Wie sollen wir mit dem Aggressionspotential in uns umgehen?

Aggressivität hat viele Gesichter. Sie wird meist als negativ erlebt, ist aber wie alles ambivalent. Liebe ist zum Beispiel nicht ohne Aggressivität möglich, da feste Drücken unter Liebenden dazugehört.

Sigmund Freud (1856-1939) war der Meinung, das Agressionspotential im Menschen sei nicht zu bändigen. Es gibt aber keine Liebe ohne Ag­gressionen, lateinisch (aggredi – daranmachen/daran­ge­hen), kein schöpferisches Leben ohne die Lust, etwas anzu­packen, etwas in Angriff zu nehmen. Nicht die Aggression ist das Problem. Es gilt vielmehr, zu unterscheiden zwischen guter und schlechter, zwischen gestalteter und inte­grier­ter Potenz ei­ner­­seits und zerstörerischer nicht integrier­ter anderer­seits.

Zu den Arten von Aggression gehört der Drang zur Beseitigung eines Hindernisses, das der Erfüllung eines Wunsches entgegensteht. Sie kann sich aber auch aufbauen nach einem Verbot; besonders wenn es um Behinderung lebenswichtiger Bedürfnisse geht (frustrationsbedingte Aggressivität).

Ein Kind versucht, wieweit es gehen kann ohne sich selbst zu schaden. Es geht oft um einen Rangstufenkampf bei Geschwistern.

Ein Kind ohne Urvertrauen lebt in Angst und Mißtrauen und damit in der Bereitschaft, aggresiv zu reagieren.

Der Mensch neigt zu Gewalt und Krieg, ist aber nicht unabänderlich an sie gekettet. Angeboren ist den Menschen der Ernährungs- und der Sexualinstinkt. Gewalt gehört nicht in diese Kategorie. Es scheint, daß es Krieg im Sinne der Gewaltanwendung nur bei den Menschen gibt.

Aggression ist Bestandteil jeder sozialen Beziehung, bei Affen und bei Menschen. Doch sie wirkt nicht zwangsläufig zerstörend. Rohe Gewalt ist nur der extremste Ausdruck von Aggression, nicht der Normalfall. Deshalb sollte man Aggressivität nicht eliminieren wollen, sondern unter Kontrolle halten.

Eine Lehre vom „Gerechten Krieg“ gibt es sogar im Christentum. Es könnte sogar sein, daß friedfertige Menschen verunsichern und damit den Krieg herausfordern. Bei den Eskimos gibt es Gewalt aber keinen Krieg.

Im 16. Jahrhundert war Gewalt fast alltäglich. Da Mode und Vorsicht das Tragen einer Waffe vorschrieben, kam es bei nichtigen Anlässen zu blutigen Auseinandersetzungen.

Heute noch empfiehlt ihre biophysische Ausstattung den Männern die Jagd als kollektives Ritual von Aggressionen und Solidarität, den Frauen das Kaffeekränzchen. Vor allem die Jäger reagieren ein Übermaß aggressiever Triebe ab, indem das Abkrümmen eines Zeigefingers einen Schuß löst. Konrad Lorenz (1903-1989) meinte: „Kein Mensch würde auch nur auf die Hasenjagt gehen, müßte er das Wild mit Zähnen und Fingernägeln töten.“

Männer sollten mehr auf Frauen hören. Es gibt eine enge Beziehung von männlicher Hormonausstattung und Gewalt. Frauen sind dichter am Leben. Sie gehen behutsam damit um.

Ignatius von Loyola (1491-1556) war ein sehr aggressiever Mensch. Er hat gelernt, mit diesem Bedürfnis auf postive Weise umzugehen und es damit in einer konstruktiven Weise einzusetzen. Teresa von Avila (1515-1582) hat ihre männlichen Anteile nicht verdrängt sondern integriert.

Kann Gott als Beistand in einen Krieg angerufen werden? Mann zögerte nicht, sogar von einem „Heiligen Krieg“ zu sprechen. Wir kennen den Schlachthof der Kreuzfahrer „Gott will es“, obwohl das neue Testament zur unbedingten Friedfertigkeit auffordert. Und doch scheinen einige Texte die Gewaltanwendung zu rechtfertigen. Wie sind zum Beispiel die sogenannten Schwertworte Jesu zu verstehen?: Mt 10,34 „Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“ oder Lk 12,49ff „Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen.“, Lk 22,36 „Wer aber kein Geld hat, soll seinen Mantel verkaufen und sich dafür ein Schwert kaufen.“ Die Tempelreinigung (Joh 2,15f) zeigt aber, wie Jesus seine Aggressionen unter Kontrolle hat. Er unterscheidet zwischen den Großhändlern und den Taubenhändlern. Aber Jesus war nicht in erster Linie Pazifist, sondern seine Sendung galt dem Reich Gottes. Er ruft zur Umkehr auf und zu Gewaltverzicht.

Bei Soldaten im Krieg kann es sein, daß die Nähe des Todes oder der Heldentot selbst die höchste Steigerung des Lebens ist.

Ob das alles Folge der Kriegspiele der Jugendlichen ist, die später Geländespiele genannt wurden?

Aus der Zeitschrift Der Jungführer:
Menschenaffen kennen Versöhnungsrituale. Trotz ihrer aggressiven Natur leben die Schimpansen in stabilen sozialen Beziehungen. Gefühlvolle Versöhnungen zwischen Aggressor und Opfer sind in der Welt der Affen üblich. Die Lust an der Aggression ist nicht stärker als die am Friedenstiften, das ebenso natürlich ist wie das Kriegführen. Aggression muß keineswegs von Natur aus das letzte Wort haben.

Bis zum Ersten Weltkrieg war es schick, Soldat zu sein. Zu Hochzeiten erschien der Bräutigam in Uniform. Die Kriegskaste wurde dann abgelöst durch die Ökonomie. Deren Kraft ist in der Neuzeit der markanste aufsteigende Impuls; wenn auch zur Zeit wieder mit dem Feuer gespielt wird.

Solange die Sexualität sich nicht vollständig verwirklichen kann, sucht sie sich Ventile. Eines davon ist die Aggression.

Ein Henker braucht ein gewissen Aggressionspotential, um jemand enthaupten zu können. Man kann einen Metzger nicht zum Vorsitzenden eines Tierschutzvereins machen.

Was ist zu tun?

Den Feind kennenlernen und Projektionen zurücknehmen. Die Gefährlichkeit einsehen, wenn zum Beispiel bei Wahlen durch Diffamierung des Gegners Stimmen gesammelt werden.

Im antiken Griechenland wurde darüber gestritten, ob Brutalität beim Betrachter wiederum Brutalität erzeugt. Aristoteles erwartete vom gewalttätigen Geschehen in der klassischen Tragödie eine Läuterung des Publikums. Platon verneinte das. Bruno Bettelheim (1903-1990) war der Meinung, daß die meisten Kinder aggressive Phantasien brauchen, um feindselige Gefühle stellvertetend ausleben zu können, wenn zum Beispiel im Märchen die Hexe in den Ofen gesteckt wird.

Ein besonderes Umgehen mit Aggressivitä finden wir in den fernöstlichen Kampfsportarten. In einer langen Friedensperiode wandelte sich das Kriegshandwerk zur Kampfkunst, die als Weg, Do genannt, verstanden wurde und dazu diente, die Persönlichkeit zu entwickeln.