2.7.2020

Wo man singt, laß dich ruhig nieder (Johann Gottfried Seume 1763-1810) III

Adolf Lohmann (1907-1983)

Aus dem Leben der Jungschar
Hier soll einmal der Raum geschaffen werden für die Aussprache über das, was in der Jungschar wächst und lebt. Darum wird das hier Gesagte nicht endgültig sein, sondern es soll euch alle ansprechen und anregen zum Suchen und Formen.
Unser Singen.
In manchen Gruppen kann man von einer ausgesprochenen Singmüdigkeit reden, in anderen dagegen wird froh und ungehemmt gesungen. Es kommt darauf an, daß wir das rechte, dem Jungen und seinem Empfinden eignende Lied auswählen, daß wir es richtig einüben und richtig singen.
Jeder weiß, wie sehr es an rechtem Liedgut mangelt. Vieles, was die Jungschar singt, ist Liedgut der Jungenschaft. Jungenlieder gibt es in Menge, Jungscharlieder dagegen wenig. Hier liegt eine Gefahr.
Das rechte Jungscharlied muß sich in Text und Melodie der Erlebniswelt der Jungen anpassen. Der Text muß möglichst irgendwie Handlung enthalten und einfache Gedanken, die dem Empfinden des Jungen entsprechen, über die er nachdenken und die er verstehen kann. Die Melodie muß einfach und klar im Aufbau sein.
Das Lied „Wir sind deine Jungen …“ ist gut in der Melodie, wenngleich manche Textstellen wie „Du aber bist der Brunnen im Herzen …“ für den Jungen reichlich schwer sind.
Wenn ich die Lieder „Kameraden, wir marschieren“ oder „Es leben die Soldaten“ hier anführe, wird mancher denken: Sooon Bart. Aber wie kommt es, daß diese Lieder so viel gesungen sind? Allein daher, weil man fühlt: Aha, hier ist ein Lied, das unseren Kerlen liegt. Und es ist ja tatsächlich so bei diesen Liedern: Text und Melodie sind für jeden Jungen begreiflich.
Nun stimmt es längst nicht immer, daß jedes Lied, das den Kerlen gefällt, für die Jungschar geeignet ist. Wenn das Empfinden der Kerle gesund und unverbogen wäre, könnte es so sein. Zumeist aber ist das Empfinden nicht mehr ganz gesund, und darum ist es notwendig, für seine Gesundung zu sorgen und es nicht noch stärker verbiegen zu lassen.
Es ist freilich so, daß der Mangel an guten Liedern für die Jungschar äußerst stark ist, und daß es unbedingt notwendig ist, auf diesem Gebiete Neues zu schaffen.
Allen Führern aber unserer Jungschargruppen muß klar sein: „Gloria Dei“ ist auch hier die wesentliche Aufgabe, das Lob Gottes. Alles rechte und schöne Singen von jungen Christen ist Lob Gottes. Aber es geht hier besonders um das unmittelbare Lob Gottes: das religiöse Lied, das Kirchenlied. Es gibt einen ganzen Schatz davon in unseren Liederbüchern. Natürlich darf nicht damit übertrieben und überfüttert werden, aber in jeder Heimstunde ein religiöses Lied muß Regel sein, und im Laufe eines Jahres eine ganze Reihe neuer religiöser Lieder mit vielen Strophen lernen, muß eine Aufgabe sein!
Wichtig ist also zunächst das gute Lied. Doch fast gleich wichtig ist die Art des Einübens, vor allem dann, wenn das Lied nicht ganz für das Empfinden der Jungen sich eignet, wie es bis jetzt ja meist gewesen ist und auch weiterhin sein wird. Und gerade da sind große Fehler gemacht worden.
Der Jungführer verkündet feierlich: Heute wollen wir ein neues Lied lernen. Allenthalben lange Gesichter! Doch der Jungführer läßt sich nicht erweichen. Wozu ist er denn Jungführer! Der Text wird gepaukt, er spricht ihn vor, die Jungen sagen ihn nach. Darauf wird die Melodie auf die gleiche Weise gelernt. Kein Wort wird gesprochen, das den Jungen das Verständnis des Liedinhaltes erschließen könnte. Er steigt vor ihnen auf und versinkt bald wieder; ein Übel, das man mit in Kauf nehmen muß.
