27.12.2019

Zyklische Zeit – Lineare Zeit

Wir wissen nicht genau, was Zeit ist, aber wir können nicht ohne Raum und Zeit denken. Für mich ist Zeit eine Pause von der Ewigkeit. Es wundert nicht, daß in vielen Teilen der Welt jeweils andersartige Vorstellungen und Bilder von Zeit existieren.

In der zyklischen Vorstellung von Zeit geht es um die ständige Wiederkehr von Ereignissen, wobei die zyklischen Kreise von unterschiedlicher Größe sind und die Ereignisse in verschiedenen Zeitabständen wiederkehren, wie zum Beispiel Tag und Nacht, Vollmond, Halbmond und Neumond oder Frühling, Sommer, Herbst und Winter.

Während die westliche Welt sich die Zeit als etwas Lineares wie einen Pfeil vorstellt, ist für die östliche Welt das Zyklische in Form eines Kreises oder Rades ein Bild für die Zeit.

Die lineare Zeitvorstellung beschreibt die Zeit als einen fortschreitenden Strom, der irgendwo seinen Anfangspunkt hat und sich kontinuierlich auf seinen Endpunkt zubewegt. So leben wir mit der Überzeugung, daß die Zeit gleich diesem Pfeil immer in eine Richtung nach vorne schießt und dabei immer stärker beschleunigt.

Gleichzeitig werden wir aber gesteuert von den zyklischen körperlichen und seelischen Abläufen und Rhythmen, die die Natur uns vorgibt.

Das Rad dreht sich nicht nur in sich, sondern es gibt auch durch die Bewegung einen Fortschritt. Die Spirale ist das Verbindende von Kreis und Gerade, von Sichdrehendem und Zielgerichtetem.

„Wir unterscheiden Kreiszeit und lineare Zeit. Auf die Frage: Warum der Tod? gab der Pythagoräer und Arzt Alkmäon (im sechsten Jahrhundert vor Christus) die Antwort: ‚Die Menschen gehen deshalb zugrunde, weil sie nicht die Kraft haben, den Anfang an das Ende anzuknüpfen.‘ Was heißt das? Der Kreis der Zeit ist als Wiederkehr die Unsterblichkeit des in diesem Kreis Geschehenden. Dies aber geschieht nicht von selbst, sondern dank einer ‚Kraft‘, von der Alkmäon sprach.“ (Karl Jaspers, Kleine Schule des philosophischen Denkens, München 1965: 153)