Das weiße Einhorn ist das Symbol­tier der Jungfrau Maria.

15.5.2021

Wir brauchen Mythen

Wir Menschen nehmen die Wirklichkeit mit unseren Sinnen wahr. Aber diese Wahrnehmung ist begrenzt. Richter kennen dies zur Genüge von Zeugenaussagen, bei denen ein und dasselbe Ereignis verschieden beschrieben wird. Tiere nehmen Dinge wahr, die wir nicht bemerken, wie zum Beispiel Gase.

Zeitgenossen erleben etwas für sie nur wenig Spektakuläres, was aber in der Folgezeit große Bedeutung gewinnt.

Mythen stellen Anfangserzählungen dar. Laut Prof. Dr. Albrecht Koschorke (* 1958), Literaturwissenschaftler an der Universität Konstanz, werden die Anfänge „im dramatisierenden Rückblick zu dem, als was sie gelten“.

Die Bibel ist voll von solchen Mythen, die wir geneigt sind, als historische Ereignisse aufzufassen. Nachdenklich macht bereits, daß es mehrere Schöpfungserzählungen gibt. Die wichtigsten sind Gen 1,1-2,4a und Gen 2,4a-25. Es ist faszinierend, was die Schreiber der ersten 11 Kapitel des Alten Testamentes alles dort hineinprojiziert haben. Würde die Bibel heute geschrieben, sähe man vermutlich statt des „Apfelklaus“ den „Turmbau zu Babel“ als den Sündenfall an.

Im biblischen Schöpfungsmythos kommt mit dem Bewußtwerden des Menschen über seine Existenz das Böse in die Welt, und zwar durch die menschliche Freiheit, wie sie im Sündenfall hervortritt. Sie besteht in der Fähigkeit, sich eine eigene Welt einzubilden, die sich von derjenigen der anderen unterscheidet und verteidigt oder durchgesetzt werden will. Menschliche Freiheit ist die Voraussetzung für das Böse. Es ist der Hinterhalt der Freiheit, der gerade dort lauert, wo Entscheidung gefragt ist.

Die Märchen wurden zum Beispiel erzählt, bevor sie aufgeschrieben wurden.

In seiner Rezension des Buches „The Power of the Written Tradition“ von Jack Goody (1919-2015) schrieb Johan Schloemann unter dem Titel „Analphabeten können nur Stille Post abschicken“ in der F.A.Z. vom 30. Mai 2000 unter anderem:
„Goody hat dieses Potenzial der Schrift am eigenen Leib erlebt. Als Feldforscher hat er bei einem schriftlosen Stamm in Nordghana eine rituelle Rezitation schriftlich festgehalten und publiziert. War der vorgetragene Mythos zuvor in recht unterschiedlichen Versionen aufgeführt worden, so bezog man sich mit der Zeit auf Goodys Text, was zu einer Vereinheitlichung der Fassungen führte. Der Forschungsbericht war zum heiligen Text geworden, die Verschriftung hatte eine vorher nicht vorhandene Orthodoxie generiert.“

Siehe auch Sprache ist ein Wissensspeicher und Entwicklung von Sprache und Schrift.

Seit undenklichen Zeiten gibt es unter anderen auch den Drachen-Mythos. Zwei gegensätzliche Aspekte sind mit diesem Tier verbunden: einerseits seine gefährliche und zu bekämpfende Natur, andererseits sein in Hochachtung zu befragendes Wesen.

 

 

Frau Mahlzahn ist solch ein weiblicher Drache aus der Kinderbuchreihe von Michael Ende.

Siehe auch Lesefrüchte vom 29. Juli 2019 (Ödipus-Mythos).