5.2.2020

Zum Glauben gehört der Zweifel

Kirche + Leben Nr. 49 vom 8.12.2019 zitierte in dem Artikel „Jauch glaubt an ein Leben nach dem Tod“ unter anderen die Äußerung von Günther Jauch, er sei „nie ein Zweifelnder“ gewesen.

Zum Glauben und zur Liebe gehört der Zweifel; denn dort sind kei­ne Beweise möglich. Nur dem Agnostizismus ist jeder Zwei­­­fel fremd.

Die Fragen um Zweifel und Wahrheit sind Be­zie­hungsfragen. Erst die Fähigkeit zu zweifeln macht uns menschlich. Glau­be ist suchender Zweifel. Zweifel beinhaltet das Akzeptieren des Bezweifelten. Der Zweifel ist der Vorhof zum Tem­pel. Wer Zweifel hat, hängt einem Glauben an, nicht einem Wissen. Wo der Zweifel blüht, fruchtet die Er­kennt­­nis. Wir müssen glau­­ben, wenn wir nicht verzweifeln wol­len. Während der Be­trug sich bewei­sen läßt, ist die Treue im­mer mit einem Zwei­­fel behaftet.

Der Glaubende lebt aber von einem Glauben, der vom Zwei­fel gestört wird. Dieser ist eine grundlegende Un­ge­wiß­heit, die sich nicht leicht von Glauben oder Nichtglauben aus der Bahn werfen läßt.

Glaube bedarf immer wieder der Erneuerung, weil er kein unverlierbarer Besitz ist und häufig durch Er­fahrungen, die ihm zu widersprechen scheinen, in Zweifel und Anfechtung gerät.

Zweifel beinhaltet das Akzeptieren des Bezweifelten. Glaube soll nicht dazu benutzt werden, fertige Antworten zu finden.

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 Aus einem Vortrag in der Katholischen Akademie Stapelfeld am 7. Dezember 2014

Ein Leben zwischen „Ungewißheit und Wagnis“ und „absoluter Sicherheit“ (Peter Wust)
Karl Leisner in der Spannung zwischen Glaube und Zweifel

Als Karl Leisner zu Silvester 1938 folgendes selbst formuliertes Gedicht schrieb, dachte er an das zu Ende gehende Jahr und blickte auf das kommende Jahr 1939, das er Weihe-Jahr nannte; denn er sollte in dem Jahr die Subdiakonen-, Diakonen- und Priesterweihe empfangen.

Dank Dir großer Gott,
Lob und Preis und Ehr’,
Daß Du mich nach aller Not
Gestellt hast in Dein Heer.

Schweren Zweifel ließ’st Du kommen,
Doch des Gnadenrufes Stärke
Hat sie mir all’ weggenommen.
Hier bin ich: zu erfüllen Deine Werke!

Dir danke ich aus Herzensgrund,
Dir singe ich in Sang und Schweigen
Für des vergangnen Jahres Stund’,
Für gutes End’ vom wilden Reigen.
Im Neujahr führ mich gnädiglich!
Dein Priester, willst Du, soll ich werden.

Karl Leisner in seinem Tagebuch:

Münster, Dienstag, 16. November 1937
Etwas Echtes noch: [Professor] Peter Wust dedizierte unserm Hochwürdi­gen Herrn Bischof [Clemens August Graf von Galen] sein Buch „Ungewiß­heit und Wagnis“.[1] Dessen Antwort war: „Ich freue mich ja über Ihre Bücher, Herr Professor. Aber ich weiß nichts damit anzufangen. Für mich ist die christliche Religion weder Ungewißheit noch Wagnis.“ – Welch eine Sicher­heit, Klarheit, Ruhe und Heiligkeit, welch ein bergeversetzender Glaube der Zuversicht liegt in dem Wort. Da schweigt der Philosoph vor der Weisheit des Heiligen, der im Glauben fest steht![2]

