1.7.2020

Wo man singt, laß dich ruhig nieder (Johann Gottfried Seume 1763-1810) II

Adolf Lohmann (1907-1983)

Jungenliederbücher
Eine kritische Schau

Die Liederbücher der Jugendbewegung lassen sich in drei Gruppen einteilen. Die erste Gruppe wollen wir „Quellenliederbücher“ nennen. Sie tragen ihr Liedgut erstmalig in die Jugend, überhaupt in unsere Zeit. Sie sind richtungweisend und bestim­men die Arbeit aller ernst schaffenden Kreise auf Jahre hinaus. Die Herausgeber sind durchweg berufene Volksliedkenner, Sammler und Forscher, deren Schaffen zudem von einer bestimmten Idee der Volks­musikerneuerung getragen ist. Ihre Haupt­lieder­bücher lieferten das Singgut der gesamten Volksmusikbewegung.
Die zweite Gruppe bilden die „Sammellieder­bücher“. In ihnen werden die in der Jugend gesungenen Lieder teils wahllos, teils nach bestimmten Gesichtspunkten gesammelt. Da nun nicht nur Wertvolles, sondern auch viel Kitsch gesungen wird, so werden diese Sammelbücher ein böses Gemisch, abhängig vom Geschmack ihrer Herausgeber. Friedlich stehen die alten Meister­lieder neben mißglückten Versuchen. Ein typisches Abbild der Kultur- und Geschmacksverwirrung unserer Zeit! Welcher Gruppenführer von heute kennt sich in der Formensprache der Musik und Dichtung so aus, daß er wenigstens mit einiger Sicherheit ein Werturteil fällen kann? Die Herausgeber sind meist Beauftragte bestimmter Bünde oder Verlage. Die gemischten Liedersammlungen zerschlagen vielfach unbewußt mit ihren minderwertigen Liedern, was sie mit ihrem wertvollen Liedgut aufbauen.
Es gibt noch eine dritte Sorte von Jugendliederbüchern. Das sind die vielen, meist jüngeren „Komponisten“ und „Liederfabrikanten“, die beim Anblick eines Volksliedes gleich dachten: „Das kann ich auch“, und die dann ihre zahllosen Kompositionen, teils aus naivem Sinn, teils aus Eitelkeit, teils auch aus Geschäftstüchtigkeit, auf die Jugend losließen. Unkraut wächst schneller als Weizen. Es verbreitet sich auch unglaublich schnell. Zeitweise überwuchert es sogar den Weizen.
Hier liegt unsere Aufgabe. Wir müssen uns ernsthaft mit wertvollen Liedern befassen und unser Urteilsvermögen schärfen. Das kann man nur anhand der besten Liederbücher. – Die folgende Bücherbesprechung ist keine „Geschmackssache“ eines Einzelnen, sondern die einfache Konsequenz all derjenigen, denen es um mehr geht als um ein bißchen Jugendsingrummel.
Unter den „Quellenliederbüchern“ ist das weitaus beste, in seiner Art einzige Jungenliederbuch, das „Strampedemi“ von Walther Hensel. (Bärenreiter-Verlag Kassel, kart. Mk. 1.80). Es enthält sowohl alte als auch ganz neue Lieder verschiedenster Art, u. a. viel echte Landsknechts- und Geusenlieder[1]. Einige Zeilen aus der Vorrede: „Unser Strampedemi hat sich zum Ziele gesetzt, die jungmännliche Art, das trutzige Wesen in reiner, ungefälschter Art aufleuchten zu lassen in Lied, größter Schlichtheit und Formenstrenge. Die Weisen sind so geartet, daß einerseits ihr stürmischer Rhythmus von dem brausenden, schäumenden Leben der Jugend zeugt, ihre Gebundenheit und Formenstrenge andererseits zugleich Zucht und Maß bedeuten“. An anderer Stelle steht: „Vieles, was ihr für tapfere, frischfeurige Musik haltet, zeigt sich bei näherem Zusehen als hohle, polternde Phrase“. Die geschmackbildende und erzieherische Wirkung des „Strampedemi“ ist außerordentlich stark. Es birgt die Kraft in sich, das Singen einer Gruppe in einiger Zeit völlig umzustellen und zu veredeln, wenn die störenden Einflüsse wertloser Lieder ausgeschaltet werden. Es wird den Gruppenführern nicht schwer fallen, für die Jüngeren aus dem „Strampedemi“ leichtere Lied­formen auszuwählen. Die angegebenen 2. Stimmen kann man auch fortlassen. Ebenso die Instrumentalsätze.
