30.6.2020

Wo man singt, laß dich ruhig nieder (Johann Gottfried Seume 1763-1810) I

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In unserer Zeit scheint das Singen bedroht zu sein. Vielleicht ermutigt die in Folge erscheinende Reihe über das Lied zum Singen.

Unter der Überschrift „Ständchen, Schlaflied oder doch ein Kriegsgeschrei? Der Mensch schmückt sich selbst auf jede nur erdenkliche Weise. Wann aber entstand die Musik? Und wozu wurde sie geschaffen? Mythologie, Philosophie und Religionen liefern wichtige Antworten zum Ursprung des Homo musicus“ ging Melanie Wald-Fuhrmann in der F.A.Z. vom 15. Februar 2017 der Frage nach, wie der Mensch zur Musik kam und anfing zu singen.
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Link zur Ankündigung des Vortrages „Ständchen, Schlaflied oder Kriegsgeschrei? –Theorien zum Ursprung der Musik und ihrer Funktion für den Menschen” von Prof. Dr. Melanie Wald-Fuhrmann im Rahmen der Stiftungsgastprofessur „Wissenschaft und Gesellschaft“ am 8. Februar 2017, veranstaltet von der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung und der Goethe-Universität Frankfurt.

Yehudi Menuhin (1916–1999), einer der größten Geigenvirtuosen des 20. Jahrhunderts, verfaßte 1999 zur Jahrtausend­wende als Schirmherr von „Il canto del mondo“ folgenden Text:
„Das Singen ist die eigentliche Muttersprache des Menschen: denn sie ist die natürlichste und einfachste Weise, in der wir ungeteilt da sind und uns ganz mitteilen können – mit all unseren Erfahrungen, Empfindungen und Hoffnungen. Das Singen ist zuerst der innere Tanz des Atems, der Seele, aber es kann auch unsere Körper aus jeglicher Erstarrung ins Tanzen befreien und uns den Rhythmus des Lebens lehren. […]
Singen gehört fraglos zur Natur des Menschen, so daß es gleichsam keine menschliche Kultur gibt, in der nicht gesungen würde. In einer Zeit, in der die natürlichen und geistig-seelischen Vermögen der Menschen immer mehr zu verkümmern scheinen, so daß möglicherweise unsere Zukunft überhaupt bedroht ist, brauchen wir notwendig alle nur möglichen Quellen der Besinnung, die uns offen stehen. Singen birgt nun unvergleichlich das noch schlummernde Potential in sich, wirklich eine Universalsprache aller Menschen werden zu können: Im Singen offenbart sich der gesamte Sinn- und Sinnenreichtum der Menschen und Völker. Dieser einmalige Sprachschatz darf uns nicht verloren gehen, was aber tatsächlich zur Zeit geschieht. Deshalb gilt es, das Singen nicht nur zu bewahren, sondern weltweit zu fördern. […]
Wenn wir Menschen uns selbst als Klangkörper, als Musikinstrument in der Sinfonie der Schöpfung begreifen und uns singend immer wieder auf’s Neue befrieden lernen, dann können wohlmöglich – mit unserer eigenen Gesundung durch die Musik einhergehend – auch die durch uns verursachten Verwundungen der Erde heilen.
[1] s. Zur Bedeutung des Singens

Früher war Singen in unserer und auch in anderen Kulturen derart selbstverständlich in den Alltag integriert und die Fähigkeit zu singen wurde so organisch tradiert, daß man sich über den Stellenwert des Singens für Individuum und Gesellschaft kaum Gedanken machte. Heute erklingen viel­fach Tonträger und das Singen unterbleibt. Singen erfüllt nicht mehr alle Lebensbereiche vom Wiegenlied bis zur Totenklage.

Alfred Tomatis (1920–2002) findet in all seinen Forschungen überzeugende Belege dafür, daß das Singen der Mutter und des Vaters für das ungeborene Kind sowie für den Säugling und mit dem Kleinkind zentrale Bedeutung für die gesunde Entwicklung des Kindes hat.[1]
[1] s. Alfred Tomatis, Das Ohr und das Leben, Erforschung der seelischen Klangwelt, Solothurn und Düsseldorf 1995

Singen wirkt sich positiv auf die Gesundheit aus; denn der Mensch kann dadurch Selbstheilungsprozesse in Gang setzen und zum Beispiel das Gemüt belastende Empfindungen von Kummer, Leid, Angst oder auch Streß verarbeiten und bewältigen.