3. Fastensonntag im Jahreskreis C (24.3.2019)

Ein brennender Dornbusch in der Wüste

Schriftlesungen:
1. Lesung: Ex 3,1-8a.13-15
2. Lesung: 1 Kor 10,1-6.10-12
Evangelium: Lk 13,1-9

Da brennt in der Wüste ein Dornbusch. Das ist an sich nichts Ungewöhnliches. Aber hätten Sie bemerkt, daß er zwar brennt, aber nicht verbrennt? Ich persönlich bin mir nicht sicher, ob ich es erkannt hätte; denn selbst in der Wüste, die sozusagen raum- und zeitlos ist, hätte ich mir wohl kaum die Zeit genommen, den Vorgang zu beobachten.

„Alle Dinge kann man doppelt betrachten: als Faktum und als Geheimnis.“ (Hans Urs von Balthasar 1905-1988 / Novalis 1772-1802: „Alles Sichtbare ist ein in einen Geheim­niszustand erhobenes Un­sicht­bares.“) Ich hätte vermutlich nur das Faktum wahrgenommen, Mose aber erkennt auch das Geheimnis und nähert sich dem Mysterium des brennenden Dornbusches, indem er sich die Schuhe auszieht.

In Klammern: Lehren wir unsere Kinder noch, sich in der Kirche anders zu verhalten als auf dem Schulhof? Da ich mit vielen Priestern spreche, habe ich von mehreren gehört, wie es am Aschermittwoch zuging, als das Übrigbleibende eines Verbrennungsvorganges, die Asche als Zeichen der Vergänglichkeit, aber auch der Unzerstörbarkeit und Wandlung durch das Feuer auf unsere Stirn gezeichnet wurde. Es ging zu wie auf dem Schulhof. In zahlreichen Diözesen gab es sogar „Aschenkreuz to go“.

Der Dichter Werner Bergengruen (1892-1964) notierte in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus 1942: „Als ob zum Urteil über Wert und Unwert des Lebendigen nicht ein Standort oberhalb unserer Welt nötig wäre!“

„Ein Standort oberhalb unserer Welt“Mose ist davon überzeugt, daß es ihn gibt. So darf er auch die Erfahrung machen, daß dieses Oben nicht weit weg, sondern bei uns ist: Ex 3,14 (hebräisch): הַסְּנֶה בֹּעֵר ha-səneh boʕēr alte Übersetzung: „Ich bin, der Ich bin!“, gemeint ist aber: „Ich bin der, der ich da sein werde." Laut Septuaginta (griechisch): ἐγώ εἰμι ὁ ὤν egô eimi ho ôn „Ich bin der Seiende.“

Und Israel erfährt Gottes Anwesenheit bei Tag und bei Nacht, am Tag in der Wolke, in der Nacht in einer Feuersäule.

Nun werden Menschen kommen und sagen: „Das gibt es nicht, der Dornbusch hat gebrannt, ja schön, aber da ist am Ende nichts als Asche. Und eine Wolke ist eine Wolke, sonst nichts, und irgendwann fällt daraus der Regen.“

„Alle Dinge kann man doppelt betrachten: als Faktum und als Geheimnis.“ Aber wie komme ich zu dem Geheimnis? Die moderne französische Mystikerin Simone Weil (1909-1943) schreibt: „Der Widerspruch ist der Hebel der Transzendenz.“

Erst in den Sackgassen des Verstandes ereignet sich das Wunderbare. Denn der Mensch kann nicht durch eigene Bemühung die Immanenz überschreiten, aber es kann ihm widerfahren, daß sich der Passivität, dem erkenntnis- und zweckfreien Ausharren, die undurchdringliche Wand auf­tut, als habe es sie nie gegeben.

Glauben ist nicht weniger als Wissen, sondern mehr. Mit dem Glauben erreiche ich eine Wirklichkeit, die mit Wissen nicht zu erfassen ist. Das gilt schon für das alltägliche Leben. Daß mich ein Mensch liebt, kann ich nicht wirklich wissen, darf es aber glauben. Das gilt erst recht, wenn es um die Wirklichkeit Gottes geht.

Die Glaubenswirklichkeit ist unbeschreiblich. Sie ist aber eine Erfahrung, die trägt, und sie läßt sich nur in Gleichnissen beschreiben, wie zum Beispiel in dem vom brennenden Dornbusch.

Zweifel in Bezug auf Wissen lassen sich klären. Zweifel im Glauben gehören sozusagen zum Glauben dazu, weil wir immer wieder wissen wollen, was nur im Glauben zu erfassen ist. Mir persönlich tun die Menschen leid, die nur glauben, was sie sehen. Wie aber sähe unsere Welt aus, wenn wirklich nur das existierte, was wir wahrnehmen?

Mose hat mehr gesehen als einen brennenden Dornbusch, und so durfte er Gott erfahren. Ob Ähnliches heute hier in diesem Gottesdienst möglich ist? Haben Sie auch, bildlich gesprochen, die Schuhe ausgezogen?

Bereiten wir uns für das Geheimnis! Dann spricht Gott auch zu uns: „Ich bin der, der ich da sein werde.“