Das allgemeine Volksliederbuch der katholischen Jugend, dessen Lieder die weiteste Verbreitung fanden, war von jeher „Der Spielmann“ von Klemens Neumann, (Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz, M. 3.-). Ihm wurde auch das bekannte „Singeschiff“ größtenteils nachgebildet. Der „Spielmann“ bringt in seinen Abteilungen „Wanderlieder“, „Naturlieder“, „Lustige Lieder“, „Morgen- und Abendlieder“, „Festlieder“ und „Geistliche Lieder“ reiche Auswahl für die Jungscharen.
Wo sich die ideale Möglichkeit bietet, Schulgesang und Gruppengesang miteinander zu verschmelzen, sei besonders empfohlen:
„Der Jungbrunnen“, herausgegeben von Adolf Seifert im Bärenreiter-Verlag, Kassel, (M. 1.60), das Volksschulliederbuch aus dem Geiste der Volksmusikbewegung.
Der Kanon als einfachste Art mehrstimmigen Singens findet sich in der umfassenden Kanonsammlung von Fritz Jöde „Der Kanon“ (Kallmeyer-Verlag, Wolfenbüttel). Die leichteren Kanons sind in einem kleineren Auszug „Der Irrgarten“ (M. 1.80) gesammelt. Auch befinden sich in den bereits genannten Liederbüchern viele Kanons.
Neben dem überall bekannten „Singeschiff“ (Jugendhaus Düsseldorf, Notenausgabe M. 1.80) ist von den Sammelliederbüchern das für unsere Zwecke am brauchbarsten der „Jung Volker“, herausgegeben von den Neudeutschen, jedoch kein enges Bundesliederbuch. Die billige Sammlung bringt viele Lieder aus dem „Spielmann“, aber darüber hinaus noch manch anderes Lied der Singbewegung. Über einige weniger gut geratene Lieder wollen wir hinwegsehen. Besonderer Wert wurde auf die Lautenbuchstaben gelegt. Leider ist zur Zeit nur die Textausgabe (M. -.50) lieferbar.
Viel wertvolles Singgut bringt auch eine Reihe von 7 kleinen Liederblättern, eigens für die Jungscharen unter dem Titel: „Jungvolk singt!“ zusammengestellt von H. M. Sambeth, (Verlag Kepplerhaus Stuttgart, Einzelpreis 15 Pfg., ab 10 Stck. 10 Pfg.). Die Überschriften der einzelnen Blätter lauten:
1. „Lobgesang“, 2. „Morgen und Abend“, 3. „Zu Tisch“, 4. „Unterwegs“, 5. „Froh im Nest“, 6. „Zur Feier“, 7. „Am Feuer“. Sie eignen sich vorzüglich zum Gebrauch bei Treffen, Lagern und dergl.
Hiermit können wir die Liederbücher-Empfeh­lungen abschließen. Jedoch sollen noch einige Bücher genannt werden, weil sie in Kreisen der katholischen Jugend teilweise bereits bekannt und verbreitet sind. Zunächst das „St. Georgs-Lieder­buch“. Es besteht aus drei Teilen: „Lieder der Reiter­buben“, „Lieder der Landstraße“ und „Lieder am Feuer“. (Verlag Günther Wolff zu Plauen i. V.) Das Buch rühmt sich, „ein bisher in dieser Vollständigkeit nicht vorhandenes Bild des in der deutschen bündischen Jugend lebendigen Liedgutes“ zu geben. In der Tat hat man hier treu und brav gute Volkslieder mit vielem bedenklich stimmenden Material bunt durcheinander abgedruckt. Auf dieses Buch kann man das eingangs über Sammelliederbücher Gesagte fast restlos anwenden. Da findet sich manch dürftiges, unwahrhaftiges Zeug. Das Vorwort ist bezeichnend: „Weil unsere Lieder gesungene Bekenntnisse sind, daher durfte um seines Inhaltes willen manches Lied aufgenommen werden, gegen dessen Form sich künstlerische Bedenken erheben lassen“.(!) Man kann doch Form und Inhalt nicht so einfach trennen! Ein formloses Bekenntnis ist eben ein Bekenntnis zur Formlosigkeit, oder – ein Armutszeugnis. Da hilft keine Entschuldigung.