Wie ganz anders ist es, wenn der Jungführer mit keinem Wort davon spricht, daß ein neues Lied gelernt werden soll. Wenn er beginnt zu sprechen und den Kerlen in einer kleinen Erzählung den Inhalt des Liedes nahebringt; wenn er ihnen dann den Text vorspricht und sagt, daß es darauf auch eine Melodie gibt, dann werden die Kerle sie unbedingt singen wollen. Der Jungführer singt die ganze Melodie vor in sauberer Begleitung mit seiner Klampfe und läßt die Jungen Vers um Vers nachsingen. Unterdes und zwischendurch spricht er weiter, erklärt ganz kurz den Verlauf der Melodie, wie sie so lustig dahertanzt, wie der Rhythmus des Trommelschlages ist, daß die Melodie langsam daherschreitet wie ein Zug ernster Mönche, wie sie versucht, sich auf eine Höhe zu schwingen, dazu ein paarmal Anlauf nimmt und dann, nachdem ihr der Sprung geglückt ist, wieder hinunterhüpft und noch manches andere. Dann wird das ganze Lied vom Jungführer noch einmal in Klampfenbegleitung sauber vorgesungen, während die Kerle still zuhören. Darauf dürfen sie mitsummen, dann endlich singen. Wenn darauf noch die Unreinheiten ausgemerzt sind, haben die Jungen das neue Lied wie im Fluge erlernt. Es mag wohl schon eine ziemliche Zeit gedauert haben, aber die Jungen haben es nicht gemerkt, es war ihnen nicht langweilig.
Nur nicht erst den Text pauken und dann die Melodie. Zusammen lernt sich beides leichter, weil dann die eine Erinnerung der anderen hilft.
Wenn das Lied es erlaubt, setzen wir uns auch einmal rittlings auf einen Stuhl und lassen ihn als Pferd „durch die Gegend“ hopsen. Oder wir hocken uns im Kreis auf den Boden. Oft teilen wir uns in Chor- und Vorsänger oder in zwei Halbchöre, je nachdem das Lied es erfordert. Bei „Es wollt ein Schneider wandern“ läßt es sich sehr gut machen, daß einer vorsingt und alle als Chor der Teufel einfallen. Der Luzifer muß natürlich besonders auftreten. So sind der Möglichkeiten eine Unmenge, wenn der Jungführer nur recht versteht, sie auszuwerten, und lebendig genug ist, neue zu finden.
Noch eins ist wichtig. Wir unterscheiden zwischen leise und laut, schnell und langsam. Wer singt heute noch leise? Überall herrscht die Unsitte, die Lieder zu brüllen anstatt zu singen. Ganz abgesehen davon, daß die Stimme des Jungen darunter leidet und allzubald heiser und klanglos wird, schlägt das Brüllen häufig genug das Lied tot, strengt die Kerle auch zu sehr an und verleidet das Singen. Die Jungen müssen erst wieder den Sinn für leises Singen bekommen. Lassen wir sie einmal eine Melodie summen, ganz leise und fein, sie werden spüren, daß das Lied ganz anders klingt als sonst. Sie werden darauf aufmerksam, was man alles in ein Lied hineinlegen kann, und werden erst jetzt dazu kommen, all seine Feinheiten zu verstehen.
Gut läßt sich das machen beim Singen eines Kanons, der aber nur dann gesungen werden kann, wenn eine Reihe von Jungen da ist, die eine gute Stimme und ein reines Gehör haben.
Wenn wir den Jungen auf diese Weise die verschiedenen Geschwindigkeiten und Lautstärken klargemacht haben – inzwischen können sie die Melodie sehr sicher singen, was besonders beim Kanon notwendig ist –, versuchen wir den Kanon mit zwei, dann mit drei Chören usw. Wir achten dabei auf das, was wir vorher geübt haben. Den Jungen wird das Singen viel Freude machen.
Wenn wir so mit den Jungen singen, wird es von ihnen nie als Last und notwendiges Übel empfunden, sondern im Gegenteil, sie werden mit Begeisterung dabeisein. Und dabei ist diese Art gar nicht so schwer. Man muß natürlich einmal den Versuch machen und anfangen. Wenn es das erstemal nicht gleich glänzend gelingt, so tröste dich damit, daß noch nie ein Meister vom Himmel gefallen ist.
A.L. [Adolf Lohmann][1]

[1] Der Jungführer, Heft 3/4, 1937, S. 139–141

Papst Franziskus äußerte sich zum Wert des Singens und der Musik am 4. März 2017 vor etwa 400 Teilnehmer eines Kongresses zu geistlicher Musik.

Link zum Artikel von Radio Vatikan