Karl Leisner lebte in einer Zeit, die ich auch noch mitbekommen habe, in der man nicht zweifeln durfte. Dabei gehört zum Glauben auch eine Priese Zweifel. Wenn ich sage: „Ich glaube, heute ist Sonntag“, dann ist der Begriff Glauben falsch angewendet, denn das kann ich überprüfen und in Wissen überführen. In Beziehungen aber kann es nicht um Wissen gehen, sondern da ist Glauben angezeigt und das ist mehr als Wissen. Wenn mir einer sagt „Ich liebe Dich!“ dann kann meine Antwort nicht sein „Ich weiß das“ vielmehr ist angebracht zu sagen „Ich glaube Dir!“

Karl Leisner bewundert die Haltung seines Bischofs und bringt indirekt zum Ausdruck, daß er noch nicht so weit ist. Er meint aber, so weit kommen zu müssen. Er hat in den jungen Jahren noch nicht genügend reflektiert, daß zum Glauben auch der Zweifel gehört, wie zu der Liebe auch.

Josef Pieper:
Zu dem engeren Kreise um Peter Wust habe ich nicht gehört. Es be­durfte aber wohl auch keiner intimeren Kenntnis, um zu wis­sen, wie sehr der Gegenstand seines geschlossensten und bleibend­sten Buches „Un­gewiß­heit und Wagnis“[3] zugleich sein höchst per­sönliches Thema gewe­sen sein muß.[4] Dieser von Gestalt kleine, zartgliedrige, fast körper­lose, äußerst sensible und nervöse Mensch, dessen Vitalität wie wegge­sengt war durch die unhemm­bare Flamme der denkerischen Leiden­schaft, ver­mochte na­türli­cherweise die Ge­fährdungen des Daseins mit der Emp­find­lichkeit ei­nes Seismographen wahrzunehmen, so daß auch bereits Be­dro­hungen, die der Durchschnittsmensch kaum zu beachten pflegt, mit Erschütterungen beantwortet wurden, die oft nahe daran schienen, das Gefüge zu sprengen. Ein Nichts genügte, den allzu sehr Verwundbaren völlig zu verstören und aufzuwühlen; nicht selten deutete er eine harm­lose Robustheit als gezielte, mit Be­dacht ausgeheckte Krän­kung; die lei­sesten ge­sund­heitlichen Stö­rungen wurden mit fast hypo­chondrischer Über­trei­bung wichtig genom­men; wenn es hieß, Peter Wust sei nicht dazu zu bringen, jemanden zu be­suchen, der den Schnupfen habe, so war das zwar sicher eine Legende (die übrigens seine Populari­tät be­weist) – aber sie hat doch die Richtigkeit einer gelungenen Kari­katur.

Neben einer Vorlesung über das Wesen der Gewißheit am 15. Juni 1934, gab es auch eine über die Ungewißheit und den Zweifel am 26. Juni 1934:
4. Die Ungewißheit oder der Zweifel
22. (§ 19) Vom Wesen des Zweifels
Wust

Erstaunlich, was Karl Leisner bereits 1939 schrieb:

Münster, Montag, 30. Januar 1939
Meine Seele verkümmert, und sie sollte doch aufblühen zum Herrn in Glauben und Lie­ben. Manchmal möchte ich schreien wie ein wundes Tier. Aufschreien vor – ja ich weiß selbst nicht. Ich will Gott dienen und Sein Reich bauen. Und dazu hat Er mich gerufen. Ich möchte als Timotheus mit Paulus ziehen.[6] – Aber heute – jetzt. Dieser Bürokratismus! Herrgott, verzeih mir, aber ich leide entsetzlich unter dem Gedanken, daß man die Welt entflammen soll als solch erbärmliches Rädchen in einem fein ausgeklügelten Mechanismus. Ich könnte innerlich kaputtgehen in diesem „Klerikalismus“ oder wie man dies nennen soll, in diesem Stehkragenformat, eingepreßt in diese Formen. – „Keiner hat das Recht, heute mittelmäßig zu sein“ – so sagt der große Pius [XI]. Ach Gott! Ich möchte fliehen ins Gebirge mit Chrysostomus[7] und Zwiesprache halten mit euch, ihr ragenden Zeugen Seiner Herrlichkeit und mit dem stillen Himmel. – Dann würde ich ja vielleicht auch das Geheimnis der Sacra Hierarchia Ecclesiae [heiligen Hierarchie der Kirche] verstehen – das leibgebundene, abgestufte, stille Sein der Kirche: als stilles Wirken der ewigen Güte Gottes.

