25.2.2020

Zur Besinnung im Alltag der Österlichen Bußzeit 2020

Die Aufforderung „Kehrt um!“ greift das Bild des Weges auf: „Du bist auf einem falschen Weg, Du mußt umkehren!“ Umkehr beginnt mit dem Willen zur Auswegsu­che. Wer sich auf einer Bergwanderung verläuft, muß meistens bis zu dem Punkt zurück, wo er den richtigen Weg verloren hat. Wer sich einfach nur nach rechts oder links wendet, scheitert oft an unüberwindlichen Schluchten. Wer auf dem Meer den falschen Kurs eingeschlagen hat, kommt mit einer Kurskorrektur zu­recht, um das Ziel zu erreichen.

Bilder des Weges werden uns in dieser österlichen Bußzeit begleiten.

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„Wer verliert gewinnt!“
Welche Wahrheit enthält dieser Satz für die Fastenzeit?
Es ist ein unlogischer Satz, ein Paradox, aber gerade darin liegt die Wahrheit. Die obige Kurzformel geht auf das Neue Testament zurück.

Beim Evangelisten Matthäus heißt es: „Wer sein Leben gewinnen will, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.“ (Mt 10,39)

Gleich oder ähnlich lesen wir es in folgenden Schriftstellen: Mt 16,25, Mk 8,35, Lk 9,24 und Lk 17,33.
Der Evangelist Johannes schreibt: „Wer an seinem Leben hängt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben.“ (Joh 12,25)
Jesus hat schon im Gleichnis vom Scherflein der armen Witwe gezeigt, daß er nicht nur mathematisch rechnet (vgl. Mk 12,41-44; Lk 21,1-4).

Schriftsteller aller Zeiten formulieren ebenfalls tiefgründige Paradoxa:
„Weniger wäre mehr!“ (Gotthold Ephraim Lessing 1729-1781)
„Non multum, sed multa! – Vieles, nicht vielerlei! “ (Plinius der Jüngere 62-113)
„Es muß im Leben mehr als alles geben!“ (Maurice Sendak 1928-2012)
„In allem ist etwas zu wenig!“ (Ingeborg Bachmann 1926-1973)
„Sei hochbeseligt oder leide: Das Herz bedarf ein zweites Herz. Geteilte Freud’ ist doppelt Freude, Geteilter Schmerz ist halber Schmerz.“ (Christoph August Tiedge 1752-1841)

Wer nicht danach lebt, für den gilt:
„Je mehr er hat, je mehr er will, nie schweigen seine Klagen." (Johann Martin Miller 1750-1814)
„Der Hans im Schnakenloch hat alles, was er will, und was er hat, das will er nicht; und was er will, das hat er nicht!" (nach René Schickele 1883-1940)

Es geht nicht nur um eindimensionales, mathematisches, irdisches Rechnen nach Adam Riese: „Je mehr, desto besser.“ Es geht um ganzheitliches, himmlisches Rechnen. Das „Mehr“, der Gewinn, hängt nicht von der Menge ab, sondern von der Beziehung, vom Zusammenhang. (vgl. die Rose bei Antoine de Exupéry 1900-1944 Kap. XX und XXI)

Auf diese Weise ist der Arme reich (vgl. Franz von Assisi 1181-1226), und der Reiche ist ein Armer mit viel Geld. (vgl. Rainer Maria Rilke 1875-1926 und die Bettlerin mit der Rose.)

Ein wesentlicher menschlicher Aspekt, der vermutlich etwas mit der Gottebenbildlichkeit zu tun hat, kann teilen, mitteilen. Da wird etwas mehr, was rein irdisch weniger wird.

Hierher gehört auch die Krankheit „The Next“. „Ganz in der Gegenwart leben“ ist die Gesundheit.

Wie sollen wir die Gegenwart verkosten, wenn wir immer schon beim nächsten sind und nie richtig bei dem, womit wir gerade beschäftigt sind?

Uns anders zu verhalten, bedarf ständiger Übung. Es ist zugleich eine Vorbereitung, im Himmel zurechtzukommen. Wir sollen ja werden wie die Kinder, aber nicht kindisch, sondern so, daß wir immer ganz in dem sind, was gerade wichtig ist.

Die Große Theresia von Avila (1515-1582) sagt:
„Wenn Fasten, dann Fasten – wenn Rebhuhn, dann Rebhuhn.“
Hierin stecken zwei Wahrheiten:
1. Es gibt den Wechsel von Essen und Fasten.
2. Wir sollen beim Essen nicht ans Fasten denken und beim Fasten nicht ans Essen.
Weiterhin formuliert sie:
„Vorwärts, meine Töchter, nur keine Verzweiflung, wenn das Gebot des Gehorsams von euch verlangt, daß ihr euch mit weltlichen Dingen befaßt. Wenn es Küchenarbeit sein sollte, dann müßt ihr wissen, daß der Herr auch mitten unter den Kochtöpfen zu finden ist.“