7.2.2020

zu früh – pünktlich – zu spät

Wie gehen wir mit der Zeit richtig um?

Meine Erfahrung mit Pünktlichkeit zeigt, daß es diesbezüglich drei Arten von Menschen gibt. Einige erscheinen immer zu früh, andere sind mit dem Glockenschlag da, und wieder andere kommen regelmäßig zu spät.

Erst die technischen Uhren vermitteln uns eine genaue Zeit. Im Weltall gibt es keine Pünktlichkeit, so wie nach Friedensreich Hundert­was­ser (1928-2000) die gerade Linie eine Got­teslästerung ist; denn in der Na­tur kommt sie nicht vor, eben­so­wenig wie der vollkommene Kreis.

Die praktischen Bedürfnisse der Kalenderberechnung, die ta­ges- und jahreszeitlichen Erfordernisse und die Probleme der Positionsbestimmung bewogen die Menschen, den Lauf der Gestirne zu erkunden. Inzwischen ist eine Schaltsekunde nö­tig, weil die Atomuhren gleichmäßiger ticken, als sich die Erde dreht, die Uhrzeit aber sehr genau mit der mittleren Sonnen­zeit in Übereinstimmung gehalten werden soll. Ein Kalender­jahr ist rund 27 Sekunden länger als ein Sonnenjahr. Da unser Planet etwas mehr als 365 Tage braucht, um einmal die Sonne zu umrunden, gerät der Kalender trotz mancher Schaltjahre durcheinander.

Wer will da pünktlich sein? Wonach will er sich richten?

Unpünktlich sein gilt als unhöflich. Verspätung wird als Beleidigung angesehen. Diesbezüglich spielt allerdings die Mentalität der Menschen eine Rolle. Den Deutschen geht der Ruf absoluter Pünktlichkeit voraus. Bei den Südländern läßt sich Pünktlichkeit kaum mit ihrem Lebensstil vereinbaren und genießt keinen hohen Stellenwert. Bei Verabredungen gibt man zwar eine Uhrzeit an, aber lediglich um eine etwaige Orientierung zu haben. Verspätungen von einer halben Stunde sind durchaus legitim.

In der Deutschschweiz gilt es als höflich, ungefähr fünf Minuten vor dem verabredeten Zeitpunkt einzutreffen, in der französischen Schweiz jedoch ungefähr fünf Minuten nach dem verabredeten Zeitpunkt.

Die Menschen in Südamerika verstehen unter einem Termin um 10.00 Uhr eher „später Vormittag“, das heißt irgendeine Zeit zwischen ungefähr 9.30 Uhr und Mittag und sind so nach westlichem Zeitverständnis zwangsläufig unpünktlich.

Mit der mechanischen Uhr, vor allem aber mit der Quar­z­uhr, verab­schiedete sich der Mensch von der Verwaltung na­tür­­licher Zyklen, um sei­ne eigene und unabhängige Zeit zu er­finden. Der stetige Fluß der Zeit wurde in ein drehendes Rä­derwerk übersetzt.

Es ist die Kunst der Natur, daß nicht alles gleichzeitig ge­schieht. Der Umgang mit Unendlichkeit und Ewigkeit über­for­dert den menschlichen Geist. Unendlichkeit ist schon ein Wi­der­spruch in sich, da sich bereits der Begriff aus lauter End­lich­keiten zusam­mensetzt.

Das unzeit­liche JETZT ist als etwas Übersinn­liches ohne Bezug zum ird­ischen Zeiterlebnis zu begreifen; denn es liegt jenseits von allem Raum-Zeitlichen. Die Ewigkeit ist das alleini­ge JETZT. Im JETZT sind Zeit und Ewigkeit eins. Die Qualität eines erfüllten gesunden Lebens hängt davon ab, wieviel Zeit und Aufmerk­sam­keit wir dem Augenblick schenken und mit wel­cher Qualität und Intensität wir ihn wahrnehmen und be­wer­ten.

JETZT ist der entscheidende Augenblick und der einzige in der Ewigkeit, die immer nur gleich und unverändert Liebe ist, ohne Vergangenheit und Zukunft. Endlose Dauer auf Erden hat keinen Sinn, sie wäre nur ein Nachschlag auf das endliche Le­ben. Wer in der Gegenwart lebt, lebt ewig. Wir sollten im Jetzt le­ben, alles andere ist ohnehin Fiktion. Das Tor zur Zeit­losigkeit ist die Gegenwart.

Minuten bleiben Minuten, aber das subjektive Zeit­emp­finden verändert sich. Die gelebte Zeit unterscheidet sich von der tatsächlichen Zeit. „Wenn man mit dem Mädchen, das man liebt, zwei Stunden zusammensitzt, denkt man, es ist nur eine Minute; wenn man aber nur eine Minute auf einem heißen Ofen sitzt, denkt man, es sind zwei Stunden – das ist die Rela­tivi­tät.“ (Albert Einstein 1879-1955) „Die Uhr schlägt keinem Glücklichen.“ (Friedrich von Schiller 1759-1805) Wir ha­ben für alles Erdenkliche ein Sinnesorgan, aber keines für die Zeit.

Das Grundprinzip der Allgemeinen Relativitätstheorie klingt einfach, ist jedoch revolutionär: Masse deformiert das Gewe­be aus Raum und Zeit. Wo besonders viel Materie versammelt ist, ist der Raum gekrümmt, die Zeit vergeht langsamer.

Die Vergänglichkeit erlebt man gefühlt je nach Alter unter­schiedlich. Der mit zunehmendem Alter näherrückende Tod ist dabei ein entscheidender Faktor. Es gibt aber auch die Zeit des stehenden Augenblicks, die uns heraushebt aus dem Strom verrinnender Zeit, ganz gleich in welchem Alter.

Das Leben ist nur dann zu kurz, wenn der Mensch die ihm zur Verfügung stehende Zeit nicht richtig nutzt.

CHRIST  IN  DER  GEGENWART Nr. 49 / 8. Dezember 2019

pünklichkeit