4.7.2020

Wo man singt, laß dich ruhig nieder (Johann Gottfried Seume 1763-1810) V

Rolf Verres (* 1948)

Es gibt überhaupt keinen Zweifel daran, daß Singen die seelische und körperliche Gesundheit fördern kann. Singen kann ein Ventil für aufgestaute Emotionen bedeuten. Singen kann eine körperliche Energetisierungsstrategie sein, zum Beispiel bei Depressionen oder Schmerzen. Singen kann ein Medium der Selbstbegegnung und der Selbstre­flexion werden. Singen kann ganz einfach Glück bedeuten. Das Gefallen an der eigenen Stimme kann die Entwicklung der eigenen Identität fördern. Leistungsorientiertes Vorsingen in der Schule kann aus diesem Grunde schnell gefährlich werden. Verordnetes Singen kann kontraproduktiv sein und traumatische Erlebnisse mit sich bringen. Singen ist nicht nur wichtig in positiven, sondern auch in negativen Stimmungen. Singen ist zugleich Gesund­­heitsverhalten. Es fördert die Entfaltung des Menschen auf allen Ebenen. Singen ist durch nichts anderes ersetzbar.
Menschen, die über einen positiven Zugang zum Singen verfügen und tatsächlich oft viel singen, sind gegenüber denen, die diesen Zugang nicht haben, in Bezug auf ihre Alltagsbewältigung im Vorteil und durchschnittlich seelisch und körperlich gesünder. Singen bereitet Freude und kann Erfahrungsbereiche öffnen, die bis in die spirituelle Dimension des Menschen reichen. Singen ist fast jedem zugänglich, unabhängig von Alter, Geschlecht, Bildungsstand usw. Singen ist jederzeit und fast überall möglich.
Singen ist Teil der humanen Existenz des Menschen im kulturellen Kontext. Singende Menschen bewältigen ihr Leben besser als Nichtsingende.[1]
[1] URL http://gesangverein-reinsbronn.de.tl/F.ue.r-Seele-und-K.oe.rper.htm 14.6.2014

Auswirkungen des Singens auf die Gemeinschaft

Yehudi Menuhin (1916-1999)

Wir vermögen durch Gesang unsere Welt und unser Handeln zu beseelen, singend Liebe, Freude, Hoffnung und Zuversicht zu schenken, uns aber auch den Schmerz von der Seele zu singen und unser Herz durch Verzeihen zu beschwingen: wir vermögen zum Lobpreis der Schöpfung einigender Gesang zu sein.[1]
[1] s. Zur Bedeutung des Singens

Nicht nur Gedichte, sondern auch Lieder, vor allem Volks- und Kirchenlieder, haben einen hohen Erinnerungswert für alte Menschen. Sie sind Teil des Langzeitgedächtnisses. Auch demente Menschen erinnern und erfreuen sich immer wieder an Liedern, die sie früher häufig gesungen haben.

Ihre Gruppenwirkung entfaltet die Musik im wesentlichen über den Rhythmus. Das gilt sowohl für den Tanz als auch für den Drill. Alle Militärs mobilisieren ihre Massen durch Musik. Auf Grund des beim Singen entstehenden Gemeinschaftsgefühls hält das Militär auch heute noch am Gleichschritt festhält, obwohl dieser beim tatsächlichen Kampfeinsatz keine Bedeutung mehr hat. Singen im Kollektiv führt zu Selbstlosigkeit und damit zu Kooperation.
Wer singt, schreibt der Musikwissenschaftler Ernst Klusen (1909–1988), wächst über sich hinaus, gerät „außer sich“. Er verschafft sich Gehör, weit jenseits der Reichweite seiner normalen Sprech­stimme. Aber auch der Gesang entwickelt seine Wirkung meist erst im Rahmen eines gemeinsam zelebrierten Rituals. Er beschwört nicht nur Götter und Geister, sondern vor allem den Zusammenhalt unter den Menschen. Singen schafft Ausgleich, fördert Übereinstimmung und Harmonie in der Gruppe. Auch das erfordert von den Mitsingenden eine Verwandlung: Wer mit anderen die Stimme erhebt, muß etwas von sich preisgeben, muß für kurze Zeit seinen Intellekt zum Schweigen bringen, „in gewissen Grenzen sogar seine Individualität aufgeben“.[1]
[1] URL http://www.nordheide-chor.de/kling-klang-1/jugendchor-kling-klang-nordheide/schatztruhe/ 14.6.2014

Bedeutung des Singens im Kindesalter
Laut einer Studie von Karl Adamek (* 1952) bestehen Kinder aus Kindergärten, in denen gesungen wird, deutlich häufiger den Schultauglichkeitstest, zeigen eine bessere Sprachentwicklung und eine bessere kognitive und koordinative Entwicklung, sind psychisch und körperlich gesünder und verfügen über eine höhere emotionale Intelligenz.[1]
[1] s. URL http://shop.singende-krankenhaeuser.de/shop/die-heilende-kraft-des-singens.php 30.5.2017

Da Singen die Lernmotivation, Sprachgewandtheit und Kreativität von Kindern steigert, sollte ihm in deren sozialem Umfeld von Familie, Kindergarten und Schule ein besonderer Stellenwert zukommen.

Unter der Überschrift „Viel mehr als nur Schmuck – Herz und Mund - vorübergehend nicht erreichbar: Was fehlt, wenn in den Kirchen nicht gesungen wird.“ zeigte Melanie Wald-Fuhrmann in der F.A.Z. vom 16. Mai 2020, in der Zeit der Corona-Krise, in der Singen in den Gottesdiensten untersagt war, den Wert und die Notwendigkeit des Singens und der Musik auf.

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