Was Sie hier erwartet

Verehrte Leserinnen und Leser,

im Herbst meines Lebens bin ich dabei, die Ernte einzufahren. Es ist nicht alles aufgegangen, aber vieles eben doch. Zum heutigen Herbstanfang lade ich Sie ein, die Ernte mit mir zu teilen.
Vielleicht gelingt es mir, Hilfestellung zu geben für ein wirkliches und angstfreies Leben.

Manche Menschen sterben bereits als Achtzehnjährige und werden im Alter von 80 Jahren endlich beerdigt. Der gegenwärtige Augenblick, das Jetzt, ist der einzige Moment, in dem wir wirklich leben. Der Augenblick ist zeitlos. Ver­gangenes ist vorüber, Zukünftiges noch nicht geschehen. Nur die Gegenwart steht uns zum vollen Leben zur Verfügung.

Es gilt, die Gegensätze im Leben ins Gleichgewicht zu bringen und in Balance zu halten. Auf den ersten Blick scheinen sie sich gegenseitig auszuschließen, aber sie be­dingen einander, und wir sollten sie als Einheit erleben. Zum Leben gehört also, die Gegen­sätze in uns fortdauernd als Spannung auszuhalten, ja uns durch sie bereichern zu lassen. Der Todestrieb ist der Wunsch nach dem völ­ligen Ausgleich der Spannungen in unserem Leben.

Zum Leben gehört die Einsicht, daß die Wahrheit und die Wirklichkeit immer komplexer sind, als der Mensch sie in seinen Bemühungen um Er­kenntnis zum Ausdruck bringen kann.
Grundsätzlich steht es nicht in der Macht des Menschen, die Polarität des Lebens, die Spannung zwischen positiven und negativen Seiten, auszuschalten. Ohne sie gibt es kein Leben. Auf alten Sonnenuhren steht nicht selten der Satz „Was wäre das Licht ohne Schatten?“

Das ganze Leben ist Rhythmus. Dieser spielt in allen Lebensbereichen eine wichtige Rolle. Schon das Kind im Mutterleib wird geprägt vom biologischen Rhythmus der Mutter und kann sich auf dessen Kontinuität ver­lassen. Erstrebenswert ist es, dem Leben nicht mehr Tage hinzuzufügen, sondern den Tagen mehr Leben. Möglicherweise liegt unser Glück gerade darin, uns selbst auf die Suche nach dem Besten, was uns wirkliches Leben ermöglicht, zu begeben. Es lohnt sich, darüber nach­zudenken, wann wir dieses Beste vielleicht schon einmal gefunden haben.

Suchende haben mich gefunden, damit ich ihnen helfe, sich selbst und dabei das Göttliche in sich zu finden; denn „In ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir.“ (Apg 17,28).

Wer sich ins göttliche Leben einbezogen weiß, ist Teil des Unendlichen, Teil der göttlichen Energie. Mir persönlich ist Gott innerlicher als ich es mir selbst bin.

Der frühe Mensch hat seine stärkste Erfahrung Gott genannt. Es ist das Er„leben“ eines überindividuellen Zentrums des Daseins, einer Macht, die irdisches Leben gibt und wieder nimmt, einer Quelle des Lebens und zugleich dessen Ziel.

Gott begegnet uns in unserem Leben; dies geschieht jedoch nicht unmittelbar und direkt, sondern durch Ereignisse und Widerfahrnisse. Um diese bewußt wahrzunehmen, braucht es Offenheit und Gelassenheit. Wer gar nicht mit der Gegenwart Gottes rechnet, er„lebt“ ihn auch nicht; selbst manchen Suchenden gelingt es nicht, ihn zu finden.

JETZT ist der entscheidende Augenblick und der einzige in der Ewigkeit, die immer gleich und unverändert Liebe ist, ohne Vergangenheit und ohne Zukunft. Endloses Dasein auf Erden hat keinen Sinn, es wäre lediglich ein Nachschlag auf das endliche Leben. Ewig lebt der Mensch, der in der Gegenwart lebt, im Hier und Jetzt; alles andere ist ohnehin Fiktion. Das Leben ist nur dann zu kurz, wenn der Mensch die ihm zur Verfügung stehende Zeit nicht bewußt nutzt. „Carpe diem – Nutze/Pflücke den Tag!“ schrieb bereits der römische Dichter Horaz.

Brechen wir gemeinsam auf nach Neu„seh“land!

Hans-Karl Seeger

Rainer Maria Rilke

Herbsttag
Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

 

Herbst
Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.
Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.
Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.