19.4.2020

Wie wird die Zeit nach Ostern sein?

Weißer Sonntag

Mit dem Weißen Sonntag, dem Sonntag nach Ostern, endet die Osteroktav. Auf den Tag danach, den morgigen 20. April, hatten zahlreiche Menschen die Hoffnung gesetzt, daß die räumlichen Einschränkungen, die bei vielen auch Langeweile erzeugen, zu Ende seien.

Der Mensch setzt sich normalerweise ein Ziel. Der ziellose Mensch lebt in einem spannungslosen Jetzt, die Zeit wird zu einer langen Weile und erzeugt nicht selten Langeweile, eine Tochter der Vereinsamung. In der aktuellen Corona-Krise suchen wir die Gründe für Langeweile außen, aber sie liegen auch in uns selbst.

Es gibt sogar eine schöpferische Langeweile; denn lange Phasen äußerer Untätigkeit umgeben die Inspiration. So komponierte Johann Sebastian Bach in der Fruchtbarkeit der Lange­weile dann am bes­ten, wenn er sich vorstellte, er könne gar nicht komponieren. Wenn die Gedanken freien Lauf haben, kann gelegent­li­ches Lang­weilen den Geist fördern.

In der Langeweile fehlt unserem Leben die Spannung von Vorfreude und Erfüllung, wenn wir auf nichts mehr warten oder meinen, nichts mehr erwarten zu kön­­nen. Dann verliert die Zeit den Rhythmus und die Höhepunkte; ein Tag gleicht weithin dem anderen, und Eintönigkeit, Langeweile und Überdruß machen sich breit.

Ein Heilmittel gegen die Langeweile ist die Neu­gier; denn die Langeweile ist auch die Schwelle zu außergewöhnlichen Taten. Zeitvertreib ist nicht das Ge­genteil von Langeweile, sondern ihre Fortsetzung und Steige­rung mit anderen Mitteln. Die Corona-Krisenzeit zeigt, wie Menschen die Langeweile überwinden: vom Maskennähen bis zum Konzert auf bisher nicht erdachte Weise.

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Ein Beitrag im CHRIST IN DER GEGENWART Nr. 19 vom 10. Mai 2020 zum Thema Langeweile von Heike Helmchen-Menke

CiG 19 Cover
CiG 19 Langeweile