Gegenstand. Der Begriff Altar leitet sich ab von alta ara (lat.) = erhöhter Opferplatz. An dieser geweihten Stätte werden die Opferhandlungen für eine Gottheit vollzogen. Fast alle Religionen kennen einen Altar als reich geschmückten tischartigen Platz oder als einen Block. Neben sakralen Gegenständen zeugt die bauliche Beschaffenheit von seiner Funktion. So weisen Altäre, auf denen Lebewesen dargebracht wurden, Vertiefungen auf, in denen sich das Blut des Lebendopfers sammelte.

Im Alten Testament war der Altar meistens eine Opferstätte, aber auch ein Denkmal in Erinnerung an eine besondere Gotteserfahrung. In Israel war die Mitte und der Höhepunkt des Kultus der Brandopferaltar im Tempel von Jerusalem. Mit der Zerstörung des Tempels im Jahre 70 durch die Römer endete der jüdische Opferkult.

Im Christentum war der erste Altar ein einfacher Tisch, der Tisch im Abendmahlssaal zu Jerusalem. An Tischen feierten auch die ersten Christen in ihren Häusern die Eucharistie. Noch Jahrhunderte später wurde er zur Feier der Eucharistie von Diakonen oder anderen Klerikern eigens herbeigebracht und nach der Feier wieder entfernt. Diese tragbaren Altäre waren aus Zweckmäßigkeitsgründen aus Holz. Das änderte sich, als das Christentum in der sogenannten Konstantinischen Wende unter Kaiser Theodosius (nach 392) Staatsreligion wurde, und die Christen eigene Kirchen für ihre Liturgie bekamen.
Der Brauch, steinerne Altäre zu errichten, hängt vermutlich mit dem Aufblühen des Martyrerkultes zusammen. Die Martyrerverehrung führte zur Verbindung von Altar und Martyrergrab. Man verwies dabei auf die Offenbarung des Johannes (6,9 ff): „Ich sah unter dem Altar die Seelen aller, die hingeschlachtet worden waren wegen des Wortes Gottes und wegen des Zeugnisses, das sie abgelegt hatten. Sie riefen mit lauter Stimme: Wie lange zögerst du noch, Herr, du Heiliger und Wahrhaftiger, Gericht zu halten und unser Blut an den Bewohnern der Erde zu rächen? Da wurde jedem von ihnen ein weißes Gewand gegeben, und ihnen wurde gesagt, sie sollten noch kurze Zeit warten, bis die volle Zahl erreicht sei durch den Tod ihrer Mitknechte und Brüder, die noch sterben müssten wie sie.“

Die Verehrung des Altares nahm zu, was in der Altarweihe ihren Ausdruck fand. Bis ins achte Jahrhundert gab es weder eine Kirchen- noch eine Altarweihe.

Der einfache Altar kann ein besonderer Stein sein. Mit der Entwicklung des Kultes verfeinert sich die Ausgestaltung und erreicht beispielsweise im gotischen Flügelaltar einen künstlerischen Höhepunkt.

Bis zur Liturgiereform im Zweiten Vatikanischen Konzil 1962 bis 1965 durfte der Altarraum in der katholischen Kirche von Frauen nur zum Putzen betreten werden, nicht aber während eines Gottesdienstes. Es war unvorstellbar, daß jemals weibliche Wesen liturgische Dienste wie die von Ministranten, Lektoren oder Kommunionhelfern ausüben könnten.

Der Beginn einer Eucharistiefeier vor der Liturgiereform mit einem Stufengebet zeigt, welch heiliger Ort der Altar ist. Die Feier der heiligen Messe begann nicht erst am Altar, sondern wurde durch eine Vielfalt vorbereitender Riten eingeleitet. Dazu gehörte auch der Kehrvers aus dem Stufengebet: „Introibo ad altare Dei“ – „Zum Altare Gottes will ich treten!“ (Ps 42/43). Wie bei allen gottesdienstlichen Riten genügte es nicht, diesen Zutritt als rein äußeres Geschehen zu deuten. Vielmehr kam darin eine innere Haltung zum Ausdruck.

Sobald der Priester die Sakristei verließ, wurde eine Glocke geläutet. Sie rief gleichermaßen zur Aufmerksamkeit und zur Ehrfurcht, das ist auch heute noch so. Wenn die Gläubigen sich beim Glockenzeichen zu Beginn der Messe erheben, dann ehren sie damit den Priester, der als Stellvertreter Christi das heilige Geschehen vollzieht.

Der Zutritt zum Altar hat selbst in der schlichtesten Form der Meßfeier die Form einer geordneten Prozession und erfährt dadurch etwas Edles und Erhabenes. Der äußere Weg ist ein Bild für den inneren: Mehr als auf die äußere Präsenz kommt es auf die wache innere Teilnahme am eucharistischen Opfer an, damit Jesus uns nicht wie den Pharisäern vorhält: „Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, ihr Herz aber ist fern von mir.“ (Mk 7,6)

Die heute meist frei stehenden Altäre standen früher an der Wand und waren nach Osten auf die aufgehende Sonne und den wiederkommenden Christus hin ausgerichtet. Der Priester stand vor dem Volk Gottes und schaute mit diesem Licht dem kommenden Herrn entgegen. Der Gottesdienst richtete sich auf die Anwesenheit Jesu Christi in Brotgestalt im Tabernakel auf dem Hochaltar, auf den die kniende Gemeinde schaute, während der Priester im Altarraum das Meßopfer darbrachte. In vielen Kirchen, vor allem in den großen Kathedralen des Mittelalters, trennten ein Lettner oder zumindest Chorschranken die Gemeinde vom Klerus, sie wartete wie im jüdischen Tempel vor dem Allerheiligsten.

Heute lassen sich die Altäre umschreiten. Nicht die Feier des Priesters für die Gemeinde, sondern die Feier der Gemeinde mit ihm ist Leitmotiv der Liturgie. Demnach sind alle Getauften liturgiefähig; denn sie bilden „eine königliche Priesterschaft“ (1 Petr 2,9). So rückte der Altar stärker in die Mitte der Gemeinde gemäß dem Wort „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ (Mt 18,20).

In der Hölle von Dachau wurde der Raum einer Baracke zu einem Ort, an dem Himmel und Erde sich berühren. So zeigt sich im Laufe der Geschichte immer wieder: Durch die Art, wie wir uns in einem Raum verhalten, können wir eine Scheune zur Kathedrale und eine Kathedrale zur Scheune machen.