Das gleiche wäre über Fritz Sotkes „Unsere Lieder“ (Sauerland-Verlag, Iserlohn) und seine sonstigen Veröffentlichungen zu sagen. Sie wurden früher viel benutzt, sind aber recht dürftig und fehlerhaft. – Sammelliederbücher gibt es noch eine Unmenge, da sie heute leicht herzustellen sind. Die Haupt­arbeit haben ja die Führer der Singbewegung in langjähriger Forschungs- und Bildungstätigkeit geleistet. Bei den Herausgebern ist zwar guter Wille vorhanden, es fehlt aber an Gestaltungskraft, und der künstlerischen Sicherheit, die wir bei Walther Hensel so sehr bewundern müssen.
Die folgenden Hefte würden hier sicherlich nicht genannt werden, wenn nicht von unkundiger Seite versucht würde, solche Produkte als die vorbildlichen Liederbücher der heutigen Jungenschaft hinzustellen und in der katholischen Jugend zu verbreiten. Der Verlag Günther Wolff zu Plauen i. V. brachte neben anderen die folgenden Hefte heraus: „Wir traben in die Weite“ und „Aus grauer Städte Mauern“, bearbeitet von Robert Götz. Da strotzt es von manierierter Wildheit, von kitschiger Pathetik, von abgedroschenen Phrasen. Man spürt so recht die Unwahrhaftigkeit ihrer Entstehung; denn solch ein albernes Zeug hätte unter Landsknechten und Rittern niemals entstehen können.
Im gleichen Verlage erschienen auch die „Lieder der Südlegion“. Schade, daß es Jungführer gibt, die auf diesen internationalen Bluff hereinfallen. Nichts als schlimmster Musikdilettantismus! Es wimmelt nur so von Unmöglichkeiten „eigener wort- und tonformen einer südlicheren welt“, die „das urtümliche ihrer abstammung aus dem zauberkreis nordischer götterwelt und landschaft“ verraten. Ein trauriger Beweis, wohin man kommt, wenn man sich vom deutschen Volkslied abwendet, um möglichst international zu erscheinen und sensationell zu wirken. Einen ähnlichen, doch etwas besseren Versuch stellen die „Lieder des Bundes“ dar, im gleichen Verlag vom Musikant des deutschen Pfadfindertums herausgegeben. Hier spürt man wenigstens bei einigen Liedern ein Ringen um die Form. Druckreif sind sie jedoch noch nicht alle. Alle Liederbücher dieser letzten Abteilung zeigen deut­lich, daß ohne Schulung in musikalischen Dingen nicht geschafft werden kann und daß man die Architektur eines Liedes nicht aus dem Hemdärmel schütteln kann. Das Lied braucht Reife und Können.
Jungschararbeit ist Aufbauarbeit. Auch in der Singstunde. Dazu kann man kein schlechtes Baumaterial brauchen.[2]

[1] „Geuz“ ist eine holländische Verballhornung des französischen Wortes „gueux – Bettler“. „Geuzen“ wurde der Sammelname für eine gewaltbe­reite Gruppe, die aus Verbannten, Flüchtlingen, mit­tello­sen Adeligen und Rand­gruppen bestand. Sie machten Jagd auf spani­sche Schiffe. Da sie je­doch ohne Bestallung wa­ren, wurden sie als Seeräu­ber behandelt. Die „Wider­standsbe­wegung zu Wasser“ gegen die spanischen Herr­scher bekam danach mehr und mehr Unterstüt­zung aus allen Schichten der Bevölkerung.
[2] 8./9. Werkheft, Düsseldorf 1933: Jungen, wie sie sind – Bücher, die sie lesen, ein Werkheft von P. Horstmann SJ und Rektor Meurer, S. 29–32