21.2.2020

Zu früh geboren werden – zu spät sterben

Bei dem, was wir Geburt nennen, handelt es sich um eine Frühgeburt; denn das gerade geborene Menschenkind ist unter anderem noch unfähig, allein die Mutterbrust zu finden. Aber sein Gehirn hat bereits die Maximalgröße erreicht, die ihm erlaubt, die mütterliche Schwelle in die Welt hinein zu überschreiten. Es verlangt dann nach einer neuen Welt der Stimulierung, damit es sich entwickeln kann.

Ein neugeborenes Kind ist kein unbeschriebenes Blatt, das erst im Laufe der familiären Sozialisation mit Text gefüllt wird, vielmehr werden schon die Erfahrungen im Mutterleib zu einer Art Orientierungskarte von der Welt.

Es handelt sich zwar um zwei physische Körper, dem der Mutter und dem des Kindes, die aber in der Bewußtseinsebene vereint sind. Es muß später zu einer psychischen Loslösung des Kindes von der Mutter kommen.

Nach der leiblichen Geburt soll eine Lebensgeschichte geschrieben und ein Bild entwickelt werden, das Gott für einen jeden von uns entworfen hat. Wieviel Angst vor dem Leben begegnet aber schon einem Neugeborenen. Obwohl es ein Glück ist zu leben, schreit das Kind zunächst nach der Geburt. Es ist die erste Todesbe­drohung; denn der Weg ins Leben führt durch die Enge des Geburtskanals. Ein Kaiserschnitt kann die Widerstandskraft im Leben mindern, weil wir uns nicht durch den Geburtskanal drängen mußten.

Unmittelbar nach der Geburt

Möglicher­weise kommt ein Kind ganz wach zur Welt, Hebammen wissen von einem solchen Ein­druck zu berichten. Dann aber vollzieht sich die gesamte Prozedur, die nach einer Geburt vorgesehen ist, an dem neugeborenen Menschenkind, und erst dadurch wird es zum Baby. In der Umkehrung des Märchens vom Froschkönig könnte man sagen, wir kommen als Prinzen auf die Welt und werden zum Frosch.

Einer talmudischen Geschichte zufolge erscheint, wenn ein Kind geboren wird, ein Engel und berührt dessen Stirn, auf daß es alles Wissen, mit dem es auf die Welt kommt, vergesse. Im Laufe des Erwachsenwerdens muß es alles neu erwerben, falls es nicht irgendwann zu bequem dazu ist oder durch widrige Umstände daran gehindert wird. Wir haben also durchaus die Chance, alt und weise zu werden.

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Wir Christen sind überzeugt, daß etwas wie ein „Leben im ewigen Gedanken Gottes“ vor der Empfängnis/Geburt existiert und nach dem Sterben/Tod etwas kommt, was wir „Ewiges Leben bei Gott“ nennen.

Wir sind nach dem Bilde Gottes erschaffen (vgl. Gen 1,26). Am Anfang steht nicht nur die Macht Gottes als männliches Wort (dabar), sondern auch als weiblicher Geist (mach) (vgl. Ps 33,6); „mach“ ist sogar das, was Ganzheit schafft als Bild- und Wirkkraft. In dieser Bildkraft ruhen alle Informationen des Lebens. Sie ist Träger verschiedenster, auch geheimnisvoller Informationen und deswegen auch so vieldeutig. Nach dem Tod werden wir ganz „im Bilde sein“.

Wir kommen aus dem Gedanken Gottes und unser Ziel ist das Leben bei Gott. Menschliches Leben insgesamt ist wie das Schwimmen im Weltenozean, wie das Erreichen einer Insel, wie das Wandern über diese Insel und wie das Wiedereintauchen in den Weltenozean. Dem irdischen Leben entspricht das Gehen über diese Insel.

Dem Verbundensein mit dem Unendlichen entspringt der Wunsch, etwas Bleibendes zu schaffen, eine Fußspur auf dem Lebensweg zu hinterlassen, die nicht ganz verwischt wird. Es besteht der geheime Wunsch, im Text des Lebens wenigstens als Fußnote zu überdauern.

Der Mensch sollte nicht nur nach der ewigen Glückseligkeit streben, sondern er darf es auch nach hiesigem Glück und Gelingen, er muß es sogar, er kann gar nicht anders. Denn der Mensch kann nicht wollen, unglücklich zu sein. Das Stück auf der Insel ist das Leben.

Es gibt ein Leben auch vor dem Tod, in dem man gefeit sein sollte, die große Wahrheit des Todes zu vergessen. Es gilt, was der Biograph des heiligen Martin Sulpicius Severus (ca. 363-ca. 424) über diesen sagte: „Er fürchtete sich nicht zu sterben und weigerte sich nicht zu leben.“ Auf dem Weg des Lebens stolpert der Mensch, da er einem Mißverständnis erliegt, statt bei Gott zu sein, will er wie Gott sein. Dieser Sündenfall beeinträchtigt den Weg sehr und ist der Grund dafür, daß der Mensch sich Mühe geben muß, das Ziel zu erreichen.

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Heutzutage ist sich der Mensch weder des Lebens noch des Sterbens sicher. Zu wenig wird der Natur überlassen, zu viel greift der Mensch durch sein medizinisches Können ein. Ja er träumt davon, unsterblich zu werden.

Der Mensch hat keinen Einfluß darauf, wie er gezeugt und geboren wird. Es finden vermehrt ohne Sex und ohne Liebe künstliche Befruchtungen durch eine Übertragung der Samenzellen direkt in die Gebärmutter, intrauterine Inseminationen, sowie In-vitro-Fertilisationen, Zeugungen im Labor, statt.

Am Ende spielt uns die Medizin einen Streich, weil wir um jeden Preis am Leben erhalten werden sollen, auch wenn es nicht mehr lebenswert ist. Ein besonderes Problem stellt die Organspende dar, weil der natürliche Sterbeprozeß, der nicht im Überschreiten einer Grenzlinie besteht, dabei abrupt beendet wird.

Ich träume davon, im Sterben dort wieder aufzuwachen, wo ich herkomme, im All-EINEN, das ich Gott nenne. Die Schleier werden fallen, und ich bin wieder daheim.

Siehe auch „Leben und Tod - Der Mensch im Augenblick der Geburt und des Sterbens“.