Freiburg/Br., Dienstag, 14. November 1939
Sogenannte Vorführung. (Engelgasse über dem Einwoh­nermeldeamt[8]). Ich bin vollkommen ruhig, ja froh; denn ich bin mir meines reinen Gewissens und [meiner] sauberen Gesin­nung bewußt. Und wenn ich vor Gottes klarem Richter­blick bestehen kann, was können Menschen mir dann schon antun!
Gott, ich danke Dir für alle Wohltaten, die Du so reichlich über mich ausge­gossen. Ja, ich danke Dir für die Tage der schweren Krank­heit, und jetzt wiederum für die Tage der Un­freiheit und Gefan­genschaft. Alles hat seinen Sinn, Du meinst es überaus gut mit mir.

[1]  Wust, Peter: Ungewißheit und Wagnis, München 1937
[2]  Heinrich Portmann:
Als einst der Philosophieprofessor Wust, dessen apostolisches Wirken er [Bischof Clemens August Graf von Galen] zweifellos sehr schätzte, zu ihm kam und sein Buch „Ungewißheit und Wagnis“ überreichte, meinte der Bischof, für ihn sei der Glaube weder Ungewißheit noch Wagnis, solche Lek­türe sei auch, so fügte er lächelnd hinzu, nicht gut für seine Theologen (Port­mann 1950: 145).
Peter Wust schrieb vor seinem Tod auf ein Schreibtäfelchen: „Ich befinde mich in absoluter Sicher­heit.“ (s. Pieper 1979: 156–159)
auch: 7.5.1934 Josef Pieper in: Lebens-Chronik Bd. I: 645ff.
Peter Wust aus Münster am 20.4.1938 an Karl Pfleger in Bilwis­heim:
„Ungewißheit und Wagnis“ schrieb ich 1936 in zwölf Wochen – es war eine Entladung. Das sind rasch vorübergleitende Optima der Gnade – hinterher bin ich ein Häuflein abgebrannter Asche (Pfleger 1953: 252).
[3] Wust, Peter: Ungewißheit und Wagnis, München 1937
[4]  s. Tagebucheintrag 16.11.1937
[5] Der 1889/1890 geschriebene historische Roman spielt im kosmopolitischen Alexan­­dria des 4. Jh. Ein asketischer christlicher Mönch gelangt bei dem Ver­such, die heidnische Kurtisane Thaïs zu bekehren, zu der Einsicht, daß der Ver­zicht auf jegliche Sinnenfreude nicht gottgewollt sein kann.
[6]  Timotheus wurde vermutlich von Paulus selbst (1 Kor 4,17) auf dessen erster Missionsreise (Apg 14,6f) bekehrt. Um ihn auf seine zwei­te Missionsreise mit­nehmen zu können, ließ Paulus ihn beschneiden (Apg 16,1ff).
[7] Der heilige Kirchenlehrer Johannes Chrysostomus (344/354-407) empfing 369 die Taufe, wurde Mönch in einem Kloster in der Nähe von Antiochia, zog sich aber nach vier Jahren zu einem strengen Einsiedlerleben zurück.
[8] Die Geheime Staatspolizei und das Einwohner­meldeamt in Freiburg hatten ihre Diensträume im Gebäude der Polizeidirektion, dem sogenannten Bas­ler Hof, Adolf-Hitler-Straße 167 (heute Kaiser-Joseph-Straße 167). Für das Ein­woh­ner­meldeamt galt der Seiteneingang in der Engel­straße. Nach Zerstörung und Wie­deraufbau ist das Gebäude heute Sitz des Regierungsprä­sidenten des Regie­rungs­bezirks Freiburg.