3.7.2020

Wo man singt, laß dich ruhig nieder (Johann Gottfried Seume 1763-1810) IV

Der Mensch als singendes Wesen

Alfred Tomatis

 

Ursprung des Singens
Wenn man den lautlichen Äußerungen von Säuglingen lauscht, vernimmt man eher ein Singen als ein Sprechen. Vermutlich hat sich das Singen bereits vor der Fähigkeit des Sprechens entwickelt. Im Singen enthüllt der Mensch die Natur seines Wesens.

Organ des Singens
Die Stimme als Organ gibt es nicht. Sie entsteht immer wieder neu im Zusammenspiel der gesamten Einheit von Körper und Seele. Dabei wird eine Reihe von Prozessen aktiviert, die das Herz, die Lunge, das Zwerchfell, den Beckenboden, die Bein- und Gesäßmuskulatur und den gesamten Kreislauf einbeziehen. Der ganze Körper wird stimuliert und beginnt zu schwingen. Die Durchblutung des Gehirns wird gesteigert, die Atmung wird tiefer und liefert mehr Sauerstoff.
Das schwingende Zwerchfell aktiviert das Sonnengeflecht, welches wiederum regulierend auf das autonome Nervensystem einwirkt, das weitgehend nicht der will­kürlichen Kontrolle durch unser Gehirn unterliegt.

Unsere Stimme ist ein Stimmungsorgan

Singen beeinflußt die Stimmung, fröhliche Lieder muntern auf und setzen den Körper in Bewegung. Trauergesänge helfen, sich Schmerz und erfahrenes Leid von der Seele zu singen.
„Der Klang entsteht weder im Mund noch im Körper, sondern in den Knochen. Alle Knochen des Körpers singen; sie wirken wie ein Vibrator, der die Wände einer Kirche in Schwingung versetzt, die ebenfalls singen.“[1]
Wichtig ist nicht nur das, was wir sagen, sondern vor allem wie wir es sagen. Um gehört zu werden und Anklang zu finden, spielt der Klang der Stimme eine entscheidende Rolle. Ist er authentisch, so macht er uns unverwechselbar.
Eine plausible Antwort auf die Frage, warum die Evolution das Singen und die Musik hervorgebracht habe, lautet: „Einem Menschen, mit dem ich musiziere, gehe ich nicht an die Gurgel.“[2]
[1] Alfred Tomatis, Das Ohr und das Leben, Erforschung der seelischen Klangwelt, Solothurn und Düsseldorf 1995
[2] s. URL http://www.zeit.de/2009/53/B-Singen
30.5.2017

Karl Adamek (* 1952) und Wolfgang Bossinger (* 1960)

 

 

 

Auswirkungen des Singens auf den Menschen
Durch eine entsprechend geübte Haltung, Atmung und Resonanz spiegelt der Klang der Stimme unser Wohlbefinden. Dabei drückt sich insbesondere beim Singen ein archaisches und elementares Bedürfnis aus.
Der Münsteraner Musikpädagoge Karl Adamek erforscht seit vielen Jahren die Wirkung des Singens auf die psychische Entwicklung sowie auf die physische Leistungsfähigkeit des Menschen und weist empirisch die gesund­heitsfördernde Bedeutung des Singens nach. Für ihn wirkt Singen als Gesundheitserreger. Er formulierte 1996: „Das Singen ist für die gesunde Mensch­werdung und das gesunde Menschsein in seinen psychischen, physi­schen, sozialen und spirituellen Aspekten unersetzlich.“ Die Bedeutung des Singens wird als selbstbestimmte Gesundheitsgestaltung erkennbar. Darüber hinaus belegt eine Studie der Frankfurter Universität aus dem Jahre 2004 die gesunde Wirkung auf das Immunsystem. Nur wer singt, bekommt weniger Schnupfen, nicht der, der Musik passiv konsumiert.[1]
Singen als Medizin ist eine faszinierende Alternative zur pharmazeutisch geprägten Schulmedizin. Es gibt neue Erkenntnisse über Wirkung von Gesang auf die Produktion glücksfördernder Botenstoffe im Gehirn. Singen ist offensichtlich ein Lebens­elixier.[2]
[1] s. Karl Adamek, Singen als Lebenshilfe, Waxmann 42008
[2] s. Wolfgang Bossinger, Die heilende Kraft des Singens: Von den Ursprüngen bis zu modernen Erkenntnissen über die soziale gesundheitsfördernde Wirkung von Gesang, Traumzeit-Verlag 2006

 

Wolfgang Bossinger 

Singen ist ein Antidepressivum. Im Gehirn kommt es beim Singen – voraus­gesetzt man singt mit Freude – zur Ausschüttung antriebs­steigern­der und stimmungsaufhellender Botenstoffe wie Serotonin, Oxytocin und Betaendorphin. Gleichzeitig werden Stresshormone gesenkt, das Immun­system gestärkt, die Atmung vertieft und das Herz-Kreislauf-System aktiviert.
[…]
Singen ist eine der ältesten Kulturtechniken der Menschheit gegen Angst und Verzweiflung, es beruhigt und hat eine befreiende Wirkung. In allen Weltkulturen war Singen ein gemeinschaftliches Erlebnis, an dem alle beteiligt waren, so wie beim gemeinsamen Essen. In unserer perfektionistischen und leistungsorientierten Gesellschaft ist es zu einer bedauerlichen Hemmung gekommen – viele trauen sich einfach nicht mehr zu singen, weil sie glauben, ihre Stimme sei nicht schön genug oder sie könnten die Töne nicht halten. Ich beobachte aber, dass fast jeder, der sich schließlich doch traut, schnell merkt, wie gut ihm das tut und wie intensiv die dabei entstehenden positiven Gefühle sind. […] Und sie erleben, wie wohltuend das Miteinander in der Gruppe sein kann.
[…]
Die Stimme ist unsere psychoemotionale Visitenkarte, wenn wir reden klingt immer auch durch, wie es uns geht. Unser Gehirn ist schon aus evolutionsbiologischer Sicht darauf programmiert, im Klang der Stimme unseres Gegenübers etwa Wut und Gefahr zu erkennen oder zu überprüfen, ob der andere vertrauenswürdig ist. Die Stimme hat viel mit der jeweiligen Stimmung und dem Selbstwertgefühl zu tun – wir geben den Ton an oder klein bei. Die Befreiung der eigenen Stimme durch das Singen und angeleitete Übungen zur Stimmentfaltung macht uns im wahrsten Sinne des Wortes schwingungsfähiger. Mit einer warmen, resonanzfähigen Stimme werden wir als herzlicher und offener wahrgenommen.[1]
[1] Psychologie heute, Dezember 2010: 63