14.7.2021

Wurzel des Baumes

Bei allen Völkern lebt die Vorstellung von einem Weltenbaum. Tief greifen seine Wurzeln in die Erde, senkrecht steigt sein kräftiger Stamm empor, hoch hinauf dem Himmel zu strebt seine Krone. So wird der Baum zum Mittler zwischen dem Unterirdischen, dem Oberirdischen und dem Himmel. Vergleichbar steht so auch der in Christus erlöste Mensch da, in der Buße aufgerichtet aus seiner In-sich-Gekrümmtheit.

Je dürrer der Baum ist, desto tiefer senkt er seine Wurzeln ins Erdreich hinab, sie streben zum Grundwasser. Ebenso lassen erst Dürre und Trockenheit in unserem Leben uns die tiefsten Tiefen in unserem Innern finden, in denen noch lebenspendendes Wasser quillt, wenn unsere Wünsche zerschellen und unsere Hoffnungen scheitern. Unsichtbar und geheimnisvoll ruhen die Wurzeln des Baumes in der Erde und geben ihm Stütze und Halt. Halt und Stütze im Leben der Menschen geben nicht diejenigen, die im Licht der Sonne leben, sondern diejenigen, die unbeachtet täglich treu und unauffällig ihre Pflicht erfüllen.

Wir Menschen sehen zwar den Baumstamm machtvoll in die Höhe streben, bemerken jedoch nicht, wie mühsam er aus Erde und Steinen hervorgewachsen ist. Ebenso verhält es sich mit dem Erfolg, die Entbehrungen, Mühen und Enttäuschungen, aus denen er erwächst, sind unsichtbar.

Die Heilige Schrift spricht von der „Wurzel Jesse“ (Jes 11,1.10). Aus dem schlafenden Isai-Jesse sprießt der Stammbaum Jesu. Aus dem wie tot daliegenden Wurzelstock erwächst neues Leben, ein grüner Sproß entspringt. Die Erfahrung, daß aus einem abgehauenen Baumstumpf neues Leben erwächst, mag den frühen Menschen ein Bild für die Auferstehung gewesen sein und ihren Glauben an ein Weiterleben bestärkt haben.

Jede Wurzelfaser, jeder Zweig, jedes Blatt und jede Blüte sind einmalig und leben ihr Eigenleben, aber doch nur so, daß dieses erst aus dem Leben des Ganzen entspringt und in dieser Abfolge wieder das Leben des Ganzen bedingt. So sollte es auch unter uns Menschen und in unserer menschlichen Gemeinschaft sein; denn der Wille eines einzelnen zur Macht und Vorrangstellung tötet die Gemeinschaft. Ein Baum ist für die Dauer seines Lebens mit seinen Wurzeln an die Tiefen des Erdreiches gebunden; von dort bezieht er seinen Halt und sein Wasser. Er ragt mit seinem Stamm und seiner Krone in den Himmel, breitet sich aus und spendet Nahrung und Schatten.

Der Lebensbaum grünt und blüht ewig, seine Früchte verleihen Gesundheit, Jugend und Unsterblichkeit. Schon im Paradies steht er in der Mitte, wo ein Strom entspringt, der sich in vier Hauptwasser teilt (vgl. Gen 2,10).

Neben dem Baum des Lebens gibt es im Paradies den Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen. Als Zeichen der Entscheidung steht der Baum der Erkenntnis am Lebensbeginn der Menschheit. Die ersten Menschen essen von ihm und Gott vertreibt sie aus dem Paradies, damit sie nicht auch noch vom Baum des Lebens essen und ewig leben (vgl. Gen 3,24). So aber hat der Mensch sich den Tod geholt. Gott wird in Jesus Mensch, der für uns am Baum des Kreuzes stirbt, damit wir leben.

In der Offenbarung des Johannes wird der Lebensbaum mitten im Strom des Lebenswassers genährt (vgl. Offb 22,2). Im Wasser der Taufe wurden wir Kinder Gottes.

Bäume lehren uns auch etwas von Planung. Die Früchte des Baumes, den ein Mensch pflanzt, können oft erst seine Nachkommen ernten. Einen Baum zu pflanzen, ist ein Hoffnungszeichen gegen Weltuntergangspropheten.

„Was würdest du jetzt tun, wenn morgen die Welt unterginge und du sterben müßtest?“, lautet eine berühmte Frage und ebenso berühmt wurde unter anderen die Antwort des Reformators Martin Luther (1483-1546): „Ich würde noch heute ein Apfelbäumchen pflanzen.“

Im Baum sehen wir das Vergangene sich unten, das Künftige sich oben ausbreiten.

Ein Brautpaar kündigte in seiner Hochzeitsanzeige an: „Wir wollen eine Baumschule gründen.“ Als sich das erste Kind ansagte, verbreiteten sie die Nachricht: „Wir forsten auf.“

Junge Menschen kommen in ein Seminar (seminare lat. – säen oder seminarium lat. – Baumschule). Sie heißen dann Seminaristen.

Wie viele Symbole ist auch das Baumsymbol ambivalent. Der Baum ist nicht nur Geburts-, sondern auch Todesstätte, nicht nur Lebens-, sondern auch Todesbaum. Jesus Christus wurde ans Kreuzesholz geschlagen, und Judas erhängte sich nach seinem Verrat an einem Baum. Der Baum wird auch zum Ort des Todes, wenn unter ihm schutzsuchende Menschen vom Blitzschlag getroffen werden, und immer wieder passiert es bei Unwetter, daß umstürzende Bäume Menschen erschlagen.

Der depressive Mensch ist zu sehr erdgebunden, dem Traumtänzer dagegen fehlt der Kontakt zur Erde. „Wer die Erde nicht berührt, kann den Himmel nicht erreichen.“